Kritik

The Returned 2019 Los que vuelven

„The Returned“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Argentinien im Jahr 1919: Schon zweimal hat Julia, die Frau eines reichen Landbesitzers, Totgeburten verkraften müssen. Als sie auch noch ihr drittes Kind verliert, fleht sie in ihrer Verzweiflung Iguazú an, eine Gottheit der indigenen Guarani, auch wenn ihr dringend davon abgeraten wird. Zu ihrer Freunde und auch Verwunderung erwacht der mutmaßlich tote Säugling tatsächlich zum Leben, Julia kann das Glück kaum fassen. Doch diese Freude währt nicht ewig. Immer wieder zieht es ihren Sohn später hinaus, in die umliegenden Urwälder – zum Ärger und Entsetzen seiner Mutter, die sich sein Verhalten nicht erklären kann. Und es wird nicht das einzige Unerklärliche sein, mit dem sie sich auseinandersetzen muss …

Das grausame Erbe der Kolonie
Dieses Jahr wurde im Zuge der weltweiten Black Lives Matter Bewegung auch das Thema der Kolonisierung wieder angesprochen, die zahlreichen Verbrechen, welche Europäer anderen Völkern angetan haben, als sie diese heimsuchten, ihre Besitztümer stahlen und sie zu harter Arbeit zwangen. Insofern ist der Zeitpunkt für The Returned ganz günstig, das sich mit den Massakern in Südamerika auseinandersetzt, welche seit der „Entdeckung“ dort stattfanden und zahlreiche Stämme und Kulturen zerstörte. Zum Zeitpunkt der Geschichte liegt das zwar schon länger zurück. Doch die Spuren sind noch immer deutlich zu finden, wenn die Nachkommen europäischer Invasoren es sich in einem gestohlenen Land gemütlich machen und die einheimische Bevölkerung als Untergebene missbrauchen.

Um ein reines Gesellschaftsdrama handelt es sich bei dem Film jedoch nicht. Vielmehr kombiniert Regisseurin und Co-Autorin Laura Casabé, die hier einen früheren Kurzfilm aufgreift und erweitert, das historische Thema mit einer übernatürlichen Komponente. Das erinnert ein wenig an die Netflix-Serie Vetala. Dort war es die indische Historie als Kolonie Großbritanniens, welche mit rasenden Untoten verbunden wurde. Beiden Produktionen ist gemeinsam, dass entgegen der Warnungen der einheimischen Bevölkerung das Tor zu einer anderen Welt aufgestoßen wird, was nicht nur Tot und Leid mit sich bringt, sondern auch an die eigenen Verbrechen erinnert, die zuvor lange begraben waren.

Ein Ausflug in die unheimlichen Urwälder
Im Gegensatz zu den indischen Kollegen ist der argentinische Film jedoch stärker an einer unheilvollen Atmosphäre interessiert, weniger an deftiger Handlung. Tatsächlich bestehen weite Passagen von The Returned lediglich darin, dass jemand durch die Urwälder läuft. Das hört sich nicht allzu aufregend an, ist aber doch stimmungsvoll, gerade in audiovisueller Hinsicht. Da werden Vogelgesänge mit unheimlicher Musik und verfremdeten Klängen vermischt, während wir durch die wilde, undurchsichtige Natur streifen, in der man hinter jedem Baum, jedem Felsen und jedem Fluss ein tief verborgenes Geheimnis vermutet. Eine Gefahr, die von allem ausgehen kann und deshalb für ein angespanntes Ambiente sorgt.

Es sind dann auch diese Bilder, zwischen Idylle und Abgrund gelegen, die einem bei dem Beitrag vom SLASH Filmfestival 2020 in Erinnerung bleiben, betörend und bedrohlich. Einem reinen Genre-Publikum könnte das dennoch zu wenig sein. Casabé verlässt sich schon sehr auf diese Wirkung und tritt dafür beim Inhalt auf die Bremse. Auch weil der in drei Kapitel geteilte Film in paar Umwege geht und das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven zeigt, dauert es eine Weile, bis der eigentliche Horror beginnt, The Returned begnügt sich mit Andeutungen. Wer sich aber darauf einlassen kann, dass der Film eben nur zum Teil darauf aus ist, das Publikum das Fürchten zu lehren, den erwartet eine sehenswerte Reise, welche das Reale und das Spirituelle verbindet, von unheimlichen Gottheiten redet, den wahren Schrecken aber mitten unter den Menschen findet.

Credits

OT: „Los Que Vuelven“
Land: Argentinien
Jahr: 2019
Regie: Laura Casabé
Drehbuch: Laura Casabé, Lisandro Bera, Paulo Soria
Musik: Leonardo Martinelli
Kamera: Leonardo Hermo
Besetzung: Lali González, María Soldi, Alberto Ajaka, Javier Drolas, Edgardo Castro, Cristian Salguero

Bilder

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The Returned (2019)
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The Returned (2019)
„The Returned“ beginnt mit einer Frau, die nach ihrer dritten Totgeburt eine indigene Gottheit anbetet, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt. Der argentinische Film verbindet dabei das Übersinnliche mit dem realen Grauen der Kolonisierung. Die Handlung ist recht sparsam, das Tempo gering. Dafür gibt es atmosphärisch-unheimliche Ausflüge in den Dschungel.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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