
In einer kleinen Gemeinde können Gerüchte schnell zu einer gefährlichen Waffe werden. Besonders wenn sich ein Mensch durch sein Verhalten verdächtig gemacht hat, ist es für ihn oder sie meist sehr schwierig, den Rest der Gemeinde vom Gegenteil zu überzeugen. Besonders heikel wird es jedoch, wenn ein Verbrechen hinzukommt, da sich bei dessen Aufklärung nicht selten eben jene Gerüchte mit der eigentlichen Ermittlungsarbeit vermischen. Wenn zusätzlich der öffentliche Druck auf die Behörden wächst, einen Fall möglichst schnell zu lösen, kann dies zu schwerwiegenden Irrtümern führen, die im schlimmsten Fall sogar in einer Verurteilung enden. Diese wiederum bestätigt die Gemeinde nur in ihrem bereits gefällten Urteil über die betreffende Person. Trotz – oder gerade wegen – seiner hohen Verurteilungsquote ist auch das japanische Justizsystem von solchen Fällen betroffen. Offizielle Zahlen existieren zwar nicht, doch Organisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International kritisieren seit Jahren das Vorgehen der japanischen Behörden, insbesondere die langen Verhöre, den eingeschränkten Zugang zu Anwälten während der ersten Verhörphase sowie den enormen psychologischen Druck, der auf Verdächtige ausgeübt wird. Dieses System, das häufig als „hostage justice“ bezeichnet wird, wurde vermutlich auch dem Farmer Masaru Okunishi zum Verhängnis, der 1961 beschuldigt wurde, fünf Frauen vergiftet zu haben. Er soll den Wein, den er eigens für eine Feier gekauft hatte, mit Pestiziden versetzt haben, was schließlich zum Tod der Frauen führte. Aufgrund von Indizien wurde Okunishi angeklagt, jedoch in erster Instanz freigesprochen. Vier Jahre später wurde dieses Urteil allerdings aufgehoben, woraufhin Okunishi zum Tode verurteilt wurde. Der sogenannte „Nabari Poisoned Wine Case“ zählt heute zu den bekanntesten Justizskandalen Japans. Für ihre Dokumentation The Limit, die in diesem Jahr auf der Nippon Connection zu sehen ist, rollt Regisseurin Reika Kamata den Fall erneut auf. Mit dieser Arbeit widmet sie sich abermals einem Thema, das bereits im Zentrum ihres vorherigen Films Sleeping Village (2018) stand. In The Limit steht vor allem Masarus Schwester Miyoko im Mittelpunkt, für die der Kampf um die Unschuld ihres Bruders zu einer Lebensaufgabe geworden ist. Selbst nach Masarus Tod in Haft im Jahr 2015 gibt sie nicht auf und hofft weiterhin auf eine Annullierung des Urteils, das über die Jahre hinweg immer wieder Anwälte, Reporter und Richter beschäftigt hat. Doch The Limit ist nicht nur die Geschichte eines Prozesses und seiner Auswirkungen auf eine Familie, sondern zugleich ein Blick auf das Justizsystem eines Landes, in dem die Wahrung des Gesichts mitunter wichtiger erscheint als die Wahrheit selbst. „Lass sie von der Unschuld wissen.“ Die Erde auf dem Grab ihres Bruders ist noch feucht, als Miyoko schließlich dort ankommt. Der Weg hat die über achtzigjährige Frau sichtlich erschöpft, dennoch beginnt sie sofort damit, die letzte Ruhestätte ihres Bruders zu pflegen. Sie richtet noch ein paar letzte Worte an ihn, bevor sie sich auf den Heimweg macht, wo bereits eine Nachricht ihres Anwalts über neue Entwicklungen im Prozess auf sie wartet. Doch auch dieses Mal sind die Neuigkeiten ernüchternd – der Kampf, der sichtbare Spuren bei Miyoko hinterlassen hat, ist noch lange nicht vorbei. The Limit erzählt von einem Kampf Davids gegen Goliath, wobei der Riese in diesem Fall die japanische Justiz ist, die trotz zahlreicher Beweise zugunsten Masarus weiterhin auf dessen Schuld beharrt und das harte Urteil über Jahrzehnte hinweg aufrechterhält. Man könnte diese Geschichte sensationsgierig und dramatisch zuspitzen, wie es die Boulevardpresse vermutlich tun würde, doch Kamata vertraut stattdessen auf die Kraft der Fakten und auf die Menschen – allen voran natürlich Miyoko –, mit denen sie spricht. Die Geschichte Miyokos wird vom großen Tatsuya Nakadai erzählt, was zugleich als interessante Anspielung auf eine seiner berühmtesten Rollen gelesen werden kann. In Masaki Kobayashis Harakiri klagte er einst ebenfalls ein ungerechtes und brutales System an, das auf der Vollstreckung eines harten Urteils bestand, selbst als Mitgefühl und Gnade möglich gewesen wären. The Limit erweitert dieses Motiv um eine weitere Ebene, indem der Film den jahrelangen Kampf als eine Sisyphusarbeit begreift. In einer kurzen Sequenz sehen wir die unterschiedlichen Richter, die sich im Laufe der Jahrzehnte mit dem Fall Okunishi beschäftigt haben, während das Urteil des zweiten Prozesses dennoch unangetastet bleibt. Neue Beweise der Anwälte, die das Narrativ der Staatsanwaltschaft ins Wanken bringen könnten, werden mit einer Ungeduld zurückgewiesen, die deutlich macht, dass hier kaum ein Durchkommen möglich ist. Das steinerne Antlitz des japanischen Richters wird zum Gesicht jenes Torhüters, der in Kafkas berühmter Parabel dem Mann den Zutritt zum Gesetz verwehrt. OT: „Imouto no Jikan“ Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: Japan
Jahr: 2024
Regie: Reika Kamata
Kamera: Hiroki Sakai, Shingo Komeno
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