
Im Jahre 1833 zieht der herrenlose Samurai Genta (Tatsuya Nakadai) durchs Land auf der Suche nach Arbeit. Er trifft auf Hanjiro (Etsushi Takahashi), einen Bauern, der davon träumt, selbst Samurai zu werden und in Genta eine Art Mentor sieht. Die beiden Männer erreichen schließlich eine kleine Gemeinde, in der ein brutaler Machtkampf zwischen rivalisierenden Fraktionen entbrannt ist. Nachdem eine Bande um den Schwertkämpfer Ayuzawa (Shigeru Kōyama) einen Beamten ermordet hat, verrät dieser seine eigenen Männer und lässt sie als Sündenböcke zurück. Um seine Stellung innerhalb des Clans zu festigen, beginnt er einen unbarmherzigen Feldzug gegen seine ehemaligen Kameraden, die als Geächtete in den umliegenden Bergen Zuflucht suchen müssen.
Während Genta das Geschehen mit wachsender Skepsis beobachtet und Ayuzawa nicht über den Weg traut, sieht Hanjiro darin die Chance, sich endlich als Samurai zu beweisen. Obwohl er noch nie ein Schwert in der Hand gehalten hat, schließt er sich den Männern an, die die Banditen zur Strecke bringen wollen. Als Genta schließlich das wahre Ausmaß von Ayuzawas Verrat erkennt, wird ihm klar, dass sich das drohende Blutvergießen nicht länger mit Vernunft und Worten verhindern lässt.
Samurai sind keine Übermenschen
Der Samuraifilm oder Chambara wird immer wieder mit der Figur des scheinbar unbesiegbaren Schwertkämpfers assoziiert. Darsteller wie Shintaro Katsu (Zatoichi), Tomisaburo Wakayama (Itto Ogami) und natürlich Toshiro Mifune haben unzählige Male Samurai porträtiert, die durch ihre tödlichen Schwertkünste ebenso Eindruck machten wie durch ihren Gehorsam gegenüber dem Ehrenkodex der Samurai, dem Bushidō. Spätestens in den 1960er Jahren wurde dieses Bild jedoch einer genauen Prüfung unterzogen und kritisch hinterfragt, nicht zuletzt von Filmemachern wie Kihachi Okamoto. Die Darstellung des unbesiegbaren Samurai war nicht mehr zeitgemäß, weshalb er mit Werken wie Sword of Doom oder Samurai Assassin filmische Antithesen zu diesem Bild schuf. In Kill! fügt Okamoto dem Ganzen noch eine ironische Note hinzu, indem er zum einen Samurais zeigt, die ihren Glauben an die Ideale des Bushidō verloren haben, und zum anderen ihre Taten deutlich weniger heroisch erscheinen lässt. Sie sind vor allem Erfüllungsgehilfen einer korrupten, dekadenten Elite, die sich auf den Ehrenkodex beruft, um sich des Gehorsams der Samurai sicher zu sein.
In Sword of Doom konzentriert sich Okamoto auf die Figur des Schwertkämpfers an sich, doch in Kill! zeigt er auch die Unmenschlichkeit und das Chaos der Welt um ihn herum. Der ebenfalls von Tatsuya Nakadai gespielte Ryunosuke im ersten Film ist ein talentierter Samurai, zugleich aber zutiefst amoralisch und von soziopathischen Zügen geprägt. In Kill! gibt es viele Figuren, die wie er keinerlei Skrupel haben, Menschen zu hintergehen oder gar sinnlos abzuschlachten. Als Genta und Hanjiro in der kleinen Gemeinde ankommen, wird ihr Augenmerk – ebenso wie das des Zuschauers – auf eine grausige Szene gelenkt. Zwei Ladenbesitzer wurden beraubt und schließlich an den Dachbalken ihres eigenen Geschäfts erhängt. Während Genta unberührt scheint, fällt Hanjiro schnell auf das Narrativ von Menschen wie Ayuzawa und vieler anderer herein, die den Kampf gegen die vermeintlichen Banditen als Vorwand nutzen, um sich selbst zu bereichern. Nicht die Rebellen in den Bergen sind das Problem, sondern die Herrschenden, die über jede Leiche gehen, um ihre Macht auszubauen. Wie schon Sword of Doom ist auch Kill! ein Blick auf eine Welt, die gegen Ende der 1960er Jahre in Chaos, Krieg und Machtstreben zu versinken scheint, während einfache Menschen wie die beiden Ladenbesitzer den Preis dafür zahlen müssen.
Die Ironie der Helden
Die Komik von Kill! ergibt sich aus der Kombination der beiden Figuren Genta und Hanjiro. Tatsuya Nakadai spielt einen Wiedergänger von Charakteren wie Tsugumo aus Masaki Kobayashis Harakiri, denn auch Genta hat jegliche Illusionen über das Dasein eines Samurai abgelegt. Ironischerweise wählt Etsushi Takahashis Hanjiro ihn dennoch als Mentor aus – nicht zuletzt, weil er für die Position eines Schwertkämpfers eigentlich gänzlich ungeeignet erscheint. Genta will sich aus den Machenschaften der Mächtigen heraushalten, die nur aus Eigennutz handeln. Hanjiro hingegen zeigt sich empfänglich für deren Rhetorik von Ehre und Loyalität und wird so zum willigen Erfüllungsgehilfen ihrer brutalen Vorhaben. Auch wenn diese Geschichte weniger pessimistisch erzählt wird als in Sword of Doom, bleibt die völlige Desillusionierung auch in Kill! bestehen. Okamoto, der selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg war, betont seine kritische Sicht auf nationale Narrative und Ideale, die letztlich nur niedere Bedürfnisse befriedigen und für leichtgläubige Menschen wie Hanjiro meist den Tod bedeuten.
Der Samurai als Held erfährt eine konsequente Demontage. Unabhängig von seiner Schwertkunst ist jemand wie Genta eher ein Zerrbild des klassischen Chambara-Helden. Resignation vermischt sich mit Erschöpfung und einem ständigen Überlebenskampf, da er sich keinem Fürsten oder Adeligen mehr unterordnen möchte. Genta verlangt lediglich nach etwas Sake und einer Mahlzeit, während Hanjiro von ganz anderen Dingen träumt. Die wohl größte Ironie besteht jedoch in Gentas Wissen um die fatale Fehlentscheidung seines Begleiters und seiner gleichzeitigen Hilflosigkeit, wenn es darum geht, das drohende Unrecht zu verhindern.
OT: „Kiru“
Land: Japan
Jahr: 1968
Regie: Kihachi Okamoto
Drehbuch: Kihachi Okamoto, Akira Murao
Kamera: Rokuro Nishigaki
Musik: Masaru Sato
Besetzung: Tatsuya Nakadai, Etsushi Takahashi, Atsuo Nakamura, Tadao Nakamura, Shigeru Koyama
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