
Nach einem berühmten Zitat des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski gibt es einen Unterschied, ob wir nur schauen oder tatsächlich sehen. Bezogen auf Kunst meinte der Filmemacher damit, dass viele Zuschauer nur eine Oberfläche wahrnehmen, aber nicht durchdringen, worauf es dem Künstler oder der Künstlerin ankommt. Natürlich kann man das Statement auch auf den Kreativen selbst beziehen, der sich zwar einem Thema oder einem Gegenstand annähern kann, dem es aber nicht immer gelingt, ihn vollends zu erfassen. Das „Sehen“ ist demnach ein Zustand, der über das Wahrgenommene hinausgeht, Zusammenhänge erkennt und eine passende Form findet, diese Vision umzusetzen. Wahre Kunst ist schließlich etwas Seltenes und Einzigartiges und überdauert den Schöpfer manchmal selbst, sodass die Faszination dieser Werke bis heute nicht abgenommen hat – auch wenn sich der ein oder andere nicht erklären kann, worin diese Faszination eigentlich besteht. Der künstlerische Prozess ist daher nicht selten erschöpfend, zugleich aber wie eine Sucht, von der man nicht loskommt. Glaubt man dem japanischen Künstler Morio Matsui, ist der Prozess des Schaffens gleichzusetzen mit sexuellem Verlangen und dessen Befriedigung. Blickt man auf die zahlreichen Werke des Malers, der 2022 verstarb, kommt man nicht umhin festzustellen, dass sich dieses Verständnis des schöpferischen Prozesses in Inhalt und Form widerspiegelt. Auch wenn Matsui nie wirklich zum „Mainstream“ der Kunstszene gehörte (und dies vielleicht auch nicht wollte), geht von seinen Werken eben jene Faszination aus, der sich der Betrachter kaum entziehen kann. Auch Matsui selbst konnte sich davon nicht lösen und arbeitete teils bis zur Erschöpfung weiter an ihnen, wie man in ZEN & EROS, einer Dokumentation der japanischen Regisseurin Miwa Yoshimine, nun sehen kann. ZEN & EROS begreift sich zum einen als Dokumentation des Lebens und des Werks Matsuis, zum anderen aber auch als Annäherung an dessen künstlerischen Prozess. Speziell dieser letzte Aspekt macht die Dokumentation, die im Programm der Nippon Connection 2026 vertreten ist, besonders und hebt sie von vergleichbaren Filmen über Künstler ab. „Jetzt brauche ich eine Pause.“ Die Küste Korsikas ist zweifelsohne ein schöner Landstrich. Nur wenigen Künstlern gelang es, diese Pracht, die Farben und dieses Licht einzufangen, wie wir zu Beginn von ZEN & EROS erfahren. Während einer Bootstour entlang der Küste wirkt diese Landschaft ungemein anregend auf Matsui, sodass er nicht anders kann, als seinen Skizzenblock herauszunehmen und spontan drei Bilder zu kreieren. Dabei kommentiert er fröhlich, was um ihn herum passiert, und erlaubt sich sogar den ein oder anderen Witz mit dem Kapitän des kleinen Boots, der im Zentrum eines der entstandenen Kunstwerke stehen wird. Als dann jedoch das letzte Bild vollendet ist, liegt Matsui erschöpft auf einer Bank am Bug des Bootes, grinst und bemerkt, dass Kunst wie Sex sei. Da er binnen weniger Minuten dreimal gekommen ist, habe er sich nun eine Pause verdient. Was wie eine kurios-kauzige Episode anmutet, zeigt den Ansatz, den Yoshimine mit ihrer Dokumentation verfolgt. Der künstlerische Prozess wird verständlich gemacht über einen Vergleich, den Matsui selbst im Verlauf der gesamten Dokumentation immer wieder benutzt. Zugleich erleben wir aber auch eine gewisse Distanz, die das Schöpferische bewahrt, ohne es vollständig zu offenbaren – und sich diesem Prozess eben „nur“ über einen Vergleich nähert. Der Ansatz ist spannend, weil Matsui wie ein Getriebener wirkt, der stets neue Inspiration – sexueller oder spiritueller Natur – sucht, um sich als Künstler und als Mensch weiterzuentwickeln. Das Motiv dreier nackter Menschen, die ihm Modell stehen, ist dabei ähnlich „erregend“ wie eine Teezeremonie oder der Besuch eines Tempels. Als Matsui ein großformatiges Bild erschafft, scheint es fast so, als würde er den Pinsel anflehen, ihm nun endlich Ruhe zu geben, da er müde und erschöpft sei. Der Prozess ist keinesfalls einspurig, sondern verläuft in beide Richtungen. Energie, in welcher Form auch immer, muss weitergegeben werden – beispielsweise in Form eines Kunstwerks. Matsui erscheint als Künstler, der seine Vision teilen möchte und dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, nicht nur zu schauen, sondern tatsächlich zu sehen und zu erkennen. OT: Koko no samurai – ai o egaku
Land: Japan
Jahr: 2026
Regie: Miwa Yoshimine
Kamera: Yukio Minami
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