
Nach dem Freitod ihrer ältesten Tochter beschließt Etsuko (Yō Yoshida), ihr Haus in England zu verkaufen. Für ihre jüngste Tochter Niki (Camilla Aiko), die seit einigen Jahren als Autorin in London lebt, scheint dies die letzte Gelegenheit zu sein, mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter zu erfahren. Besonders interessiert sie sich für Etsukos Zeit im Nagasaki der Nachkriegsjahre, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte und ihre Familie den Atombombenabwurf von 1945 überlebte. Doch das Gespräch fällt beiden Frauen schwer, denn Etsuko spricht nur ungern über ihre Heimat und die Menschen, die sie in Japan zurückgelassen hat. Zudem liegt der Tod von Nikis Schwester wie ein Schatten über ihrer Beziehung.
1952 lebt die junge Etsuko (Suzu Hirose) gemeinsam mit ihrem Mann Jiro (Kōhei Matsushita) in einer kleinen Wohnung in Nagasaki. Während die beiden ihr erstes Kind erwarten, leidet ihre Beziehung zunehmend unter Jiros beruflichem Druck und der emotionalen Distanz zwischen ihnen. Erst die Begegnung mit Sachiko (Fumi Nikaido), einer jungen Frau, die aufgrund ihrer Nähe zu amerikanischen Soldaten von ihrem Umfeld kritisch betrachtet wird, bringt Abwechslung in Etsukos Alltag. Gleichzeitig scheint Sachikos unkonventionelles Leben all jene Sehnsüchte zu verkörpern, die Etsuko selbst nie offen auszusprechen wagt.
Im Schatten der Bombe
A Pale View of Hills ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kazuo Ishiguro (Alles, was wir geben mussten), der in Deutschland unter dem Titel Damals in Nagasaki veröffentlicht wurde. Dass Ishiguro seinen Roman in England schrieb und erst viele Jahre nach dessen Veröffentlichung nach Japan zurückkehrte, gehörte zu den Aspekten, die die Geschichte für Regisseur Kei Ishikawa besonders interessant machten. Die räumlich-zeitliche Distanz des Autors ermöglicht einen anderen Blick auf die Ereignisse des 9. August 1945 und deren Folgen für die japanische Gesellschaft, Politik und Kultur. A Pale View of Hills, der auf der Nippon Connection 2026 gezeigt wird, verdeutlicht am Beispiel einer Familie, welche Auswirkungen dieses Ereignis hatte und wie unterschiedlich verschiedene Generationen damit umgehen.
Viele japanische Kulturschaffende haben sich bereits mit der Zeit nach dem Atombombenabwurf beschäftigt und damit, wie dieses Ereignis die Kultur des Landes veränderte oder prägte. Shōhei Imamuras Schwarzer Regen (1989) erzählte etwa von einer Familie, die den Abwurf zwar überlebte, aufgrund der Strahlenbelastung jedoch von Teilen der Gesellschaft wie Aussätzige behandelt wurde. Diese Realität ist nur einer von vielen Aspekten, die in A Pale View of Hills eine Rolle spielen. Ishikawas Film zeigt den Umgang mit den Ereignissen als einen Prozess, der zwischen Verdrängung, Ausgrenzung und offener Anfeindung changiert.
Als Sachikos Tochter versehentlich die Nudelschüssel eines Arbeiters fallen lässt, werden diese Mechanismen sichtbar: Das Kind wird mit einer Tirade von Beleidigungen überschüttet, und erst das entschlossene Eingreifen der Mutter verhindert eine weitere Eskalation. Menschen wie Sachiko und ihre Tochter passen nicht in das Idealbild einer „reinen“ Gesellschaft, die sich im Schatten der Niederlage des Zweiten Weltkriegs erneut in nationalistischen Denkmustern verfängt. Zugleich sind die Erinnerungen an diesen dunklen Moment der Geschichte allgegenwärtig – auch wenn viele Menschen ihn möglichst schnell verdrängen wollen. Beim Blick auf die belebten Geschäftsstraßen Nagasakis bemerkt eine Figur, es sei „fast so, als wäre nichts geschehen“, obwohl der lange Schatten der Bombe weiterhin über den Menschen und Gebäuden liegt.
Die Generationen danach
Generell richtet A Pale View of Hills seinen Blick stark auf die Beziehung zwischen den Generationen. Ähnlich wie Ishiguro selbst muss sich Camilla Aikos Figur ihre eigene Geschichte und Sichtweise auf ein Ereignis und eine Kultur erschaffen, die ihr paradoxerweise zugleich fremd und vertraut erscheinen. Besonders die Szenen zwischen ihr und Yō Yoshida überzeugen schauspielerisch, weil sie die angespannte Mutter-Tochter-Dynamik eindringlich einfangen. Die Mischung aus emotionaler Nähe und Schweigen inszeniert Ishikawa als Sinnbild für den Konflikt zwischen Generationen, die sehr unterschiedlich mit dem Erbe eines traumatischen Ereignisses umgehen. Die Strahlung, wie es im Film heißt, wirkt noch lange nach – sie vergiftet Beziehungen und Gemeinschaften und macht eine gemeinsame Aufarbeitung schwierig.
Von den Nebenhandlungen, die Ishikawa in seinen Film integriert, ist die Geschichte rund um Jiros Vater Seiji (Tomokazu Miura) vermutlich die stärkste. Als ehemaliger Lehrer mit nationalistischem Weltbild möchte er sich mit einem früheren Schüler treffen, der ihn in einem Magazinartikel als Kriegstreiber bezeichnet hat. Die Szene dient als Kontrast zum Schweigen, das Seijis Beziehung zu seinem eigenen Sohn prägt – anfängliche Höflichkeiten weichen schnell bitteren Vorwürfen und einer nachhaltigen Erschütterung des eigenen Selbstbildes. Die vielen Momente des Schweigens, die Ishikawa in den Film einbaut, werden dabei zu Leerstellen, in denen sich die Unsicherheit über eine gemeinsame Zukunft spiegelt. Die entscheidende Frage bleibt, wie man mit dem Schatten der Bombe umgehen wird.
OT: „Toi yamanami no hikari“
Land: Japan, UK, Polen
Jahr: 2025
Regie: Kei Ishikawa
Drehbuch: Kei Ishikawa
Vorlage: Kazuo Ishiguro
Kamera: Piotr Niemyjski
Musik: Pawel Mykietyn
Besetzung: Suzu Hirose, Fumi Nikaido, Yo Yoshida, Camilla Aiko, Kohei Matsushita
Cannes 2025
Toronto International Film Festival 2025
BFI London Film Festival 2025
Nippon Connection 2026
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