Kritik

Rojo

„Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino)

Einfach nur schön zusammen Abend essen, mehr wollte Claudio Morán (Darío Grandinetti) ja gar nicht. Doch während er im Restaurant noch auf seine Frau Susana (Andrea Frigerio) wartet, die sich dieses Mal verspätet hat, gerät er mit einem Fremden (Diego Cremonesi) aneinander. Als dieser ausfällig und gewalttätig wird, muss er das Restaurant verlassen, wonach für Claudio die Geschichte eigentlich vorbei ist. Das stellt sich später als Täuschung heraus, denn der geistig verwirrte Mann ist zurück und bedroht das Ehepaar mit einer Waffe. Der Schreckmoment ist bald vorbei, gleichzeitig aber auch nicht, denn der Vorfall wird den Anwalt noch viele Jahre verfolgen …

Es dauert eine Weile, bis Rojo seinem Titel gerecht wird. „Rot“ bedeutet dieser aus dem Spanischen übersetzt. Rot wie das Blut, das im Argentinien der 1970er vergossen wird, ohne dass es die Leute sehen. Rot wie die Sonnenfinsternis, die inmitten des Films majestätisch und irgendwie surreal über dem Geschehen thront. Ansonsten ist der Film eher von gedeckten Farben geprägt. Da ist viel Gelb dabei, ein eher blasses Gelb, so als würde man eine alte Fotografie anschauen. Und natürlich geht es in dem Film auch um Vergangenheit, geht es um Erinnerungen. Und eben um das Sehen, um das Nicht-Sehen und das Nicht-Sehen-Wollen, um das Verschweigen, Verdrängen und Vergessen.

Das sprachlose Grauen
Von Anfang an herrscht da eine angespannte Stimmung in Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig. Noch bevor die eigentliche Geschichte beginnt, sehen wir, wie ein Haus ausgeräumt wird, ohne große Kontexte. Die Szene im Restaurant bereitet danach die Bühne für etwas, das wir in einem Horrorfilm vermuten würden. Dabei ist sie Anfang und Ende zugleich: Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Naishtat inszeniert hier einen ersten Höhepunkt, der auch tatsächlich durch Mark und Bein geht, anschließend aber lange keine Rolle mehr spielt. Das ist durchaus überraschend, gleichzeitig irgendwie passend. Immer wieder wird der Film davon handeln, das etwas nicht ist, das eigentlich ist – und umgekehrt. Sprachlos, in einer Art intuitivem Verständnis.

Rojo nimmt uns mit in die Zeit vor dem Militärputsch in Argentinien, eine Zeit, in der viele verschwanden, die nicht passten, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Auch im Film kommt das vor, wobei wir nur selten dabei zusehen dürfen. Meistens hören wir nur davon, wenn es wieder geschehen ist. Eines dieser seltenen Male, wenn das Thema visualisiert wird, geschieht während einer Zauberaufführung, wenn ein älterer Herr eine Dame aus dem Publikum davonzaubert. Dieses harmlose Verschwinden in eine Geschichte einzubauen, die das reale und brutale Verschwinden von Menschen thematisiert – das zeugt von einer scharfen Komik, einem gemeinen Sinn für Humor. Umso mehr, da sich ansonsten fast niemand damit auseinandersetzen will.

Brutalität hinter der Fassade
Das macht den Film gleichzeitig wieder schockierend. Die Beiläufigkeit, mit der hier Verbrechen begangen werden und das kollektive Desinteresse daran, das ist aus Sicht eines Zuschauers unwirklich und unangenehm. So als wäre man der einzige, der etwas davon mitbekommt und sich daraufhin selbst in Frage stellt. Wie bei einem Unfall, an dem alle anderen vorbeigehen. Claudio ist einerseits der vornehme, zurückhaltende Nobelmann, zu dem alle aufsehen, und doch ein grausamer Mensch, den das Schicksal anderer eher weniger kümmert. Helden in dem Sinn gibt es hier auch keine. Rojo versammelt Opfer und Täter, versammelt Komplizen und lässt dabei gerne mal die Grenzen verschwinden und sei es, weil diese von Leuten überrannt werden, vergleichbar zu dem Spiel Risiko, welches in einer Szene ausgepackt wird und Inhalt einer bizarren Diskussion wird.

Bizarr ist allgemein so einiges bei dieser internationalen Coproduktion, die seit dem Debüt auf dem Toronto International Film Festival 2018 von Filmfest zu Filmfest gereicht wird. Aber auch faszinierend. Getragen von starken Leistungen des Ensembles und bestechenden Bildern ist Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig Zeit- und Gesellschaftsporträt, eine Erinnerung an die kollektive Nicht-Erinnerung, welche unbemerkt Spuren hinterlassen hat. Für ein Publikum, das einen reinen Thriller will, wird es trotz duellartiger Szenen wohl zu wenig geben. Gleiches gilt für Zuschauer und Zuschauerinnen, die sich ein klassisches Schuld- und Sühnedrama erhoffen. Stattdessen geht Naishta einen eigenen Weg zwischen Andeutung und Täuschen, zwischen idyllischer Ruhe und finsteren Abgründen.

Credits

OT: „Rojo“
Land: Argentinien, Brasilien, Frankreich, Niederlande, Deutschland
Jahr: 2028
Regie: Benjamin Naishtat
Drehbuch: Benjamin Naishtat
Musik: Vincent van Warmerdam
Kamera: Pedro Sotero
Besetzung: Dario Grandinetti, Andrea Frigerio, Alfredo Castro, Laura Grandinett, Diego Cremonesi

Bilder

Trailer

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Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig
3.8 (76%) 10 Artikel bewerten

Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig
„Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig“ beginnt mit einem seltsamen Duell, das schnell vergessen ist und doch immer präsent. Der Film nimmt uns dabei mit ins Argentinien der 1970er und zeigt eine Gesellschaft, in der Ungeheures vor sich geht, während der Rest nur achselzuckend danebensteht. Das ist unangenehm und unwirklich, irgendwie etwas komisch und dabei auch faszinierend.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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