Foto: Mikolaj Starzynski

Jan Komasa [Interview]

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Kinostart: 4. Juni 2026) erzählt die Geschichte des 19-jährigen Tommy (Anson Boon), der ständig über die Strenge schlägt und mit seinen gewaltvollen Eskapaden auch noch öffentlich prahlt. Bis ihn jemand überfällt und entführt. Danach ist nichts mehr, wie es war: Der Teenager wird im Keller der Familie Chris (Stephen Graham), Kathryn (Andrea Riseborough) und Jonathan (Kit Rakusen) angekettet gefangengehalten. Ziel dieser Prozedur ist, aus Tommy einen besseren Menschen zu machen, auch gegen seinen Willen. Wir haben im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights 2026, wo der Thriller seine Deutschlandpremiere feierte, mit Regisseur Jan Komasa gesprochen.

Warum hast du diesen Film gedreht? Was hat dich an Good Boy gereizt?

Der legendäre Regisseur Jerzy Skolimowski, den ich sehr bewundere, hat mir 2019 das Drehbuch geschickt, als ich gerade dabei war, meinen Film Corpus Christi für die Oscars zu promoten. Er schlug vor, dass ich das Drehbuch verfilme und er das Ganze produzieren würde. Ich war mir nicht sicher, ob das Drehbuch wirklich richtig für mich war. Aber ich liebte es. Außerdem sagst du nicht Nein zu Jerzy Skolimowski. Nicht nur, weil er ein berühmter Regisseur ist, sondern auch, weil er ein ehemaliger Boxer ist. (lacht) Deswegen habe ich darüber nicht groß nachgedacht. Mit ihm zusammenarbeiten zu können, war mir Grund genug.

Und wie ging es danach weiter?

Mir ist in meinen Filmen immer die Psychologie besonders wichtig. Wer sind die Figuren? Warum verhalten sie sich so? Ich versuche, den Figuren so nahe wie möglich zu kommen und fast schon sie zu werden, um sie zu verstehen. Bei Good Boy hast du dieses Konzept, dass ein junger Mann die meiste Zeit über an die Decke gekettet ist. Als ich das Drehbuch bekommen habe, war die Geschichte eher noch ein Guilty Pleasure. Ein Thriller, der Spaß machen sollte und viel schwarzen Humor hatte. Ich brauchte aber eine psychologische Begründung für das, was in dem Drehbuch geschieht. Warum nimmt jemand einen anderen gefangen und kettet ihn an? Das war die erste Herausforderung. Die zweite war, die richtige Tonalität zu finden, weil das alles schnell nach hinten hätte losgehen können. Der Film ist von Anfang bis zum Schluss grotesk. Gleichzeitig hat er aber auch einen gesellschaftlichen Kommentar. Ich brauchte also die richtige Balance.

Als ich mich über deinen Film informiert habe, habe ich die unterschiedlichsten Beschreibungen gefunden. Manche bezeichnen ihn als Mystery Thriller, andere als schwarze Komödie oder als Drama. Wie würdest du Good Boy selbst beschreiben?

Es handelt sich dabei um einen britischen Film. Und Briten sind sehr gut darin, diplomatisch zu sein. Sie haben die Beschreibung „Twisted Thriller“ dafür ausgewählt. Der Film bedient eine Reihe von Subgenres. Da gibt es den „Captured Thriller“, wo die Hauptfigur gefangen gehalten wird und den ganzen Film über zu entkommen versucht. Bugonia ist ein Beispiel dafür. Dort spielt Emma Stone jemanden, der gefangen gehalten wird. Tatsächlich wird ihre Figur ebenfalls im Keller angekettet. Oder auch Bad Apples, das ebenfalls Elemente davon enthält. Da scheint also etwas in der Luft zu sein. Good Boy hat aber auch starke dramatische Elemente.

Der Titel Good Boy bezieht sich darauf, wie Chris Tommy bezeichnet, denn er wechselt ständig zwischen „good boy“ und „bad boy“. In dem Film geht es dann auch stark darum, wer gut und wer böse ist. Wie würdest du selbst „gut“ und „böse“ definieren?

Da tue ich mir selbst schwer. Was Chris als gut empfindet, ist für mich nicht unbedingt gut. Mein eigener moralischer Kompass ist ganz anders als der von all den Figuren. Ich stimme weder mit Chris noch mit Tommy überein oder auch Kathryn. Die Herausforderung war, ihre Geschichte zu erzählen, ohne sie dabei als Regisseur zu verurteilen. Für Tommy gibt es in dem Film zwei Möglichkeiten. Entweder er ist frei zu tun, was immer er will, ohne dass dies Konsequenzen hat. Das bedeutet aber auch, dass sich niemand um ihn schert. Oder er begibt sich in die Obhut von Chris, wo er sehr viel weniger Spielraum hat, es aber dafür jemanden gibt, der sich um ihn kümmert und auf ihn aufpasst. Diese Gegenüberstellung ist natürlich grotesk. Aber das ist die Schönheit von Filmen: Du kannst ganz andere Werte und Moralvorstellungen entwickeln und mit diesen spielen, um zu sehen, was geschieht, und am Ende vielleicht mehr über das Menschsein zu lernen.

Du hast bereits Corpus Christi erwähnt. Darin erzählst du die Geschichte von einem Mann, der Böses getan hat und nun versucht, ein guter Mensch zu werden. In Good Boy hast du einen Mann, der ebenfalls Böses getan hat und der jetzt dazu gezwungen werden soll, gut zu werden. Denkst du, dass ein böser Mensch überhaupt gut werden kann?

Im wahren Leben ist das fraglich. Ich habe vor zwanzig Jahren einen Dokumentarfilm über Drogenabhängige gedreht und deshalb sehr viel Zeit mit Menschen verbracht, die nach den unterschiedlichsten Substanzen süchtig waren. Und ich beschäftige mich noch immer mit dem Thema und versuche als Privatmensch anderen zu helfen. Bei Kunst musst du aber aufpassen, nicht zu belehrend zu werden. Kunst ist keine Schule. Kunst ist rebellisch. Bei Kunst musst du manchmal die Kirche niederbrennen, um Gott zu finden. In der Kunst gibt es keine Regeln. Deswegen ist es für mich schwierig, wenn Kunst versucht moralisch zu sein. Ich versuche nicht vorzugeben, was gut und was böse ist. Ich war außerhalb meiner Komfortzone, als ich diesen Film gemacht habe.

Vielen Dank für das Interview!



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