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Erec Brehmer / Benjamin Rost [Interview]

Michael Born erfand Geschichten, die zu absurd klangen, um wahr zu sein – und genau deshalb im Fernsehen funktionierten. Seine gefälschten Beiträge über halluzinogene Kröten, Ku-Klux-Klan-Gruppen in Deutschland und andere Sensationen liefen in den 90er-Jahren unter anderem bei Stern TV. Erst später stellte sich heraus, dass die Geschichten frei erfunden waren. Born wurde verurteilt und verbüßte eine Haftstrafe. Der Fall geriet danach zunehmend in Vergessenheit; eine umfassende Aufarbeitung blieb weitgehend aus. Born starb 2019.

Mit Born to Fake holen die Regisseure Erec Brehmer und Benjamin Rost diese fast vergessene Geschichte zurück ins öffentliche Bewusstsein und zeigen, wie aktuell sie heute wieder ist. Denn ihr Film erzählt nicht nur von einem Fälscher, sondern auch von einem Mediensystem, das unter hohem Quotendruck spektakuläre Geschichten sendete, deren Prüfung offenbar nicht immer ausreichend gelang. Nach seiner Premiere beim Filmfest München 2025 wurde der Dokumentarfilm auf weitern Festivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Am 28. Mai 2026 startet er bundesweit im Kino. Im Interview erzählen die beiden Filmemacher, warum Michael Born eine zugleich faszinierende und problematische Figur war, wie ihr Film unterschiedliche Wahrheiten nebeneinanderstehen lässt und weshalb der Fall Born bis heute nachwirkt.

Ich habe mir den Film letztes Jahr auf dem Filmfest München ganz ohne Vorwissen angeschaut und kurz vor Schluss gedacht, er sei eine Mockumentary.

Erec Brehmer: Super, wenn dieser Eindruck entstanden ist! Bei einem Screening sagte ein Zuschauer, das letzte Bild des Films, das mithilfe von KI erstellt wurde, habe bei ihm den Eindruck ausgelöst, womöglich seien auch alle vorherigen Bilder künstlich erzeugt. Im Nachhinein dachte ich: Eigentlich ist das die perfekte Reaktion. Wenn man selbst den Bildern nicht mehr vollständig traut, sondern sich fragen muss, was man überhaupt glauben kann, dann hat der Film genau die richtige Wirkung erzielt.

Helmut Dietl wurde zu seinem Film Schtonk! einmal gefragt, warum er bestimmte Dinge weggelassen habe, die Teil der realen Ereignisse um die gefälschten Hitler-Tagebücher waren. Seine Antwort war, das wäre viel zu unglaubwürdig geworden. Auch im Fall Michael Born ist die wahre Geschichte stellenweise absurder als alles, was man sich ausdenken kann.

Benjamin Rost: Im Lauf der Arbeit hat sich mein Blick auf Born stark verändert. Anfangs hat mich diese Eulenspiegel-Geschichte total fasziniert und ich dachte, das sei ein cooler Typ, der das Fernsehen ausgetrickst hat. Später ist mir dann klar geworden, wie problematisch diese Figur eigentlich war. Viele seiner Weggefährten beschreiben ein Muster aus Täuschungen, gebrochenem Vertrauen und widersprüchlichen Selbstdarstellungen.

Das betraf also nicht nur sein Berufsleben?

Benjamin Rost: Borns bester Freund Roland Berger sagte einmal, er glaube, Born habe ihm niemals die Wahrheit gesagt. Trotzdem bezeichnet er sich bis heute als sein bester Freund…

Erec Brehmer: Unser Rohschnitt für den Film war ungefähr eine Stunde länger, mit vielen weiteren Beispielen für Borns Fälschungen. Das haben wir reduziert, weil die größte Herausforderung nicht darin bestand, diese verrückte Fälschergeschichte zu erzählen. Uns hat stattdessen interessiert, warum Menschen überhaupt glauben, was sie im Fernsehen sehen. Oder wie das System damals gearbeitet hat. Aber auch, was von so einem Menschen wie Born bleibt. Die größte Herausforderung war, all diese Themen in Einklang zu bringen.

Ich musste beim Anschauen manchmal an Antihelden wie Walter White aus Breaking Bad denken oder an Filme wie Ocean’s Eleven, wo man mit Figuren mitfiebert, die Illegales tun. Man möchte aber, dass sie damit durchkommen. Michael Born tut etwas moralisch Verwerfliches, aber man ist zumindest für eine Weile auf seiner Seite. Woran liegt das?

Benjamin Rost: Das ist so ein David-gegen-Goliath-Ding. Man sympathisiert mit ihm, weil er gegen ein großes System kämpft.

Erec Brehmer: Walter White hat Werte, der macht das für seine Familie! Ich glaube, Antihelden funktionieren besonders gut, wenn das System, gegen das sie kämpfen, noch unsympathischer ist, als sie selbst. Bei unserem Film hatten wir das Glück, dass man Michael Born durchaus sympathisch finden kann, wenn man sich anschaut, in was für einem System er gearbeitet hat…

Benjamin Rost: Er war nicht nur ein charismatischer Hochstapler, sondern hatte auch dunkle Seiten. Es gibt viele Geschichten über ihn, die einen daran zweifeln lassen, ob man mit so einem Menschen wirklich Zeit hätte verbringen wollen. Mit jedem Interview, das wir für den Film gemacht haben, wurde eine eigene Wahrheit über ihn erzählt. Seine Schwester erzählt eine ganz andere Geschichte als seine ehemalige Partnerin oder der Mitarbeiter von Stern TV.

Weil er sich jedem so dargestellt hat, wie er eben gerade gesehen werden wollte?

Benjamin Rost: Vielleicht auch, weil all diese Personen sich ihre jeweils eigene Wahrheit gebildet haben. Manchmal haben wir uns nach einem Interview gedacht, das war jetzt aber langweilig und eindimensional. Die Leute waren entweder vollkommen für Michael Born oder vollkommen gegen ihn. Aber durch diese verschiedenen Sichtweisen entsteht schließlich ein konkretes Bild.

Erec Brehmer: Wir überlassen es den Zuschauenden, sich dazu zu positionieren. Der Film ist ein Blumenstrauß an Meinungen. Ich glaube, dass es unmöglich ist, einen Menschen in einem Film so darzustellen, so wie er ist. Alle, die Michael Born kannten, haben eine andere Vorstellung von ihm. Wir erzählen nicht, wie dieser Mensch war, sondern wie er wahrgenommen wurde. Das ist viel spannender. Wir haben Born nicht porträtiert, sondern ihn als Projektionsfläche genutzt. Für den einen war er der Bösewicht, für die andere der liebe Bruder.

Was hättet ihr ihn fragen wollen, wenn ihr Gelegenheit dazu gehabt hättet?

Benjamin Rost: Ich hätte ihn einfach gerne einmal erlebt, auch wie er mich belügt. Aber ich glaube, jede Frage, die man ihm gestellt hätte, wäre in der Luft verpufft. Er hätte ja eh erzählt, was er wollte!

Erec Brehmer: Wir hätten wohl noch mehr verrückte Geschichten von ihm erfahren. Aber wahrscheinlich nichts, was uns nicht schon sein bester Freund erzählt hat. Ich finde es viel spannender, dass wir uns ihm über Geschichten anderer angenähert haben und ihn sich nicht selbst erklären lassen konnten.

Ihr erzählt eine Geschichte aus den 90er-Jahren, die aber im Zeitalter von KI und Fake News nicht aktueller sein könnte.

Benjamin Rost: Unser Film erscheint zum perfekten Zeitpunkt. Die technischen Möglichkeiten haben sich verändert, aber das Grundprinzip ist das gleiche geblieben. Von der Aufmachung her wirkte Stern TV wie ein seriöses Magazin. Vieles von dem, was ich da gesehen habe, ist bei mir hängen geblieben. Die Sendung griff damals Themen wie BSE früh und aufmerksamkeitsstark auf. Auch darüber hat Michael Born einen Beitrag gemacht, für den er eine Farm gefilmt und dazu ein Telefoninterview gefälscht hat. Das ist bis heute in den Köpfen der Leute hängen geblieben. Ebenso das „Krötenlecken“.  Born war halt so schlau und hat sich realer Elemente bedient: Die Sonora-Kröte sondert tatsächlich eine äußerst starke Droge ab, aber man müsste das Zeug kristallisieren und dann rauchen. Einfach ablecken bringt gar nichts.

Ihr macht im Film immer wieder eure eigene Inszenierung sichtbar. Man sieht zum Beispiel einen Interviewpartner erst einmal auf die Kamera zugehen und sich hinsetzen, bevor das Interview beginnt. Ein anderer fragt, ob er seinen Satz in die Kamera sprechen soll. Warum habt ihr euch entschieden, diese Elemente in den Film aufzunehmen?

Erec Brehmer: Sobald man eine Kamera auf eine Situation richtet, verändert man diese – das ist das Beobachterparadox. Wir haben uns dazu entschlossen, das nicht zu verstecken, sondern es auszustellen. Während des Schneidens haben wir gemerkt, dass man den Zuschauenden damit bewusst machen kann, dass es eben nicht die eine Wahrheit gibt. Die Leute gehen aus dem Kino und fragen sich, „Wie war es denn jetzt eigentlich?“

Benjamin Rost: Wir beanspruchen nicht die endgültige Wahrheit für uns. Stattdessen bringen wir uns selbst ein und sagen: Das ist unsere Erzählung. Auf dieses Stilmittel muss man sich aber auch einlassen können. Manche Zuschauenden verliert man dadurch…

Erec Brehmer: Die meisten verstehen aber früher oder später, was wir damit ausdrücken wollten. Unser Ansatz war, die Zuschauenden nach dem Film mit mehr Fragen zu entlassen, als sie vorher hatten.

Ihr beendet den Film auch mit einer Frage, die nicht mehr beantwortet wird…

Benjamin Rost: Genau, das ist eine Frage, die dem Publikum gestellt wird. Die im Film interviewte Medienwissenschaftlerin hat uns zwar eine Antwort darauf gegeben, die wir aber nach langen Diskussionen schließlich weggeschnitten haben.

Erec Brehmer: Was werden wir in Zukunft glauben können? In dieser Frage liegt der Kern dieser 30 Jahre alten Geschichte und der Grund dafür, dass sie heute noch relevant ist. Schon damals hat man für viele der Probleme keine Lösung gefunden – mit den Möglichkeiten, die KI heute bietet, verschärfen sich diese Probleme noch.

Warum ist der Fall Michael Born heute so unbekannt?

Benjamin Rost: Für kurze Zeit ist das damals ein großer Skandal gewesen. Dann ist das Gerichtsurteil gesprochen worden und eigentlich hat sich nichts verändert. Nach dem Urteil gab es keine für das breite Publikum nachhaltig sichtbare Aufarbeitung. Nach unserem Recherchestand hat sich Günther Jauch öffentlich nicht ausführlich zu dem Fall positioniert; der Fall verschwand relativ schnell wieder aus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Erec Brehmer: Jauch und mehrere weitere Beteiligte haben unsere Interviewanfragen nicht angenommen oder wollten sich nicht vor der Kamera äußern. Ich glaube, es gibt für sie dabei nichts zu gewinnen. Wir hätten gerne nachvollzogen, wie mit dem Rohmaterial umgegangen wurde und warum bestimmte Materialien heute nicht mehr auffindbar sind. Auffällig ist aus unserer Sicht, welche Spuren noch auffindbar sind und welche nicht. Nachdem Born aus dem Gefängnis entlassen worden war, hätte es außerdem einen Spielfilm über den Fall geben sollen. Das Drehbuch war schon geschrieben, aber der Film wurde am Ende nicht realisiert. Viele an dem Fall Beteiligte verfügten damals über große öffentliche Aufmerksamkeit. Auffällig ist, wie schnell die Geschichte aus der breiten Medienöffentlichkeit verschwand.

Benjamin Rost: Wir hatten Zugang zum SWR-Archiv und haben dort mehrere Beiträge gefunden, die auf Michael Borns handschriftlicher Liste zu seinen Fakes vermerkt waren. Diese Beiträge waren dort als Archivbeiträge vorhanden, waren für uns zuletzt aber nicht mehr zugänglich. Im Gerichtsurteil steht im Zusammenhang mit einem der gedrehten Beiträge, dass dieser bei RTL inzwischen vernichtet wurde. Hätte Günther Jauch damals einfach gesagt, „Wir haben uns hier über den Tisch ziehen lassen. Tut uns leid, das wird uns nicht wieder passieren“, dann wäre daraus wahrscheinlich gar kein großer Skandal geworden.

Erec Brehmer: Unser Film war fünf Jahre lang in der Mache. Wir sind damit zu vielen Sendern gegangen und haben mit vielen Menschen gesprochen. Die meisten von ihnen haben sofort gesagt, „Nein, das machen wir nicht.“ Erst später haben wir herausgefunden, dass manche von ihnen damals in diesem Umfeld gearbeitet haben. Unser Ansporn war, dass diese verrückte Geschichte, die bis heute Auswirkungen hat, nicht vollkommen in Vergessenheit gerät.

Benjamin Rost: Wir wollten allerdings nie einen Skandalfilm machen. Unser Film bewegt sich zwischen unterschiedlichen Genres hin und her. Wichtiger als der investigative Teil war uns dabei die philosophische Fragestellung: Was ist Wahrheit und warum glauben wir das eine und das andere nicht?

Diese Frage rückt gegen Ende des Films zunehmend in den Mittelpunkt.

Benjamin Rost: Es ging nicht darum, noch irgendetwas aufzudecken, sondern einfach die Absurdität des ganzen Systems darzustellen. Es wäre toll gewesen, Günther Jauch dabei gehabt zu haben. Wir haben ihn, wie gesagt, für ein Interview angefragt. Wir hätten ihn ernst genommen und ihn genauso seine Wahrheit erzählen lassen wie alle anderen auch.

Erec Brehmer: Es ging uns nicht darum, jemanden vorzuführen.

Der Film ist äußerst unterhaltsam, stellenweise richtig lustig, in erster Linie natürlich aufgrund von Michael Borns rückblickend absurd erscheinenden Fälschungen. Ihr hättet theoretisch einen seichteren Film machen können, der einfach nur anderthalb Stunden lang von diesem verrückten Typen erzählt.

Benjamin Rost: Schon als wir den Film gepitcht haben, haben wir gemerkt, dass wir diese Geschichte immer wieder erzählen können und jedes Mal Gelächter ernten. Hätten wir aber im Film nur eine Fälschung an die andere gereiht, hätte sich das irgendwann abgenutzt.

Erec Brehmer: Solche Filme dürfen und sollen natürlich auch unterhalten. Nur, weil man einen gewissen Anspruch hat, heißt das nicht, dass man nicht lachen darf. Gleichzeitig wollen wir die Zuschauenden ernst nehmen und nicht bloß den moralischen Zeigefinger heben. Aber ich glaube, man nähert sich dem Thema am besten mit einem Augenzwinkern. Wären wir vollkommen ernst an die Sache herangegangen und hätten gesagt, „Wir erklären euch jetzt mal, wie das so läuft mit der Verbindung zwischen Film und Realität“, dann hätten wir uns lächerlich gemacht.

Könnte man nicht sagen, Michael Born war in gewisser Weise ziemlich gut in seinem Job? Das Problem war seine fehlende moralische Integrität.

Benjamin Rost: Mit dieser Sichtweise tue ich mich schwer. Ich weiß, es gibt bei vielen Leuten eine Sehnsucht, ihn so einzuordnen.

Erec Brehmer: Wie bei jeder Fälschergeschichte ist das Spannende, dass er das System, in dem er gearbeitet hat, vollkommen verstanden, es bedient und ausgenutzt hat. Das Interessante an solchen Fälscherfiguren ist, dass sie das System offenlegen, in dem sie arbeiten. Das System blamiert und entlarvt sich eigentlich noch mehr als der Fälscher selbst. Born hat ganz einfach verstanden, was man von ihm wollte, und war gut darin, eben genau das zu liefern. Zusätzlich hat er es geschafft, seine Lügengeschichten so zu verpacken, dass man sie ihm hat durchgehen lassen. Deswegen war er aber noch kein guter Journalist. Er hat ganz einfach die Regeln verstanden, aber nicht nach den Regeln gespielt.

Benjamin Rost: Das gelang ihm allerdings nur für einen sehr kurzen Zeitraum. Am Anfang hat er sich noch mehr Mühe gegeben – seine Krötenlecker-Geschichte war solide gemacht, die hätten wir nicht als Fälschung erkannt. Aber mit der Zeit wurde er schlampiger und hat immer mehr Leute in seine Fälschungen mit hineingezogen – inklusive seiner Mutter, die die Kutten für die Ku-Klux-Klan-Geschichte geschneidert hat. An die Konsequenzen seines Handelns hat er dabei nicht gedacht. Das hat ihn für mich unsympathisch gemacht.

Erec Brehmer: Das System zu betrügen ist wahrscheinlich gar nicht so schwer. Es ist aber eben zutiefst unsympathisch, weil wir nun einmal alle gemeinsam in einer Gesellschaft leben, in der gewisse Regeln gelten. Wenn jemand sagt, „Für mich gilt keine einzige Regel und ich mache, was ich will“, ist das vielleicht im ersten Moment faszinierend. Aber irgendwann geht es einem einfach gehörig auf die Nerven und man bekommt wieder Sehnsucht nach mehr Verbindlichkeit und nach Regeln, an die sich alle halten.



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