Gavagai
© Port au Prince Pictures
Gavagai
„Gavagai“ // Deutschland-Start: 30. April 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die französische Regisseurin Caroline Lescot (Nathalie Richard) hat sich für ihre Neuinterpretation der griechischen Tragödie „Medea“ etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie verlegt den Klassiker in den Senegal, besetzt die Hauptrollen mit der Deutschen Maja Tervooren (Maren Eggert) und dem senegalesisch-stämmigen Franzosen Nourou Cissokho (Jean-Christophe Folly), den Rest mit Einheimischen. Das ist gewagt. Schon während der Dreharbeiten kommt es zu einer Reihe von Konflikten, zumal Maja und Nourou eine Affäre beginnen. Auch im Anschluss gerät das Trio in unangenehme Situationen, aus denen es nicht so leicht wieder herauskommt und bei denen Rassismus eine große Rolle spielt …

Blick hinter die Filmkulissen

So richtig oft dreht Ulrich Köhler ja keine Filme. Dafür darf man sich dann aber auch auf ganz besondere Werke freuen. So erzählte er in 2018 in In My Room von einem Mann, der eines Tages aufwacht und feststellt, dass die komplette Menschheit verschwunden ist. Ein Jahr später ging es in Das freiwillige Jahr darum, wie ein Mann seine Tochter dazu überreden will, für ein Jahr ins Ausland zu gehen, obwohl die gar nicht weiß, ob sie das will. Ganze sechs Jahre dauerte es im Anschluss, bis sich der deutsche Regisseur und Drehbuchautor zurückmeldete. Beim Anschauen von Gavagai wird aber schnell deutlich, warum es so lange dauerte, bis der Film fertig war. Denn in dem steckt so viel drin, dass andere vermutlich gleich zwei Filme aus dem Stoff gemacht hätten. Mindestens.

Dabei sind es zwei Hauptthemen, die der Filmemacher miteinander verknüpft. Da ist zum einen der Blick auf einen Filmdreh, der sich später weitet und das Filmgeschäft als solches unter die Lupe nimmt. Einer der Höhepunkte ist eine Pressekonferenz, die völlig aus dem Ruder läuft. Gavagai ist keine dieser selbstverliebten Nabelschauen. Man merkt hier, dass Köhler, der erneut das Drehbuch geschrieben hat, indirekt auch seine eigene Rolle als Regisseur hinterfragt. Seine fiktionale Kollegin macht dabei nicht immer eine glückliche Figur, wird aber auch nicht komplett verdammt oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Vielmehr ist sie nur eines von mehreren Beispielen dafür, wie ambivalent die Figuren sind. Wie sie je nach Situation mal besser, mal schlechter sind.

Rassismus und moralische Grauzonen

Das betrifft dann auch das zweite große Thema Rassismus. So gibt es eine Schlüsselsequenz, in der Nourou diskriminiert wird. Doch Köhler vermeidet es, daraus eine eindeutige Schwarz-Weiß-Anordnung zu machen. So ist Nourou selbst in einer anderen Szene ebenso herablassend, ohne dass ihm das bewusst ist. Es mangelt ihm – wie den übrigen – an einem Verständnis dafür, wie es anderen ergeht. Es mangelt ihm vielleicht aber auch am nötigen Interesse. So wenig sich Gavagai darauf festlegen lässt, wer nun gut und wer schlecht ist, so wenig versucht sich der Film an einer moralischen Anleitung. Das deutsch-französische Drama ist mehr Beobachtung als Bewertung. An manchen Stellen ist es zwar offensichtlich, was davon zu halten ist. Aber es bleibt doch distanzierter, überlässt es lieber dem Publikum, eigene Schlüsse zu ziehen.

Dieses ist allgemein gefordert. Ein Film für die Massen ist das hier sicherlich nicht. Die thematische Vielfalt, durch die manchmal gar nicht klar ist, worum es denn nun primär gehen soll, erfordert schon, dass man sich als Zuschauer bzw. Zuschauerin geistig an dem Geschehen beteiligt. Berieselung gibt es hier nicht. Die Geschichte der Medea wird beispielsweise gar nicht erklärt, da wird schon erwartet, dass das Publikum diese selbst kennt. Wer das nicht tut, wird an manchen Stellen gar nicht folgen können, was denn nun brisant ist. Hin und wieder würde man sich vielleicht wünschen, dass es einem Gavagai etwas einfacher macht, anstatt einem so viel aufzutischen und dann damit allein gelassen zu werden. Aber es ist doch ein sehr spannendes Werk, verkopft und doch auch menschlich, was uns Köhler nach der langen Pause mitgebracht hat. Die Wartezeit war es auf jeden Fall wert.

Credits

OT: „Gavagai“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Ulrich Köhler
Drehbuch: Ulrich Köhler
Kamera: Patrick Orth
Besetzung: Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Diakhere Thiandoum

Bilder

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Gavagai
fazit
„Gavagai“ handelt von einem komplizierten Filmdreh, befasst sich zudem mit dem Thema Rassismus in verschiedenen Formen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil vieles bewusst ambivalent angelegt ist und das Publikum mitdenken muss. Aber es ist doch ein spannendes Werk, über das viel diskutiert werden darf.
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