In My Room

„In My Room“ // Deutschland-Start: 8. November 2018 (Kino)

Armin (Hans Löw) ist nicht unbedingt das, was man einen großen Gewinner nennen würde. Mehr schlecht als recht schlägt er sich als Kameramann durch, wohnt noch immer in einer kleinen Wohnung. Und auch das mit der Bindung ist so eine Sache. Er hat zwar eine gute Beziehung zu seiner Familie, verbringt die meiste Zeit dann aber doch alleine. Und das ist noch steigerungsfähig: Eines Tages wacht er auf und muss feststellen, dass die komplette Menschheit verschwunden ist und er von nun an auf sich allein gestellt ist. Das klappt sogar recht gut, nach und nach lernt er, sich selbst zu versorgen und in der Natur zu leben. Doch dann steht auf einmal Kirsi (Elena Radonicich) vor ihm.

Die meisten Leute dürften sich einmal danach gesehnt haben, irgendwie ganz allein zu sein, auf einer einsamen Insel zum Beispiel. Weg von den drängelnden Leuten in der U-Bahn oder dem Supermarkt, die Idioten von der Arbeit nicht mehr sehen müssen, nicht mehr von den Launen der Nachbarn abhängig sein, die am Samstagmorgen meinen, mit dem Bohren anfangen zu müssen. Der Gedanke ist daher durchaus verführerisch, niemanden um sich zu haben, Ruhe zu haben. Aber ist das wirklich so himmlisch, ganz ohne andere Menschen?

Ein erstaunlicher Überlebenskünstler
Zumindest ist es inspirierend, gerade auch für Filmemacher. Immer wieder greifen sie daher auf das Szenario zurück, oft im Zusammenhang mit Endzeitdystopien. Da dürfen die wenigen Überlebenden einer Katastrophe dann Supermärkte plündern oder sich gegenseitig an die Gurgel gehen, um das letzte bisschen Ressourcen an sich zu krallen. Bei In My Room fällt das weg, nicht nur weil Armin über weite Strecken tatsächlich der einzige Mensch ist. Er entwickelt in der Not sogar neue Fähigkeiten, zeigt sich erstaunlich anpassungsfähig. Etwas zu anpassungsfähig vielleicht: Dass ein Kameramann, der anfangs nicht einmal weiß, wie man die Kamera zu bedienen hat, plötzlich Staudämme baut und Generatoren repariert, das ist nicht übermäßig plausibel.

Aber an Plausibilität hat Regisseur und Drehbuchautor Ulrich Köhler hier ohnehin kein Interesse. Oder auch an Erklärungen. Wer wissen möchte, warum Armin plötzlich alleine ist, was mit allen anderen geschehen ist: In My Room hat darauf keine Antwort. Der Film befasst sich auch nicht allzu lange mit dieser Situation. Eine Weile sehen wir zwar, wie der neuzeitige Robinson Crusoe durch die verlassene Gegend streift, inklusive diverser gespenstischer Anblicke. Aber das ist nur die Übergangsphase von Armins altem zu seinem neuen Leben.

Fragen über Fragen
Es steht dann auch nicht das Mysterium im Mittelpunkt, sondern die Freiheit. Was macht es mit einem Menschen, wenn er plötzlich alles machen kann? Aus diesem Grund lässt sich In My Room, das während der Filmfestspiele von Cannes 2018 Premiere feierte, auch sehr viel Zeit mit dem Aufbau. Anstatt mitten in das menschenleere Szenario zu springen, wie es die meisten Endzeitfilme machen – siehe etwa The Survivalist oder A Quiet Place –, begleitet Köhler seinen Protagonisten eine ganze Weile während des Alltags, zeigt ihn bei der Arbeit, bei einem geplatzten One-Night-Stand, bei der Familie. Tragische Vorgeschichten, wie sie bei einem Genrefilm oft vorkommen, haben dabei nichts zu suchen. Armin mag zwar eher der Verlierertyp sein, das ist aber auch schon das Schlimmste, was man über sein Leben sagen könnte.

Mystery und Science-Fiction sind deshalb hier nur Randerscheinungen, In My Room ist vielmehr eine Mischung aus Versuchsanordnung und Charakterporträt. Der Film zeigt einen Menschen, der durch den Wegfall seines gewohnten Umfeldes eine große Wandlung durchmacht, persönlich wie körperlich. Wie viel man persönlich als Zuschauer aus diesem Wandel mitnimmt, das hängt sehr davon ab, wie viel man selbst hineinsteckt. Das Drama ist gleichzeitig tiefgründig und nichtssagend, gibt viel Stoff mit, über den man nachdenken kann, aber nicht nachdenken muss. Wer lieber das etwas plakativere deutsche Kino mag, das selbstverliebt schon den Oscar auf dem Kaminsims stehen sieht, der ist hier verloren, wird in der Natur, dem Kartoffelanbau, den überwucherten Resten der Zivilisation nichts finden. Wird die nicht ausformulierten Fragen nicht einmal als solche erkennen. Wer das gar nicht so offensiv und deutlich braucht, der sollte diesem etwas anderen, nicht wirklich typisch deutschen Film aber eine Chance geben.

In My Room
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In My Room
„In My Room“ ist ein Film, der dem Publikum alle Freiheit lässt und es ihm damit nicht einfach macht. Aber das passt zu einem Mann, der aus nicht geklärten Gründen in einer menschenleeren Welt aufwacht und nun versuchen muss, sich allein durchzuschlagen und selbst zu finden. Da gibt es viel Stoff zum Nachdenken, jedoch keine Antworten – oft nicht einmal klar formulierte Fragen.
8von 10

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