Kritik

Das freiwillige Jahr

„Das freiwillige Jahr“ // Deutschland-Start: 6. Februar 2020 (Kino)

Die Koffer sind gepackt, der Flug ist gebucht. Eigentlich steht dem freiwilligen sozialen Jahr, das Jette (Maj-Britt Klenke) in Südamerika verbringen will, nichts mehr im Wege. Außer der Tatsache, dass es nicht ganz so freiwillig ist. Eigentlich ist es ihr Vater Urs (Sebastian Rudolph), der alles eingefädelt hat, um sie so zu einer selbständigen Frau zu erziehen. Ganz überzeugt ist sie davon nicht, zumal das auch bedeutet, ihren Freund Mario (Thomas Schubert) zurücklassen zu müssen. Als die beiden auf dem Weg zum Flughafen sind, werden die Zweifel dann auch schnell groß, zumal irgendwie alles schiefzugehen scheint. Bis es dann zu spät ist …

Ihr sollt es einmal besser haben als wir! Es gehört ein bisschen zur Natur des Elternseins dazu, dass man alles dafür tun würde, um dem eigenen Nachwuchs ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen. Doch der Grat zwischen Selbstlosigkeit und Selbstverwirklichung ist schmal, wie Das freiwillige Jahr sehr schön aufzeigt. So manch ein Vater oder eine Mutter nutzt das Kind dann doch mehr dazu, das eigene Leben nachträglich aufzuwerten. Urs ist so ein Fall, bei dem zu jeder Zeit sichtbar ist, wie gern er mehr erreicht hätte, wie sehr es an ihm nagt, in der Provinz steckengeblieben zu sein. Wenn er Jette ins Ausland schickt, dann letztendlich auch, um sich selbst zu retten.

Alles gut, alles schlecht
Dass ein derartiges Verhalten mindestens fragwürdig ist, vermutlich auch ein wenig zum Scheitern verurteilt, das steht außer Frage. Zur Selbständigkeit zwingen, das ist ein bisschen ein Widerspruch in sich. Noch bevor das Publikum von Das freiwillige Jahr genau weiß, worum es eigentlich geht, ist schon klar: Das geht alles schief. Ulrich Köhler (In My Room) und Henner Winckler, die gemeinsam Regie führten und das Drehbuch schrieben, bauen von Anfang an kleine Stolpersteine und Irritationen ein, sowohl auf die Handlung wie die Figuren bezogen. Der Plan mag perfekt sein. Aber was hilft das, wenn es die Leute nicht sind, die ihn ausführen sollen? Wenn die auf bemerkenswerte Weise immer genau das Falsche zu tun scheinen?

Anfangs ist man sich dann auch nicht sicher, ob Das freiwillige Jahr vielleicht eine reine Komödie ist. Zumindest hilft es, das wuchernde Chaos mit Humor zu nehmen. Dabei macht sich der Film, der 2019 in Locarno Premiere hatte, gar nicht über die Figuren lustig. Und eigentlich ist die Geschichte sogar überaus tragisch, erzählt von verlorenen Träumen, von unausgesprochenen Konflikten und einer Suche, die so planlos ist, dass sie nicht einmal den ersten Schritt wagt. Denn wo einem alle Wege offenstehen, da wird man gerne mal von den vielen Möglichkeiten und Optionen überwältigt. Gerade das vermeintlich bessere Leben kann auch darin bestehen, dass man geradezu gelähmt ist und letztendlich weniger erreicht als die Leute mit beschränkten Angeboten.

Was soll ich mit euch nur anfangen?
Das Drama ist daher durchaus auch eine Art Kommentar auf die Welt von heute und die Generationenkonflikte, die mit ihr einhergehen. Aus der individuellen Geschichte wird etwas Universelles. Gleichzeitig behält der Film seine ganz eigene Färbung bei, nicht zuletzt wegen der höchst strittigen Figuren. Jette beispielsweise gehören anfangs die Sympathien, wenn sie von ihrem Vater dominiert wird, bis sie einem mit ihrer grotesken Entscheidungsunfähigkeit, verbunden mit Ausbrüchen, den Nerv raubt. Urs ist ohnehin in seiner Mischung aus Tragik und Ignoranz schwer zu greifen. Und dann wäre da noch Mario, der ein so simpel gestricktes Nichts ist, dass man nicht weiß, ob man ihn nun bemitleiden oder ignorieren soll. Wo andere Filmemacher mit eindeutigen Sympathieträgern und Identifikationsfiguren arbeiten, da ist man hier insgeheim froh, nichts mit ihnen zu tun haben zu müssen.

Das ist alles sehr rau und unmittelbar, fast schon dokumentarisch. Köhler und Winckler gelingt es, aus einem Leben zu erzählen, das einem vertraut ist und bei dem doch irgendwie nichts stimmt. Das klein, banal, irgendwie anstrengend, ein bisschen hässlich ist, dabei auch irgendwie rührend. Tatsächliche Schlüsse lassen sich daraus eher weniger ziehen, Das freiwillige Jahr ist Beschreibung eines Zustands, weniger konkrete Anleitung, was damit anzufangen ist oder wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt. Das kann man dann schade finden. Gleichzeitig ist es  beruhigend, wenn hier nicht versucht wird, dass alles immer hollywoodtypisch schön aufgearbeitet wird. Hier darf das Leben noch kompliziert sein, dürfen Beziehungen zwischen Menschen kompliziert sein, während wir weiter darüber nachdenken, was genau wir eigentlich wollen.

Credits

OT: „Das freiwillige Jahr“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Ulrich Köhler, Henner Winckler
Drehbuch: Ulrich Köhler, Henner Winckler
Kamera: Patrick Orth
Besetzung: Maj-Britt Klenke, Sebastian Rudolph, Thomas Schubert

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Das freiwillige Jahr
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Das freiwillige Jahr
„Das freiwillige Jahr“ erzählt von einem Vater, der seine Tochter dazu drängt, für ein Jahr ins Ausland zu gehen – obwohl die gar nicht weiß, ob sie das will. Der Film ist teilweise komisch, oft aber auch tragisch, wenn unerfüllte Träume und Orientierungslosigkeit zu jeder Menge Konfliktpotenzial führen. Das Ergebnis ist manchmal etwas anstrengend, aber doch auch nah genug dran, dass man sich irgendwie darin wiederfindet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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