Wir sind dann wohl die Angehörigen
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Wir sind dann wohl die Angehörigen

Wir sind dann wohl die Angehörigen
„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ // Deutschland-Start: 3. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Das Leben von Johann Scheerer (Claude Albert Heinrich) verändert sich von einem Tag auf den nächsten schlagartig, als er von der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erfährt. Seine Mutter, Ann Kathrin Scheerer (Adina Vatter), findet einen Brief der Kidnapper, die 20 Millionen Mark für das Leben ihres Mannes fordern. Neben der Polizei informiert sie sofort den Anwalt der Familie (Justus von Dohnányi) sowie einen engen Freund (Hans Löw), damit ihr Mann so schnell es geht gesund wieder nach Hause kommen kann. Die ersten Tage mit den Betreuern der Polizei laufen ganz gut, doch das Warten auf einen Anruf der Entführer zermürbt die Familie langsam aber sicher. Die Isolation von der Außenwelt, da sich bald auch die Medien für den Fall interessieren, macht Mutter und Sohn zu schaffen und führt mehr als einmal zu Spannungen. Als dann die erste Lösegeldübergabe durch eine Reihe von Missverständnissen und Patzern platzt, bröckelt zudem das Vertrauen in die leitenden Beamten.

Die Perspektive der Angehörigen

In klassischen Entführungsthrillern wird in erster Linie die Perspektive der Ermittler eingenommen oder des Entführten an sich, was als die dramaturgisch wohl interessanteste Sichtweise gilt. In seinem Buch Wir sind dann wohl die Angehörigen nimmt der Musiker Johann Scheerer jedoch eine andere Sichtweise ein, denn hier berichtet er von der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma 1996. In seiner Verfilmung, die als Eröffnungsfilm auf dem Filmfest Hamburg 2022 Premiere feiert, übernimmt Regisseur Hans-Christian Schmid (23 – Nichts ist so wie es scheint) diese Sichtweise und erzählt dabei von Vertrauens- und Sicherheitsverlust, doch ebenso von der Angst derer, die gezwungen sind, auf ein Lebenszeichen eines geliebten Menschen zu warten.

Viele Filme Schmids behandeln Themen wie Sicherheit und Vertrauen bzw. den Verlust dieser Werte, entweder durch eine Krankheit (Was bleibt, Requiem) oder durch äußere Einflüsse (23 – Nichts ist so wie es scheint, Sturm). Im Falle von Wir sind dann wohl die Verwandten ist es keine sprichwörtliche, sondern eine sehr reale Handgranate, die das Trauma der Familie beginnt und welche als Beschwerer auf dem ersten Brief der Entführer liegt. Eine Stärke von Schmids Dramaturgie ist der offene Ansatz, der sich weder in einfachen Erklärungsmustern noch in küchenpsychologischen Narrativen ergibt, sondern nur Vermutungen darüber führen will, was das Innenleben der Figuren ausmacht. Unaufgeregt und lediglich mit wenigen dramatischen Spitzen versehen wird beispielsweise eine Lösegeldübergabe gezeigt, während die Kamera dann wieder die gespielte Harmonie von Mutter und Sohn zeigt, die am Esstisch gemeinsam mit den Polizisten und dem Anwalt sitzen. Es sind einfache, aber effektive Bilder, die auch Wir sind dann wohl die Angehörigen auszeichnen und welche sich angenehm von vielem abheben, was man bisweilen im deutschen Gegenwartskino geboten bekommt.

Warten auf Lebenszeichen

Abgesehen von den dramaturgischen Ideen sind es immer wieder die tollen Schauspieler, welche den Film spannend und interessant machen. Der junge Claude Albrecht Henrich spielt sensibel einen jungen Mann, der aus seiner Idylle brutal herausgerissen wird und der einsehen muss, dass ein Rückweg zu diesem alten Leben nicht mehr möglich ist. Besonders im Zusammenspiel mit der ebenfalls großartigen Adina Vetter als Ann Kathrin, die versucht bei der Unsicherheit und dem zermürbenden Warten auf ein Lebenszeichen so etwas wie eine Routine zu bewahren und nicht in Panik zu geraten, gelingen in Wir sind dann wohl die Angehörigen immer wieder sehr sehenswerte Szenen, die hoffentlich bei den hiesigen Schauspieljurys nicht untergehen, sondern Beachtung finden werden.

Credits

OT: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann
Musik: The Notwist
Kamera: Julian Krubasik
Besetzung: Claude Albrecht Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi, Hans Löw, Enno Trebs, Yorck Dippe

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über die Arbeit an dem Film erfahren möchte: Wir haben uns mit Regisseur Hans-Christian Schmid im Interview über Wir sind dann wohl die Angehörigen unterhalten.

Hans-Christian Schmid [Interview]

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Wir sind dann wohl die Angehörigen
fazit
„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ist spannendes und dramaturgisch dichtes deutsches Gegenwartskino. Hans-Christian Schmid zeigt sein Gespür für Charaktere und deren Innenleben, welches sich nicht durch Eindeutigkeit, sondern durch Offenheit auszeichnet und dadurch sehr authentisch bleibt.
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8
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