Inhalt / Kritik

23 – Nichts ist so wie es scheint

„23 – Nichts ist so wie es scheint“ // Deutschland-Start: 14. Januar 1999 (Kino) // 14. September 2021 (DVD/Blu-ray)

In den 1980er Jahren wächst der Teenager Karl Koch (August Diehl) als Sohn eines angesehenen und wohlhabenden Journalisten auf. Seine Verbindungen zu der Anti-Atomkraft-Bewegung und sein Glaube, das regierende System würde dem Volk die volle Wahrheit über viele Themen verschweigen oder diese gar für eine Zwecke verändern, bringen ihn immer wieder in Konflikt mit seinem Elternhaus, welches er bereits früh als Teil des Establishments und damit des Problems ansieht. Seine Denkweise ist dabei maßgeblich von Robert Sheas und Robert Anton Wilsons Illuminatus!-Büchern inspiriert, in denen die Romanfiguren die Theorie vertreten, die Welt würde von einem Geheimbund, den Illuminaten, kontrolliert. Als Karl nach dem Tode seines Vaters nicht nur dessen Schreibtisch, sondern auch 50.000 Mark erbt, setzt er sich von seinem Elternhaus ab und sucht Anschluss an die noch junge Computer- und Hackerszene, wobei er recht schnell Freundschaft schließt mit dem Schüler David (Fabian Busch), der, wie Karl, nicht nur die Illuminatus!-Bücher kennt und liebt, sondern zudem ein talentierter Programmierer und Hacker ist. Ihr Glaube an eine weltweite Verschwörung macht sie nicht nur zu Freunden, sondern auch zu Partnern, die sich durch das Knacken von Netzwerken Zugang zu immer mehr Informationen verschaffen wollen.

Das Talent der beiden jungen Männern weckt das Interesse von Lupo (Jan-Gregor Kremp), einem Sympathisanten des SED-Regimes und Schmuggler, sowie dessen Partner, dem Drogendealer Pepe (Dieter Landuris). Mithilfe seiner Kontakte zum KGB will er die Informationen, an die Karl und David kommen, zu Geld machen, sodass die beiden schon bald ganz Nächte hinter ihren Rechnern verbringen und vor allem Karl immer mehr in die Drogensucht abrutscht und nach kurzer Zeit immense Schulden bei Pepe und Lupo hat. Immer steigert sich Karl in seine Fantasien einer Weltverschwörung hinein, wobei besonders die Zahl 23, ein Symbol der Illuminaten, zu einer wahren Obsession für ihn wird, die auch seine Freundschaft mit David auf die Probe stellt. Als Karl dann aus dem Geschäft mit dem KGB aussteigen will, ist es bereits zu spät, denn weder seine Geschäftspartner noch Lupo sind bereit, ihn so einfach gehen zu lassen oder sich der Polizei zu stellen.

Im Dienste einer Ideologie

Nach dem großen kommerziellen Erfolg von Hans-Christian Schmids Nach Fünf im Urwald und Caroline Links Jenseits der Stille sah sich Produzent Jakob Claussen in der Lage, auch ein riskantes Projekt wie die Verfilmung des Lebens von Karl Koch voranzutreiben, wie Autor Michael Scholten ein seinem Text im Mediabook zu 23 – Nichts ist so wie es scheint schreibt. Dies machte sich auch bei den Drehbedingungen zu dem Film bemerkbar, denn Schmid konnte sich vor allem bei der Arbeit mit seinen Schauspielern sehr viel mehr Zeit lassen, was bei einer Geschichte, wie sie 23 erzählt, durchaus sinnvoll ist. Mit 23 – Nichts ist so wie es scheint zeigt sich das deutsche Kino nämlich nicht nur von seiner besten Seite, sondern es wird eine brisante Geschichte erzählt über das gerade im Jahr 2021 nach wie vor aktuelle Thema der wahren Mächte in unserer Welt, welche unser tägliches Leben nach ihrem Ermessen steuern.

Besonders die Themen Verschwörung und Paranoia haben es dem deutschen Genrekino der späten 1990er und frühen 2000er angetan, erzählen doch sowohl Schmids 23 wie auch Stefan Ruzowitzkys Anatomie von einer geheimen Loge, die im Hintergrund das Geschehen der Welt regiert. Was bei letzten jedoch eine pure Fantasie darstellt, bleibt im Falle von Schmids Thriller immer im Ambivalenten, weiß man doch, wie auch der von August Diehl gespielte Karl Koch, nie so richtig, was reine Einbildung ist, was möglich ist und was der Realität entspricht. So changiert die Geschichte immer zwischen Verschwörungsthriller und Charakterstudie, wobei vor allem letzte dank des intensiven Spiels von August Diehl überzeugend bleibt. Was bei anderen Produktionen dümmlich oder unbeholfen wirkt, ist dank seiner Darstellung sowie des Drehbuchs eine nicht zu unterschätzendes Spannungselement, wobei die Theorien Kochs manchmal übertrieben scheinen, aber dann wieder von der Realität bestätigt werden. Immer tiefer dringt man in die Perspektive dieses Menschen ein, der sich am Ende auf keine Realität, weder die seiner Gedanken noch die Fassbare vor seinen Augen, verlassen kann

Nichts ist wahr

Besonders aus heutiger Sicht erscheint 23 aktueller denn je. Mit der Freiheit des Internets, wie es sich in den 1980er Jahren noch darstellte, wird schnell gebrochen, als auf einmal alle Sicherheiten und Wahrheiten zur Debatte stehen. Die Figur des Karl Koch wirkt wie ein Wiedergänger oder eine Blaupause heutiger Whistleblower, welche, getrieben von der Vision von Freiheit und Transparenz, Aufklärung betreiben wollen und letztlich selbst vom System gejagt werden. Hinter der Verschwörungstheorie und der Fiktionalität des Romans steckt eine Wahrheit, die es zu erfassen gilt, so macht uns der Film immer wieder bewusst, was der Geschichte eine Explosivität gibt.

Darüber hinaus entwirft Schmids Film ein bestechendes Porträt einer Zeit, in der sich eine weitere gesellschaftliche Spaltung ergab zwischen dem bürgerlichen Establishment und jenen Zweiflern, welche die neue Technologie nutzen wollten, um an jene Informationen zu gelangen, die man ihnen vorenthielt. Regisseur Hans-Christian Schmid und Kameramann Klaus Eichhammer zeigen diese Ära mit großem Detailreichtum und mit Fokus auf die Charaktere, was 23 in die Tradition der großen Verschwörungsfilme Hollywoods der 1960er und 1970er stellt.

Credits

OT: „23 – Nichts ist so wie es scheint“
Land: Deutschland
Jahr: 1998
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid
Musik: Enjott Schneider
Kamera: Klaus Eichhammer
Besetzung: August Diehl, Fabian Busch, Dieter Landuris, Jan-Gregor Kremp, Stephan Kampwirth, Burghart Klaußner

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23 – Nichts ist so wie es scheint
„23 – Nichts ist so wie es scheint“ ist eine spannende, intensiv gespielte Mischung von Verschwöungsthriller und Charakterdrama. Hans-Christian Schmid ist ein nach wie vor aktueller Film geglückt, der wegen seiner Schauspieler und seiner Themen zu überzeugen weiß und dank der neuen Mediabook-Ausgabe angemessen gewürdigt wird, berücksichtigt man die Fülle an Bonusmaterial, welche den zeitlichen Kontext sowie die Inszenierung näher beleuchten.
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