Jenseits der Stille arte Tv Fernsehen
© Leonine

Jenseits der Stille

Jenseits der Stille arte Tv Fernsehen
„Jenseits der Stille“ // Deutschland-Start: 19. Dezember 1996 (Kino) // 17. November 2008 (DVD)

Inhalt / Kritik

Lara (Tatjana Trieb) wächst in einer ganz besonderen Familie auf: Sowohl ihr Vater Martin (Howie Seago) wie auch ihre Mutter Kai (Emmanuelle Laborit) sind gehörlos, wodurch der Tochter die Aufgabe der Dolmetscherin zufällt. Nicht nur dass sie den beiden bei allen möglichen Alltagssituationen helfen muss, vom Telefonieren bis zu Behördengängen. Sie erklärt ihnen zudem, welche Geräusche das Leben so macht. Auf diese Weise herrscht ein besonders enges Band zwischen den dreien, welches jedoch immer wieder auf die Probe gestellt wird. Vor allem ihre Tante Clarissa (Sibylle Canonica) zeigt ihr als erfolgreiche Musikerin auf, welche Welt da draußen noch auf sie wartet. Eine Welt, die Lara zunehmend selbst kennenlernen möchte – zum Ärger von Martin …

Das Leben in einer gehörlosen Familie

Es gehörte für nicht wenige zu den Überraschungen der Oscar-Verleihung 2022: Ausgerechnet CODA erhält die Auszeichnung zum besten Film des Jahres. Monatelang wurde darum gestritten, welcher der starbesetzten Prestigeprojekte nun am Ende die Nase vorn haben würde, nur damit ein zuvor eher wenig beachtetes Familiendrama gewinnt. Die einen freute es, dass ein Underdog, der sich mit dem Leben gehörloser Menschen auseinandersetzte, so gewürdigt wird. Andere ärgerte es, dass ein bloßes Remake die höchste Ehre erhält. Nicht nur, dass es sich dabei um eine wenig ambitionierte Neuverfilmung des französischen Kassenerfolgs Verstehen Sie die Béliers? handelte. Einige fühlten sich zudem an Jenseits der Stille erinnert, das vor rund einem Vierteljahrhundert eine sehr ähnliche Geschichte erzählte. Bei der deutschen Fassung reichte es aber nicht einmal für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Tatsächlich sind die Parallelen zwischen dem deutschen, dem französischen und letztendlich dem US-amerikanischen Film frappierend. Alle drei handeln von einer Familie, bei der die Eltern gehörlos sind, die Tochter aber nicht. Alle drei erzählen, wie die hörende Tochter zum Sprachrohr und Verbindungsglied zur Außenwelt wird. Zudem wird diese Tochter in allen drei Fällen die Liebe zur Musik entdecken, womit das sorgsam erarbeitete Familienkonstrukt ziemlich ins Wanken gerät. Bei Jenseits der Stille äußert sich die Liebe zur Musik mittels einer Klarinette, während bei den beiden anderen gesungen wird. Außerdem ist bei der deutschen Version noch die Tante, die ihrerseits erfolgreich Musik macht und damit der eigentliche Katalysator für die Abnabelung wird. Das Prinzip der drei Geschichten ist aber so ähnlich, dass  man zurecht darauf hinweisen darf, dass der Sieg von CODA ein bisschen fragwürdig ist.

Fragmente eines Dramas

Was Jenseits der Stille von den beiden späteren Filmen unterscheidet, ist die Tonalität. Die französischen und US-amerikanischen Fassungen verbanden die Selbstsuche der jungen Protagonistin mit Humor, waren insgesamt auch deutlich versöhnlicher. Regisseurin und Co-Autorin Caroline Link (Der Junge muss an die frische Luft, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl) nahm bei ihrem Spielfilmdebüt das Schicksal ihrer Hauptfigur deutlich ernster. Welchen der beiden Zugänge man besser findet, ist letztendlich natürlich auch Geschmackssache. Die einen werden sich über die Wohlfühlvariante freuen, die in schwierigen Zeiten Trost spendet. Die anderen ziehen Links Fassung vor, die stärker auf die Schwierigkeiten hinweist, mit der eine solche Familie zu kämpfen hat.

Unschön ist in dem Zusammenhang, dass da einiges schon ein wenig konstruiert ist. Ein späterer Schicksalsschlag ist beispielsweise ein bisschen billig. Das sind die Art Wendepunkte, die in Filmen immer wieder eingebaut werden, um Figuren zusammenzuschweißen, anstatt tatsächliche Arbeit zu investieren. Überhaupt wird da manches nicht wirklich ausgearbeitet: Konflikte kommen da schon mal aus dem Nichts und verschwinden dorthin wieder. Das hängt auch damit zusammen, dass Jenseits der Stille im Gegensatz zu den obigen Filmen keinen Einzelmoment aus dem Leben nimmt, sondern Lara über mehrere Jahre hinweg begleitet. Nicht das Schlüsselereignis wird besprochen, sondern eine Entwicklung, das Erwachsenwerden. Auf diese Weise wird einiges notgedrungen fragmentarisch.

Die Suche nach einem eigenen Weg

Aber auch wenn dadurch manches ein bisschen holprig wird, das Coming-of-Age-Drama ist ein gelungenes Debüt der deutschen Filmemacherin. Es gelingt ihr, ganz universelle Fragen rund um Selbstbehauptung und Abnabelung eines jungen Menschen mit einer ungewöhnlichen Familiengeschichte zu verbinden. Das Publikum darf sich selbst in diesen Konflikten wiederfinden, selbst wenn diese innerhalb eines anderen Kontextes stattfinden. Jenseits der Stille behandelt das Thema mit Einfühlungsvermögen, aber auch einem gewissen Gespür für Poesie, wenn die Welt zu einem großen Wunderland wird, das es zu erkunden gilt. Eine eindeutige Antwort wartet am Ende nicht, dafür aber die Aufmunterung, selbst nach einer solchen zu suchen. Lara, die ihr Leben lang von anderen definiert und geleitet wird, darf am Ende ihr eigenes Stück spielen und damit einen wichtigen Schritt tun, um sich selbst zu verwirklichen.

Credits

OT: „Jenseits der Stille“
Land: Deutschland
Jahr: 1996
Regie: Caroline Link
Drehbuch: Caroline Link, Beth Serlin
Musik: Niki Reiser
Kamera: Gernot Roll
Besetzung: Sylvie Testud, Tatjana Trieb, Howie Seago, Emmanuelle Laborit, Sibylle Canonica, Matthias Habich

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1998 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Deutscher Filmpreis 1997 Bester Film Silber
Beste Regie Caroline Link Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Sylvie Testud Sieg
Beste Nebendarstellerin Emmanuelle Laborit Nominierung
Beste Musik Niki Reiser Sieg

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Jenseits der Stille
Fazit
„Jenseits der Stille“ begleitet die Tochter gehörloser Eltern und ihren Versuch, innerhalb dieser vorgegebenen Welt ihren eigenen Weg zu finden. Der Film bleibt dabei etwas fragmentarisch, da die Entwicklung über mehrere Jahre aufgezeigt wird – das bedeutet auch so manche Abkürzung. Aber er ist ein sehenswertes Coming-of-Age-Drama, das universelle Themen mit einer ungewöhnlichen Familiengeschichte verbindet.
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