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CODA Apple TV+

„CODA“ // Deutschland-Start: 13. August 2021 (Apple TV+)

Das Leben der 17-jährigen Ruby (Emilia Jones) ist maßgeblich von ihrer Familie geprägt. Nicht nur, dass sie die einzige ist, die hören und sprechen kann, weshalb sie immer wieder als Dolmetscherin für ihre Eltern Jackie (Marlee Matlin) und Frank (Troy Kotsur) einspringen muss. Sie muss diesen und ihrem älteren Bruder Leo (Daniel Durant) zudem auf dem Fischerboot zur Hand gehen, mit dem sich die Familie finanziell über Wasser hält. Dabei würde sie viel lieber singen. Tatsächlich hat sie dabei auch Talent, wie ihr der Schulchorleiter Bernardo Villalobos (Eugenio Derbez) attestiert. Bestätigung findet sie auch bei Mitschüler Miles (Ferdia Walsh-Peelo), der ebenfalls im Chor ist und für sie bald mehr wird als nur ein Freund. Und doch fällt es ihr schwer, sich zwischen ihrer Leidenschaft und der Verpflichtung ihrer Familie gegenüber zu entscheiden …

Alles schon mal da gewesen

Dass die US-Filmbranche sich gerne mal an bewährtem Material bedient, wenn ihr gerade nichts Besseres einfällt, ist kein Geheimnis. Im Kino wimmelt es schließlich von Fortsetzungen, Prequels, Spin-offs, Remakes oder Reboots. Erlaubt ist, was irgendwie an einen früheren Erfolg anknüpft, in der Hoffnung, dass das Publikum diesen Weg mitgeht. Und soll es doch mal etwas „Neues“ sein, schnappt man sich eben einen Film aus dem Ausland und dreht diesen nach. Den heimischen Zuschauern und Zuschauerinnen wird es schon nicht auffallen. Das kann man bedauern oder verachten. Hin und wieder ist eine solche Wiederverwertung aber zweifelsfrei keine schlechte Idee, wenn die Vorlage ungewöhnlich ist, mit viel Wiedererkennungswert, und dennoch bislang unbekannt war.

Eine solche ist die Tragikomödie Verstehen Sie die Béliers“ welche 2014 in Frankreich beachtliche 7,5 Millionen Zuschauern in die Kinos lockte, im englischsprachigen Raum aber kaum wahrgenommen wurde. Regisseurin und Drehbuchautorin Sian Heder, welche mit der Adaption betraut wurde, ändert am grundsätzlichen Szenario auch nur wenig. Noch immer geht es in CODA um den Alltag einer Jugendlichen, die in einer taubstummen Familie aufwächst und dabei eigentlich davon träumt, auf der Bühne zu stehen und zu singen. Dass dies ein ziemlicher Kontrast ist, ist klar. Es trägt auch dazu bei, dass Ruby in ihrer Familie eine Art Fremdkörper ist und sie erst noch lernen muss, sich etwas Eigenes im Leben zu erkämpfen.

Die Suche nach der eigenen Stimme

Im Grunde ist CODA deshalb über weite Strecken in erster Linie ein Coming-of-Age-Drama, welches sich dem immer wieder beliebten Thema der Selbstfindung annimmt. Solche Filme greifen gern auf das Bild der eigenen Stimme zurück, welche der junge Mensch in sich entdecken muss. Hier ist das dann ausnahmsweise mal wörtlich zu verstehen. Über die Glaubwürdigkeit der Geschichte lässt sich da streiten, zumal Ruby schon beim ersten Vorsingen so klingt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Das hätte im Film dann doch noch stärker vorbereitet werden können. Auch das Training für die Aufnahme an einer Musikschule fällt etwas knapp aus. Da sollte schon noch mehr gearbeitet und gefordert werden als der Hinweis, Both Sides Now von Joni Mitchell mit mehr Kraft zu singen. Wenn Whiplash und Konsorten das eine Extrem des musikalischen Kampfes darstellen, dann ist das hier das andere.

Besser gelungen ist der Widerspruch zwischen persönlicher Sinnsuche und familiärer Verpflichtung. Gerade weil es Ruby gewohnt war, früh zum Bindeglied zwischen der Familie und der Außenwelt zu werden, tut sie sich schwer damit, diese Rolle wieder aufzugeben. Wie dieser innere Kampf am Ende ausgehen wird, das ist nicht sonderlich schwer zu erraten. Selbst wer die Béliers seinerzeit nicht kennengelernt hat, braucht keine hellseherischen Fähigkeiten. Dafür folgt CODA dann doch zu sehr den bewährten Formeln. Aber das muss nicht für jeden ein Manko sein. Das Drama, welches auf dem Sundance Film Festival 2021 Premiere feierte und anschließend für viel Geld auf Apple TV+ landete, begnügt sich damit, das Publikum zu umschmeicheln und aufzubauen.

Ein Drama zum Wohlfühlen

Wer für solche Geschichten schwärmt und in der Stimmung ist für ein wenig Wohlfühlunterhaltung, der macht hiermit dann auch nichts verkehrt. Die Darstellung von Emilia Jones (Locke & Key) ist sympathisch, die Eltern bringen ein wenig Schrulligkeit ins Geschehen – und sei es, indem sie die Finger nicht voneinander lassen können. Und wenn Ruby zum Schluss eine ganz besondere Vorstellung für ihren Vater gibt und die beiden sich trotz des fehlenden Gehörs über die Musik näherkommen, dann darf man auch schon mal gerührt sein. Ob es dafür nun unbedingt ein Remake gebraucht hätte, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Für sich genommen ist CODA aber ein schöner Crowdpleaser, mit dem man sich trübe Tage ein wenig freundlicher und heller gestalten kann.

Credits

OT: „CODA“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Sian Heder
Drehbuch: Sian Heder
Musik: Marius de Vries
Kamera: Paula Huidobro
Besetzung: Emilia Jones, Eugenio Derbez, Troy Kotsur, Ferdia Walsh-Peelo, Daniel Durant, Marlee Matlin

Bilder

Trailer

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CODA
„CODA“ erzählt von einer Jugendlichen, die als einzige in ihrer Familie hören kann und davon träumt, auf der Bühne zu singen. Das Remake des französischen Hits „Verstehen Sie die Béliers?“ versteht sich dabei in erster Linie als Wohlfühlunterhaltung, weswegen das manchmal alles recht einfach ausfällt. Wer sich nicht daran stört, findet ein schönes und sympathisch gespieltes Drama für trübe Tage.
7von 10
Leserwertung: (2 Votes)
8.1

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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