Kritik

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ // Deutschland-Start: 25. Dezember 2019 (Kino) // 10. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Arthur Kemper (Oliver Masucci) wird für seine scharfen Theaterkritiken und Texte von vielen gefürchtet. Doch nun ist es der Autor selbst, der in Angst lebt: Als ihn ein Freund davor warnt, dass er auf einer Liste der Nazis steht, beschließt er im Frühjahr 1933, zusammen mit seiner Frau Dorothea (Carla Juri), Tochter Anna (Riva Krymalowski) und Sohn Max (Marinus Hohmann) erst einmal in die Schweiz zu gehen und abzuwarten, was die kommenden Wahlen ergeben. Das Ergebnis bestätigt seine größten Befürchtungen, nun haben in Deutschland die Nationalsozialisten das Sagen. Das bedeutet für die jüdische Familie, dass sie nicht zurück können, sondern sich im Ausland ein neues Leben aufbauen müssen. Aber das ist einfacher gesagt denn getan, denn auch anderswo machen sich die Auswirkungen des Machtwechsels bemerkbar …

Mit Der Junge muss an die frische Luft gelang Regisseurin Caroline Link letztes Jahr ein echter Überraschungshit: Knapp 3,8 Millionen Besucher lockt die Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie in die deutschen Kinos, wo sie zehn Monate später teilweise immer noch anzufinden ist – obwohl die DVD seit Ende August bereits draußen ist. Das weckt natürlich Hoffnungen,  das nächste Werk Als Hitler das rosa Kaninchen stahl könnte sich ebenfalls als Publikumsmagnet herausstellen, umso mehr, da das zugrundeliegende, gleichnamige Buch von Judith Kerr ein Klassiker ist. Und so startet der Verleih den Film mitten in der Weihnachtszeit, trotz des nicht gerade weihnachtlichen Themas. Nationalsozialismus und Antisemitismus, während die Leute mit Plätzchen, Braten und Familie beschäftigt sind? Ernsthaft?

Der Schrecken irgendwo da draußen
Ganz so schlimm wird es dann aber doch nicht. Als Hitler das rosa Kaninchen stahl handelt zwar von der Zeit, als die Nationalsozialisten ihre Schreckensherrschaft begannen, im Film selbst bekommt man hiervon aber nur am Rande mit. Ein Grund ist, dass die Geschichte aus den Augen eines kleinen Mädchens erzählt wird, die nicht weiß, nicht wissen kann, was die Veränderungen bedeuten. Sie setzt das einschneidende Erlebnis nur mit dem Verlust des Familienhauses und ihres geliebten Plüschkaninchens gleich. Der andere Grund: Familie Kemper ist wohlhabend und gut vernetzt, konnte aufgrund ihres Geldes und des Einflusses aus dem Land fliehen und ein vergleichsweise reguläres Leben führen. Die unaussprechlichen Gräueltaten, welche die jüdische Bevölkerung in Folge ertragen musste, man erfährt von ihnen hier noch nichts.

Stattdessen konzentriert sich der Film auf die Anpassungsschwierigkeiten der Familie. Wie geht man damit um, ein Leben in Reichtum aufgeben zu müssen und auf einmal Entbehrungen zu ertragen? Keine Freunde mehr um sich zu haben? Die Sprache der anderen nicht oder nur teilweise zu sprechen? Was Als Hitler das rosa Kaninchen stahl an historischen Kontexten mangelt, das macht der Film durch erstaunlich aktuelle Bezüge wieder wett. Wenn das Publikum schon nicht lernt, was es heißt, als Juden im Dritten Reich gelebt zu haben, dann führt es doch zumindest vor Augen, was ein Leben auf der Flucht bedeutet. Das groteske, undifferenzierte Bild des Schmarotzers, der in Horden Europa überrennt und nur auf Kosten anderer leben will, es wird hier durch den historischen Verweis auf deutsche Flüchtlinge eine wenig zurechtgerückt.

Und wenn schon …
Dem wirkt jedoch entgegen, dass Familie Kemper nicht unbedingt die ganz großen Sympathien erzeugt, zumindest nicht die Eltern. Vor allem Vater Arthur wird hier so einem derart überheblichen Elfenbeinturmsnob, dass einem recht bald egal ist, was genau mit ihm geschieht. Bei Dorothea sieht es zunächst nicht viel besser aus, ihr Sinneswandel kommt aber früher. Die Hauptfiguren sind aber ohnehin die Kinder. Solange sich Als Hitler das rosa Kaninchen stahl auf diese konzentriert, ist der Film dann auch am stärksten. Ein Grund: Wie schon bei Der Junge muss an die frische Luft gelang Caroline Link bei der Besetzung der Hauptfigur ein absoluter Glücksgriff, Newcomerin Riva Krymalowski bringt eine Frische und Natürlichkeit mit, die es zu einer Wonne machen, ihrem Alter Ego zuzusehen, wie sie sich mit Schweizer Jungen Steinkriege liefert oder später in Frankreich nach alternativen Einnahmequellen sucht.

Leider sind Frische und Natürlichkeit aber keine Eigenschaften, mit denen man den Film als solches beschreiben würde. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wenn das Drama – beispielsweise durch die schwülstige Musik – immer wieder daran erinnert, dass das hier ein Film ist. Selbst viele alltägliche Szenen wirken so künstlich, dass man kaum glauben mag, dass da im Kern eine wahre Geschichte erzählt wird. Hätte dies wenigstens dazu geführt, dass die Dramaturgie entsprechend mitanzieht, vielleicht wäre das gut gegangen. So aber stehen sich eine inhaltliche Alltäglichkeit und eine künstliche Inszenierung gegenüber, finden nicht so recht zusammen. Weder entwickelt Als Hitler das rosa Kaninchen stahl die notwendige Zugkraft, noch wirkt es authentisch genug, sondern bleibt irgendwo in der Mitte stecken – was am Ende weder der Geschichte noch dem Ensemble gerecht wird.

Credits

OT: Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl
Land:
Deutschland, Schweiz
Jahr:
2019
Regie:
 Caroline Link
Drehbuch: Caroline Link, Anna Brüggemann
Vorlage: Judith Kerr
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: Bella Halben
Besetzung: Oliver Masucci, Carla Juri, Riva Krymalowski, Marinus Hohmann, Ursula Werner, Justus von Dohnányi

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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
Die Adaption des gleichnamigen Klassikers erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die 1933 ins Ausland flieht und dort mit Mühen ein neues Leben beginnt. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ hat dabei nur zum Teil etwas über die damalige Zeit zu erzählen, funktioniert aber gut als Veranschaulichung eines Lebens auf der Flucht. Trotz einer erfrischenden Hauptdarstellerin ist das Drama oft aber zu künstlich, gleichzeitig zu spannungsarm, um wirklich das Optimum aus dem guten Stoff zu holen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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