Trouble Every Day
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Trouble Every Day

Trouble Every Day
„Trouble Every Day“ // Deutschland-Start: 3. März 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Frisch verheiratet wollen Shane (Vincent Gallo) und June Brown (Tricia Vessey) ihre Ehe mit einem kleinen Flitterwochen-Urlaub feiern. Die Wahl des US-amerikanischen Paares fällt dabei auf Paris, die Stadt der Liebe. Die Wahl des Ortes geschah dabei aber nicht allein des schön romantischen Ambientes wegen. Vielmehr ist Shane insgeheim auf der Suche nach Léo Sémeneau (Alex Descas), einem früheren Kollegen, sowie dessen Frau Coré (Béatrice Dalle). Denn sie verbindet eine gemeinsame Vorgeschichte. Aber auch in der Gegenwart finden sich Gemeinsamkeiten, wie einige Menschen feststellen müssen, die den beiden Paaren begegnen und dafür einen hohen Preis bezahlen mussten …

Ein vergessener Horror-Sonderling

In den letzten Jahren wurde viel darüber geschrieben, wie immer mehr Frauen Horrorfilme drehen und sich das Genre zu eigen machen – von Jennifer Kent (Der Babadook) über Julia Ducournau (Raw) bis zu neuen Stimmen wie Rose Glass (Saint Maud) oder Prano Bailey-Bond (Censor). Dabei hat es natürlich schon vorher immer mal wieder Regisseurinnen gegeben, die sich in diesem Umfeld betätigten. Dazu zählt auch Claire Denis. Die Französin ist zwar in erster Linie für Dramen bekannt. 2001 legte sie mit Trouble Every Day ein Werk vor, das ebenso blutig wie fremd war. Die Kritiken waren seinerzeit gemischt, neben euphorischen Besprechungen finden sich auch viele, die alles andere als angetan waren. Hierzulande bekam man davon jedoch relativ wenig mit, erst mehr als zwanzig Jahre später findet der Film den Weg zu uns.

Um einen reinen Horrorfilm handelt es sich hierbei jedoch nicht, zumindest nicht, wenn man Wert darauf legt, dass die damals noch gültigen Genrekonventionen berücksichtigt werden. Stattdessen lässt sie wie in ihrem ebenfalls grenzüberschreitenden Science-Fiction-Ausflug High Life Situationen eskalieren. Sie braucht keine Monster, keine Dämonen. Ihr reicht es, Menschen aufeinander loszulassen, die so viel Zerstörungswut in sich tragen, dass dies automatisch zu Angst und Schrecken führt. Bei Trouble Every Day kommt noch die Lust hinzu: Wenn hier Leute zu Schaden kommen oder gar sterben, dann hat das immer irgendwie mit Sex zu tun. Die Figuren sind so sehr von einem Verlangen getrieben, das über sie hinausgeht, dass von dem Gegenüber nicht mehr viel übrig bleibt. Wie bei manchen Beispielen aus dem Tierreich.

Lust jenseits der Sprache

Wobei Denis diese Exzesse mit sehr vielen ruhigen Szenen paart. Es geschieht sogar relativ wenig in dem Film, der seinerzeit auf den Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte. Gesprochen wird irgendwie noch weniger. Dann und wann finden sich mal Fragmente eines Satzes oder anderer Formen der sprachlichen Kommunikation, die einen daran erinnern: Nein, das hier ist kein Stummfilm. Man sollte davon aber nicht viel erwarten. Und schon gar keine Erklärungen: Trouble Every Day ist ein enigmatisches Werk, das sich ganz auf seine Bilder verlässt sowie die melancholische Musik von Tindersticks. Ein paar Punkte kann man sich aus dem Gesagten zwar ableiten, etwa zu der Vorgeschichte der beiden Paare. Man kann es aber auch bleiben lassen, da dies nicht wirklich viel hinzufügt oder überhaupt von Bedeutung ist. Es geht hier um keine Geschichte an sich.

Stattdessen handelt es sich um einen sehr sinnlichen, zugleich tragischen Film um (selbst-)zerstörerisches Begehren. Wo andere Werke um kannibalistische Neigungen oft einen Machtfaktor beinhalten, entsteht der Horror hier aus Intimität. Das kann schon verstörend sein, zumal Kamerafrau Agnès Godard (Golden Youth) selbst keine Distanz kennt oder will. Wir sind so nah dran an allem, dass man schon die Befürchtung haben muss, selbst zum Opfer zu werden. Überhaupt ist Trouble Every Day ein Film, der es weder sich, noch dem Publikum leicht macht, zumal die Zielgruppe unklar ist. Für Horrorfans ist der Film trotz einiger expliziter Szenen zu wenig, ein reines Arthouse-Publikum wird womöglich die klare Aussage vermissen. Tatsächlich wurde Denis vorgeworfen, dass sie nichts zu sagen habe und das aber irgendwie anders verkaufen will. Das mag man durchaus so sehen, zumindest wenn Wert auf das eigentlich Narrative gelegt wird. Wer sich jedoch darauf einlassen kann, dass das hier nicht den üblichen Regeln folgt, findet einen faszinierenden Erotikalptraum, der auch zwei Jahrzehnte später seine Wirkung nicht verpasst.

Credits

OT: „Trouble Every Day“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2001
Regie: Claire Denis
Drehbuch: Claire Denis, Jean-Pol Fargeau
Musik: Tindersticks
Kamera: Agnès Godard
Besetzung: Vincent Gallo, Tricia Vessey, Béatrice Dalle, Alex Descas

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 2001
Toronto International Film Festival 2001
Sitges 2021
International Film Festival Rotterdam 2002

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Trouble Every Day
Fazit
„Trouble Every Day“ handelt von zwei Paaren und sexuellem Verlangen, das tödliche Konsequenzen hat. Der Film ist je nach Blickwinkel verstörend oder langweilig, wenn kaum gehandelt und noch weniger gesprochen wird. Stattdessen erzählen intime Bilder und melancholische Musik von einer Lust, die so groß ist, dass sie in der Zerstörung endet.
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