In dem Drama Benedetta (Kinostart: 2. Dezember 2021) spielt Daphne Patakia die Figur der Bartolomea: eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen im 17. Jahrhundert, die von ihrer Familie misshandelt wird und Schutz in einem Kloster sucht. Dort trifft sie auf die Novizin Benedetta Carlini (Virginie Efira) und beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit ihr. Während die beiden sich immer näher kommen, hat Benedetta zunehmend Visionen, wodurch sie in der Hierarchie des Klosters aufsteigt – zum Leidweisen anderer. Wir haben uns im Rahmen der Französischen Filmwoche mit der Schauspielerin über Frauenfiguren, Freiheit und die Arbeit mit Regisseur Paul Verhoeven unterhalten.

 

Warum wolltest du bei Benedetta mitspielen? Was hat dich an dem Film gereizt?

Weil es ein Film von Paul Verhoeven ist. Und wenn Paul Verhoeven dir vorschlägt, in seinem Film mitzuspielen, da sagst du direkt zu. Die Art und Weise, wie er seine Geschichten erzählt, ist immer sehr interessant. Da spielt es schon keine Rolle mehr, wovon er da erzählt. Wobei ich das Drehbuch von Benedetta auch großartig fand und ich es gar nicht mehr weglegen konnte. Ich kannte seine Filme natürlich zum Teil schon vorher. Aber als klar wurde, dass ich in seinem Film mitspielen würde, habe ich mir viele seiner Werke angeschaut. Ich mochte dabei besonders seine früheren Filme Türkische Früchte und Flesh and Blood sehr gerne. Ich weiß, dass Flesh and Blood nicht sehr beliebt ist. Aber ich liebe den Film, vielleicht auch wegen seiner Verbindungen zu Benedetta.

Und wie war es dann, tatsächlich mit Verhoeven zusammenzuarbeiten?

Normalerweise ist es an Sets immer sehr laut und hektisch. Alle rennen herum, weil sie so im Stress und unter Zeitdruck sind, und schreien die ganze Zeit. Bei uns war das nicht so. Paul Verhoeven ist so freundlich und ruhig, dass der Dreh völlig entspannt war. Ich habe mal gehört, wie er zu jemandem gesagt hat: Einen Film drehen ist ein demokratischer Prozess. Er hat auch tatsächlich die anderen immer nach ihrer Meinung gefragt und gab uns die Freiheit, mit unseren Figuren zu machen, was wir wollten. Klar hat er an der einen oder anderen Stelle schon etwas korrigiert oder eine andere Richtung vorgegeben. Aber er war sehr offen für Vorschläge und gab dir das Gefühl, Teil des kreativen Prozesses zu sein.

Eure Geschichte spielt im 17. Jahrhundert. Seither hat sich natürlich viel getan, sei es im Hinblick auf die Gesellschaft, unser Verhältnis zur Religion oder auch die Art und Weise, wie Frauen behandelt werden. Warum ist diese Geschichte deiner Meinung nach dennoch für ein heutiges Publikum relevant?

Vielleicht weil sich im Kern vieles dann doch nicht so sehr verändert hat. Klar, du hast recht, dass unser Leben heute ganz anders aussieht. Aber wir sprechen unter anderem von Leidenschaften und Gewalt. Und das spricht uns immer an, bis heute. Was ich an Paul Verhoeven so toll finde ist, wie er komplexe Frauenfiguren entwirft. Frauen sind bei ihm nicht einfach nur Opfer. Auch wenn es bei ihm manchmal so aussieht, als wären sie ein Opfer, haben sie doch immer noch die Kontrolle über ihre Begierden und wissen, was sie wollen. Ihm wird hin und wieder vorgeworfen, dass er Frauen zu Objekten macht, indem er sie so oft nackt zeigt. Aber das finde ich gar nicht. Sie bleiben immer Subjekte mit einer eigenen Persönlichkeit und einem eigenen Willen. Ich denke, er macht sich sogar darüber lustig: Es gibt bei ihm immer mehrere Ebenen, die du erst erkennen musst. Und ich denke, dass das für ein heutiges Publikum relevant ist, wie er diese Rollen und Ansichten in Frage stellt.

Deine Figur in Benedetta war ein reines Objekt, bevor sie dem Kloster beitritt, mit dem die Männer machen konnten, was sie wollten. Wie hat dies Bartolomea beeinflusst?

Das mit dem Kloster war für mich sehr interessant. Bevor ich das Buch gelesen habe, war ein Kloster für mich ein in sich geschlossener Raum mit vielen Einschränkungen. Dabei konnten Klöster damals Orte sein, an denen Revolutionen stattfanden und in denen die Menschen frei sein konnten. Bartolomea kommt aus einem Haushalt, in dem sie von ihrem Vater und den Brüdern missbraucht wurde. Frauen konnten durch den Beitritt in ein Kloster solchen Beziehungen und auch der gesamten patriarchischen Gesellschaft entkommen. Sie genossen dort mehr Freiheiten, konnten zum Beispiel Lesen und Schreiben lernen. Sie konnten auch über ihr wirtschaftliches Leben bestimmen und hatten auf diese Weise deutlich mehr Macht.

Durch Bartolomea beginnt auch Benedetta sich zu verändern. Sie wird selbstbewusster, lebt ihre Leidenschaften aus. Gleichzeitig zeigt sie sich manchmal aber auch von einer grausamen Seite. Würdest du sagen, dass deine Figur einen positiven oder einen negativen Einfluss auf sie hat?

Für Benedetta selbst würde ich sagen, dass es auf jeden Fall positiv ist. Erst durch Bartolomea lernt sie, sich ihren Gefühlen und Bedürfnissen gegenüber zu öffnen und ihre Freiheit zu finden. Das ist nicht einfach, am Anfang fühlt sie sich auch nicht wohl in dieser Rolle. Aber am Ende findet sie dadurch zu sich selbst.

In den letzten Jahren wurde viel darüber gesprochen, wie sehr Frauen in der Filmindustrie unterdrückt werden. Wie sind deine eigenen Erfahrungen in der Hinsicht?

Als Schauspielerin habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht, egal ob ich jetzt mit Männern oder Frauen zusammengearbeitet habe. Allerdings muss ich sagen, dass die Drehbücher in der Hinsicht oft nicht gut sind. Frauen werden oft sehr eindimensional beschrieben. Ich war einmal in der Jury eines Filmfestivals und wir sollten Filmpreise verleihen. Einer dieser Filmpreise war für die beste Hauptdarstellerin. Bei den ganzen Filmen, die beim Festival liefen und die wir uns angeschaut haben, war aber kaum einer dabei, wo du wirklich von einer Hauptdarstellerin sprechen konntest. Selbst die größeren Frauenrollen waren letztendlich nicht wirklich wichtig, sondern beschränkten sich auf die weinende Freundin oder die Mutter in der Küche. Auf die Handlung hatten sie keine Auswirkung. Ich glaube, wir hatten gerade mal einen Film mit einer interessanten Frauenfigur, weshalb wir dem dann auch den Preis gegeben haben. Dadurch wurde mir erst bewusst, wie eindimensional diese Figuren sind. Seither achte ich selbst viel mehr darauf. Und ich denke auch, dass sich das gerade etwas ändert.

Du hast vorhin von Freiheit gesprochen, ein wichtiges Thema in Benedetta. Wie würdest du Freiheit denn definieren?

Freiheit bedeutet für mich, dass du einfach du selbst sein kannst, ohne dass dich jemand daran hindert. Das klingt immer ganz einfach, ist es letztendlich aber nicht. Da gibt es immer Menschen da draußen, die eine Meinung von dir haben, von der du dich nicht wirklich freimachen kannst. Ich zumindest bin in der Hinsicht noch nicht so weit wie meine Figur, dass es mir völlig egal ist, was andere von mir halten. Ich versuche aber, mehr wie sie zu sein.

Eine ganz andere Frage: Du wurdest in Belgien als Tochter eines griechischen Paares geboren, arbeitest jetzt in Frankreich und spielst in Benedetta eine italienische Nonne. Wie hat dich diese Internationalität beeinflusst?

Ich fühle mich insgesamt schon eher als Griechin, auch wenn ich dort nicht geboren wurde. Letzten Endes würde ich aber sagen, dass ich mich in erster Linie als Europäerin fühle. Damit identifiziere ich mich am meisten. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte, und hoffe, dass ich noch mehr kennenlernen werde. Ich würde gerne auch noch in anderen Fremdsprachen drehen. Deutsch würde mich zum Beispiel interessieren, aber die Sprache soll sehr schwer sein.

Wie geht es ansonsten mit dir weiter? Was sind deine nächsten Projekte?

Ich habe mit Léa Mysius den Film Les cinq diables gedreht, an der Seite von Adèle Exarchopoulos. Außerdem noch die Serie OVNI(S), das ist französisch für UFO und erinnert ein wenig an Unheimliche Begegnung der dritten Art von Steven Spielberg.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Daphné Patakia wurde am 8. Juni 1992 in Brüssel, Belgien als Tochter griechischer Eltern geboren. Dort wuchs sie auch auf und studierte zunächst Ballett und Modernen Tanz, bevor sie in Athen eine Schauspielausbildung im Griechischen Nationaltheater absolvierte. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Frankreich, drehte unter anderem das Drama Djam (2017).



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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