Inhalt / Kritik

Benedetta

„Benedetta“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2021 (Kino)

Italien im 17. Jahrhundert: Seit ihrer Kindheit lebt Benedetta Carlini (Virginie Efira) in dem Kloster einer kleinen Ortschaft, ihr Leben hat sie einzig und allein Gott und ihrem Glauben gewidmet. Das ändert sich, als Bartolomea (Daphne Patakia) ebenfalls an dem Kloster aufgenommen wird, denn die junge, wilde Frau führte bislang ein alles andere als keusches Leben. Und so führt sie Benedetta bald in die körperliche Liebe und Lust ein, worauf diese sich nach einigem Zögern auch einlässt. Doch das ist nicht die einzige Veränderung, welche die Novizin durchmacht. So hat sie auf einmal regelmäßig eigenartige Anfälle und zeigt rätselhafte Wundmale. Während andere freudig von einem Wunder sprechen, bleibt die langjährige Äbtissin Felicita  (Charlotte Rampling) skeptisch …

Von Comebacks und gläubiger Ware

Eigentlich hatte man Paul Verhoeven schon irgendwie abgeschrieben. Nachdem der niederländische Regisseur in den 1980ern und 1980ern eine Reihe von Blockbustern oder zumindest Kulttiteln gedreht hatte – darunter RoboCop und Basic Instinct – war es in den 00er Jahren ruhig um ihn geworden. In den 10ern dürften die wenigsten gewusst haben, dass er überhaupt noch aktiv ist. Doch dann folgte 2016 das fulminante Comeback Elle. Die eigenwillige Mischung aus Drama und Thriller rund um ein Vergewaltigungsopfer wurde weltweit gefeiert und für zahlreiche Preise nominiert. Am Ende gab es immerhin Golden Globes für den besten fremdsprachigen Film und Isabelle Huppert als beste Hauptdarstellerin. Umso neugieriger durfte man sein, was der Filmemacher wohl im Anschluss vorlegen würde.

Das hat dann eine Weile gedauert, woran zum einen eine Verletzung an der Hüfte, zum anderen die Corona-Pandemie Schuld war. Gelohnt hat sich die fünfjährige Wartezeit jedoch, denn Benedetta ist ein Film, wie man ihn von Verhoeven erwartet. Dabei lässt sich der Regisseur, der mit David Birke auch das Drehbuch geschrieben hat, jedoch recht viel Zeit. Anfangs sieht es so aus, als hätte der für seine Provokationen bekannte Niederländer einen unerwartet braven, geradezu normalen Film gedreht. Dafür gibt es zu Beginn einige Seitenhiebe auf die katholische Kirche, wenn die Aufnahme des Mädchens mit enormen Kosten verbunden ist. Je näher man an Gott sein will, umso teurer wird es. Glaube wird in der hier gezeigten Welt zu einer Ware.

Sexuelle Rebellion gegen überholte Machtstrukturen

Auch später nutzt Verhoeven jede sich bietende Gelegenheit, um die Institutionen genüsslich einzureißen. Lambert Wilson spielt beispielsweise mit Vergnügen den überheblichen Nuntius, der sich als kirchlicher Botschafter über allen Leuten wähnt, über Volkskrankheiten wie der Pest. Und natürlich über Frauen. Vor allem solchen Frauen, die in irgendeiner Form seine Autorität in Frage stellen. Benedetta zieht das zwar am Beispiel der Religion und christlichen Institutionen auf. Natürlich geht es aber vor allem um menschliche Machtstrukturen, gerade solche, die patriarchisch geprägt sind. Wenn die Titelfigur neue Seiten an sich entdeckt und dabei Hierarchien überwindet, dann ist das schon ein feministischer Freiheitskampf und eine Rebellion gegen das System – ausgelöst durch Sexualität.

Das macht Benedetta jedoch nicht zwangsläufig zur Heldin. So entwickelt sie im Laufe der Zeit nicht nur eine Lust am weiblichen Körper, sondern auch eine Lust an der Macht. Sogar sadistische Züge treten zum Vorschein. Tatsächlich weiß man irgendwann nicht mehr, ob sie nun Protagonistin oder Antagonistin sein soll. Hinter den Mauern des Klosters wird im Laufe der über zwei Stunden alles niedergerissen, selbst die Vorstellung von Gut und Böse. Eine eindeutige Antwort verweigert Verhoeven an dieser Stelle. Und auch sonst knausert er mit absoluten Wahrheiten. So darf sich das Publikum bis zum Schluss fragen, ob die Visionen von Benedetta göttlichen Ursprungs sind, lediglich Einbildungen oder gar eine Lüge.

Fantastisch gespielte Längen

Unstrittig wahr ist jedoch, dass Benedetta ein fantastisches Ensemble hat. Die Belgierin Virginie Efira (Bis an die Grenze) zelebriert das Erwachen ihrer Figur, geistig wie körperlich, entwickelt eine übernatürliche Präsenz – selbst außerhalb der bizarren und surrealen Visionen. An ihrer Seite agiert Daphné Patakia (Djam) nicht minder eindrucksvoll als Wildfang, der aufgrund der eigenen Biografie gar nicht weiß, wie sehr er die Ordnung in Frage stellt. Das ist phasenweise großartig, kann aber nicht ganz überdecken, dass das Drama, welches bei dem Filmfestspielen von Cannes 2021 Premiere feierte, zwischendurch so seine Längen hat. Die mehr als zwei Stunden erfordern letztendlich eine Geduld, die nicht immer belohnt wird, gerade im Mittelteil zieht sich der Film zuweilen. Aber auch wenn Verhoeven hier kein erneutes Meisterwerk vorgelegt ist, ist das hier zumindest so interessant, dass man noch auf viele weitere Geschichten des Filmemachers hofft.

Credits

OT: „Benedetta“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke, Paul Verhoeven
Musik: Anne Dudley
Kamera: Jeanne Lapoire
Besetzung: Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphné Patakia, Lambert Wilson, Olivier Rabourdin, Louise Chevillotte

Bilder

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Benedetta
„Benedetta“ erzählt, wie eine Novizin in einem Kloster erst die gleichgeschlechtliche Liebe entdeckt und später mit rätselhaften Wundmalen zur Sensation wird. Das ist eine sehenswerte Demontage feststehender Machtstrukturen. Doch auch das fantastische Ensemble und die bizarren Visionen können nicht ganz überdecken, dass das Drama zwischendurch Längen hat.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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