Kritik

Unheimliche Begegnung der dritten Art Close Encounters of the Third Kind

„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ // Deutschland-Start: 6. März 1978 (Kino) // 20. August 2015 (DVD/Blu-ray)

Auch die klügsten Köpfe wie der französische Wissenschaftler Claude Lacombe (François Truffaut) stehen vor einem Rätsel: Als in der Sonora-Wüste ein verlassenes Flugzeug gefunden wird, kann sich keiner erklären, wie es dorthin gekommen ist. Schließlich gehörte es zu einer Einheit, die mehr als dreißig Jahre zuvor im Bermudadreieck verschollen ist. Wo war es die ganze Zeit gewesen? Und was ist mit der Crew geschehen? Während immer mehr vermisste Fahrzeuge wieder auftauchen, machen im ganzen Land Menschen eigenartige Beobachtungen, darunter der Elektriker Roy Neary (Richard Dreyfuss) und die alleinerziehende Mutter Jillian Guiler (Melinda Dillon). Unerklärliche Lichter sind am Himmel zu sehen, schwirren umher und verschwinden in den Wolken. Doch selbst nachdem sie längst fort sind, die Beobachtungen bleiben nicht ohne Folgen …

Fünf Jahre bevor Steven Spielberg mit E.T. – Der Außerirdische einen Blockbuster unbekannten Ausmaßes schuf, versuchte sich der Regisseur schon einmal an einem Science-Fiction-Film. Der war ebenfalls ausgesprochen erfolgreich, und das obwohl sich Unheimliche Begegnung der dritten Art sehr von dem unterschied, was in dem Genre seinerzeit sonst so üblich war. Wenn hier Außerirdische die Erde besuchen, dann eben nicht, um diese zu erobern oder die Menschen zu bedrohen. Anders als Spielbergs vorangegangenen Filme Duell und Der weiße Hai steht im Mittelpunkt der Geschichte kein Konflikt, der ausgetragen werden muss, keine bewaffnete Auseinandersetzung, kein Abenteuer.

Eine lange Vorgeschichte
Stattdessen gab sich hier Spielberg wie Jahre später in E.T. seiner kindlichen Seite hin, verarbeitete hier wie dort diverse Erfahrungen, die er selbst gesammelt hat – von dem staunenden Blick zum Himmel bis zum Verschwinden des Vaters, der seine Frau und die Kinder alleine lässt. Tatsächlich beschäftigte sich der Filmemacher schon im frühen Alter mit dem Stoff: Als Teenager drehte er den inzwischen verschollenen Science-Fiction-Film Firelight, der zum Teil die Grundlage hierfür lieferte. Auch dort ging es um Außerirdische und geheime Aktivitäten der Regierung. Auch dort wurde ein Ehepaar in der Krise gezeigt. Den Wunsch, noch einmal zu diesem Genre und den Themen zurückzukehren, den hatte er zudem einige Jahre in sich getragen, wobei die Geschichte im Laufe der Zeit viele Änderungen durchmachte.

Geblieben ist dem Film aber das kindliche Staunen, eine gewisse Unschuld, welche die Menschen mitbringen angesichts der Möglichkeit eines fremden Lebens. Auch wenn das Militär in Unheimliche Begegnung der dritten Art eine große Rolle spielt, die Hauptfiguren sind – von dem von der französischen Regielegende François Truffaut gespielten Wissenschaftler einmal abgesehen – reguläre Menschen, die ihrem Leben nachgehen, mit ganz normalen Sorgen zu kämpfen haben. Sie werden dadurch zu den Identifikationsfiguren für das Publikum, das durch sie hindurch ungewöhnliche Erfahrungen machen darf, träumen darf von fernen Welten, von etwas, das größer ist als das eigene Leben. Eine Form des Eskapismus also, nur eben deutlich friedfertiger, als man es von dem auf Actionszenen spezialisierten Spielberg gewohnt ist.

Zwischen Naivität und ehrlichem Staunen
Doch deswegen ist Unheimliche Begegnung der dritten Art nicht automatisch weniger spannend. Das Fehlen gefährlicher Konflikte bedeutet auch nicht, dass hier nur weltverbessernde Gutmenschen herumlaufen – selbst wenn eine kauzige Szene in Indien diese Assoziationen weckt. Gerade bei Familie Neary liegt einiges im Argen, schon bevor die blinkenden Lichter für einen Bruch sorgen, man hätte hieraus leicht ein Familiendrama machen können. Doch diese negativen Stimmungen finden sich nur vereinzelt. Im Mittelpunkt findet sich das Wundern und der ehrliche Versuch auf Kommunikation und Austausch mit den fremden Lebensformen. Ob das nun realistisch ist, eine solche Situation sich mehr als vierzig Jahre später in der Form abspielen würde, das darf natürlich bezweifelt werden. Da dürfte Arrival, das ebenfalls vom Kommunikationsversuch mit Außerirdischen handelt und gleich kriegerische Implikationen mit sich bringt, schon eher zu erwarten sein.

Anders als E.T. – Der Außerirdische fünf Jahre später kommt der Appell für Offenheit dem Fremden gegenüber ohne tränenreiche Emotionalität aus. Spielberg überlässt es hier noch mehr dem Publikum, ob es sich der Reise anschließen mag oder nicht. Das ist in Folge natürlich weniger mitreißend, zumal sich der Regisseur und Drehbuchautor auch bei der Darstellung der Aliens zurückhielt: Lange bekommen wir nicht mehr als Lichter zu sehen, sowohl die Lebensformen wie auch ihre Schiffe bleiben außer Reichweite. Gerade für ein heutiges Publikum dürfte das zu wenig sein, Unheimliche Begegnung der dritten Art will sich das Mysterium bewahren, das die Konfrontation mit dem Unbekannten mit sich bringt. Auch wenn der Film über zwei Stunden dauert, so ist er doch nicht das Ende, nicht die Antwort, sondern vielmehr der Beginn einer neuen Reise, die zu fernen Sternen führen kann, aber auch im Alltag, im Hier und Jetzt, dazu führt, wieder den Blick schweifen zu lassen, den Horizont zu suchen und so zu träumen, wie wir es als Kinder getan haben.

Credits

OT: „Close Encounters of the Third Kind“
Land: USA
Jahr: 1977
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Steven Spielberg
Musik: John Williams
Kamera: Vilmos Zsigmond
Besetzung: Richard Dreyfuss, Teri Garr, Melinda Dillon, François Truffaut

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1978 Beste Regie Steven Spielberg Nominierung
Beste Nebendarstellerin Melinda Dillon Nominierung
Beste Musik John Williams Nominierung
Beste Kamera Vilmos Zsigmond Sieg
Bester Schnitt Nominierung
Bestes Szenenbild Nominierung
Bester Ton Nominierung
Beste Spezialeffekte Nominierung
BAFTA Awards 1979 Bester Film Nominierung
Beste Regie Steven Spielberg Nominierung
Bester Nebendarsteller François Truffaut Nominierung
Bestes Drehbuch Steven Spielberg Nominierung
Beste Musik John Williams Nominierung
Beste Kamera Vilmos Zsigmond Nominierung
Bester Schnitt Nominierung
Bestes Szenenbild Sieg
Bester Ton Nominierung
Golden Globe Awards 1978 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Regie Steven Spielberg Nominierung
Bestes Drehbuch Steven Spielberg Nominierung
Beste Musik John Williams Nominierung
Saturn Awards 1978 Bester Science-Fiction Film Nominierung
Beste Regie Steven Spielberg Sieg
Bester Hauptdarsteller Richard Dreyfuss Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Melinda Dillon Nominierung
Beste Nebendarstellerin Teri Garr Nominierung
Bestes Drehbuch Steven Spielberg Nominierung
Beste Musik John Williams Sieg
Bestes Make-up Nominierung
Beste Spezialeffekte Nominierung

Filmfeste

Berlinale 1985
Locarno 2013

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Unheimliche Begegnung der dritten Art
„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ nimmt bereits einige Themen vorweg, die Steven Spielberg fünf Jahre später in seinem Science-Fiction-Megahit „E.T.“ noch einmal aufgriff. Der stark emotionale Faktor fehlt hier jedoch, stattdessen befasst sich die Geschichte um eine erste Kontaktaufnahme mit Außerirdischen vor allem mit dem kindlichen Staunen und der Faszination, die wir in der Konfrontation mit dem Unbekannten haben können – und dem Film nach auch sollten.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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