Inhalt / Kritik

The Innocents

„The Innocents“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino)

Die Begeisterung hält sich sehr in Grenzen, als die kleine Ida (Rakel Lenora Fløttum) wegen ihrer Eltern (Ellen Dorrit Petersen, Morten Svartveit) in eine neue Stadt umziehen muss. Was soll sie denn da, wo sie doch niemanden kennt? Und überhaupt: Im Sommer sind alle Kinder weg. Klar, da ist auch noch Anna (Alva Brynsmo Ramstad), ihre ältere Schwester. Aber mit der kann sie überhaupt nichts anfangen. Denn die ist autistisch und bekommt alleine nichts hin. Ständig muss jemand auf sie aufpassen. Nicht einmal sprechen kann sie! Als Ida widerwillig mit ihr rausgeht, um sich irgendwie die Zeit zu vertreiben, lernt sie Ben (Sam Ashraf) kennen. Mit dem ist tatsächlich richtig was los. Nur scheint er auch eine sehr finstere Seite zu haben. Und dann wären da noch die eigenartigen Fähigkeiten, die sowohl er als auch Aisha (Mina Yasmin Bremseth Asheim) haben, die ebenfalls in der Siedlung lebt …

Der fast alltägliche Horror

Bei dem Titel The Innocents dürfte der eine oder andere an den Horrorklassiker Schloss des Schreckens denken, das im Original genauso hieß und die berühmte Novelle The Turn of the Screw von Henry James adaptierte. Mit dem vermeintlichen Vorbild hat die skandinavische Produktion jedoch nichts zu tun. Wobei es durchaus inhaltliche Parallelen gibt. In beiden Fällen spielen Kinder eine entscheidende Rolle. In beiden Fällen geht es auch recht übernatürlich zu, wenn die besagten Kinder nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen. Zumindest sind telekinetische und telepathische Fähigkeiten nicht unbedingt das, was man so in der Schule lernt oder in der Nachbarschaft üblicherweise zu sehen bekommt.

Wobei der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Eskil Vogt, der durch seine Buchkooperationen mit seinem Landsmann Joachim Trier (Thelma) bekannt wurde, diese Fähigkeiten gar nicht mal so sehr in den Mittelpunkt rückt. Dass das alles ganz ungewöhnlich ist, was hier geschieht, wird innerhalb des Quartetts kaum thematisiert. Mit den Erwachsenen wird ohnehin nicht darüber geredet. Stattdessen wenden sie diese verborgenen Talente an, als sei es das Normalste der Welt. Neugierig, ja, mit staunenden Augen auch. Es scheint sich aber niemand zu fragen, woher diese Fähigkeiten plötzlich kommen. The Innocents gibt darauf auch nie eine Antwort, lässt völlig offen, ob die Kinder oder der Ort die eigentliche Quelle sind. Wo andere Filme im Zwischenbereich von Horror oder Mystery in dem Moment irgendwelche alten Bücher oder alte wissende Leute hervorholen, die Erklärungen liefern, gibt es hier: nichts.

Gemächliche Eskalation

Das macht The Innocents für Genrefans sicherlich nicht ganz einfach. Gleiches gilt für das äußerst geringe Tempo: Vogt demonstriert früh, dass er es nicht unbedingt eilig hat bei seinem zweiten Film als Regisseur. Bevor er zu den übernatürlichen Ereignissen kommt, beleuchtet er erst einmal in aller Ruhe die Familienkonstruktion der beiden Schwestern. Die erste Szene zeigt, wie Ida ihrer älteren Schwester fest ins Fleisch kneift, in dem Wissen, dass diese den Eltern nichts verraten kann. Das ist gemein, ohne jeden Zweifel. So gemein, wie Kinder nun einmal sein können. Und doch ist es harmlos im Vergleich zu dem, was im weiteren Verlauf des rund zwei Stunden langen Films alles geschehen wird. Denn entgegen dem, was der Titel suggeriert: Mit Unschuld kommt man hier nicht weit. Vielmehr regiert bald schon die Gewalt.

Spannung im eigentlich Sinn entsteht dabei erst relativ spät. Dafür gibt es von Anfang an die Vorahnung, dass das irgendwie noch richtig böse wird. Gibt es eine unheilvolle Atmosphäre, die sich immer mehr ausbreitet und die anfänglichen Momente des Glücks überschattet. Bemerkenswert dabei ist, dass das Horrordrama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 Premiere feiert, völlig ohne die üblichen Orte auskommt. Wir befinden uns hier eben nicht in einem abgelegenen Landhaus, sondern mitten in einer prall gefüllten Sozialsiedlung. Auch finden die entsprechenden Szenen nur selten nachts statt, sondern vielmehr am helllichten Tag. The Innocents handelt nicht von einer großen Ausnahmesituation, sondern ist fest im Alltag verankert. Der Film konfrontiert uns mit dem Alptraum von nebenan.

Unheilvoll und eindrucksvoll

Das ist vor allem bei der letzten Szene sehr eindrucksvoll, wenn Vogt den Showdown ganz unspektakulär und ruhig inszeniert. Ein paar kleinere Spezialeffekte, dazu die blass-unterkühlten Bilder und ein Sound Design, das nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint – mehr braucht Vogt für seinen Film nicht. Und natürlich das Ensemble. Die vier jungen Nachwuchsschauspieler und -schauspielerinnen leisten Beeindruckendes. Ihnen gelingt tatsächlich die Balance aus Unschuld und Abgrund, wenn in ihnen die Kräfte erwachen. Und mehr. Tatsächlich erinnert The Innocents nicht nur daran, dass Kinder sehr grausam sein können, sondern auch, dass es nicht zwangsläufig irgendwelche zähnefletschenden Monster mit riesigen Krallen braucht. Der Mensch kann in der richtigen Situation Monster genug sein, damit es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft.

Credits

OT: „De uskyldige“
Land: Norwegen, Dänemark, Schweden
Jahr: 2021
Regie: Eskil Vogt
Drehbuch: Eskil Vogt
Musik: Pessi Levanto
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Besetzung: Rakel Lenora Fløttum, Mina Yasmin Bremseth Asheim, Alva Brynsmo Ramstad, Sam Ashraf, Ellen Dorrit Petersen, Morten Svartveit

Bilder

Trailer

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The Innocents
„The Innocents“ nimmt uns mit in eine Siedlung, in der eine Gruppe von Kindern übernatürliche Fähigkeiten entwickelt. Ganz gemächlich wird dabei die Intensität erhöht, erwacht das Böse, mitten im Alltag. Das ist gleichzeitig unspektakulär und beeindruckend, wenn mit minimalen Mitteln eine unheilvolle Atmosphäre erzeugt wird, dabei Grausamkeit und Unschuld nah beieinander liegen.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
3.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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