Inhalt / Kritik

Hinterland

„Hinterland“ // Deutschland-Start: 7. Oktober 2021 (Kino)

Wien 1920: Der Erste Weltkrieg ist bereits seit zwei Jahren vorbei, doch erst jetzt kehren Peter Berg (Murathan Muslu) und seine Männer aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurück in die Heimat. Dabei muss er feststellen, dass man nicht unbedingt auf ihn gewartet hat. Seine Frau und seine Tochter sind aufs Land gezogen, weil sie sich in der Stadt nicht mehr ernähren konnten. Und überhaupt will man mit den Rückkehrern nichts zu tun haben, die letzten Jahre am liebsten einfach vergessen. Doch dann werden die Dienste des ehemaligen Kriminalinspektors gebraucht, als eine brutal zugerichtete Leiche gefunden wird. Und so macht er sich im Auftrag des Polizeirats Victor Renner (Marc Limpach) gemeinsam mit dem jungen Kommissar Paul Severin (Max von der Groeben) und der Gerichtsmedizinerin Dr. Theresa Körner (Liv Lisa Fries) auf die Suche nach dem Täter. Dabei ist Eile angesagt, bleibt es doch nicht bei dieser einen Leiche …

Die Spuren des Krieges

In Folge des unrühmlichen Ausgangs des einst so groß gestarteten Afghanistan-Kriegs nahmen zuletzt die Diskussionen wieder zu, inwiefern Kriege überhaupt sinnvoll sein können und ob der Preis je gerechtfertigt sein kann, den man hierfür bezahlen muss. Da ist es zeitlich auf erschreckende Weise passend, dass ausgerechnet jetzt der Film Hinterland in unsere Kinos kommt. Mit Afghanistan hat der zwar nichts zu tun. Er spielt nicht einmal in einem zeitlich zu vergleichenden Kontext. Stattdessen nimmt er uns mit in eine Welt vor 100 Jahren, die gleichzeitig sehr fern erscheint und doch sehr aktuell ist. Denn auch hier stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Krieges und was dieser mit den Menschen anstellt, selbst jenen, die körperlich unverletzt wieder in die Heimat kommen.

Stellevertretend für all diese Leute steht Perg, der im Zuge seines Kriegseinsatzes alles verloren hat. Seine Familie ist weg, bei der Arbeit will ihn niemand, er wird wie Dreck behandelt. Ebenso schlimm ist aber das, was in ihm selbst kaputt gegangen ist. Hinterland erzählt die Geschichte eines tief traumatisierten Mannes, der sich in einer veränderten Welt nicht mehr zurechtfindet. Das hätte auch als reines Drama funktioniert, umso mehr da Hauptdarsteller Murathan Muslu (Am Anschlag – Die Macht der Kränkung) eine sehr intensive Darstellung abliefert. Er muss dabei nicht einmal viel sagen. Man sieht ihm auch so an, wie viel da in ihm vor sich geht. Wie sehr es in ihm rumort, während die Dämonen wüten, ihnen immer wieder von innen zerreißen.

Eine Alptraumstadt als Spiegel der Seele

Ungewöhnlich ist, wie sich diese inneren Kämpfe in der Außenwelt widerspiegeln. Normalerweise versuchen Filme mit historischen Settings diese möglichst akkurat wiederzugeben, um beim Publikum die Illusion zu erzeugen, in die Vergangenheit gereist zu sein. Regisseur und Co-Autor Stefan Ruzowitzky (Anatomie, Die Fälscher) geht einen anderen Weg. Anstatt reale Kulissen aus dieser Zeit zu verwenden, ist ein Großteil der Schauplätze am Computer entstanden. Diese wiederum wurden stark verfremdet: Alles in Hinterland ist schief, verzogen, irgendwie falsch. Die Häuser sehen immer so aus, als würden sie gerade kippen. Die Straßen sind praktisch nie ebenerdig, verschwinden schon mal auf groteske Weise im Himmel. Und auch die betont künstliche Farbgebung zwischen Schwarz, Grau und Blau trägt dazu bei, dass hier nichts real wirkt.

Atmosphärisch ist das ganz stark. Man verliert sich hier in einer düsteren, alptraumhaften Welt, bei der die Grenzen zwischen dem Inneren und Äußeren aufgehoben sind. Bei der auch die Grenzen zwischen richtig und falsch undeutlich geworden sind. Das zeigt sich gerade im späteren Verlauf: Hinterland stellt einige Fragen der Moral, deren Beantwortung nahezu unmenschlich ist. Gerade Perg steht vor Entscheidungen, die getroffen werden müssen und die doch keiner treffen kann. Der Krieg hat aus ihnen allen Bestien gemacht, die sich gegenseitig zerfleischen, weil sie sich zerfleischen müssen. Denn nur dann können sie selbst überleben. Aber der Preis für dieses Überleben war hoch: Sie haben nahezu alles verloren, inklusive sich selbst.

Klassische Mörderjagd

Hinterland kombiniert dieses persönliche Drama und die starke Antikriegsnachricht mit einem Thriller. An dieser Stelle ist der Film, der auf dem Locarno Film Festival 2021 Premiere hatte und dort auch den Publikumspreis erhielt, weniger ungewöhnlich. Eigentlich erzählt Ruzowitzky eine recht klassische Geschichte um die Jagd auf einen Serienmörder. Die Morde selbst sind bizarr, ansonsten zeigt sich der Film da von einer recht konventionellen Seite. Auch bei der Auflösung halten sich die Überraschungen in Grenzen. Man kann hier schon recht früh ahnen, worauf das alles hinausläuft. Dennoch, allein schon der Bilder und schauspielerischen Leistungen wegen lohnt sich der Blick auf diese Mörderjagd, bei der das Bekannte und das Unbekannte dicht beieinander liegen und der Weg in eine mögliche Zukunft tief durch die Vergangenheit führt.

Credits

OT: „Hinterland“
Land: Österreich, Belgien, Luxemburg
Jahr: 2021
Regie: Stefan Ruzowitzky
Drehbuch: Robert Buchschwenter, Hanno Pinter, Stefan Ruzowitzky
Musik: Kyan Bayani
Kamera: Benedict Neuenfels
Besetzung: Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Max von der Groeben, Marc Limpach, Margarethe Tiesel, Matthias Schweighöfer

Bilder

Trailer

Interviews

Wer noch tiefer in die düstere Welt von Hinterland eintauchen möchte: Wir durften zum Kinostart mit den beiden Hauptdarstellern Murathan Muslu und Max von der Groeben sprechen und fragten sie in unseren Interviews zu ihrer Arbeit an dem historischen Thriller aus.

Murathan Muslu [Interview]

Max von der Groeben [Interview 2021]

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Hinterland
Wenn in „Hinterland“ ein Kriegsrückkehrer einen Serienmörder jagt, dann wird daraus eine Mischung aus Charakterdrama, Antikriegsfilm und Thriller. Die Geschichte an sich ist dabei recht klassisch, wird aber durch das starke Ensemble und die alptraumhaften, unwirklichen Bilder aufgewertet, die ein verzerrtes Wien zeigen, in dem nichts mehr stimmt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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