In Hinterland spielt Max von der Groeben den idealistischen Jungkommissar Paul Severin, der gemeinsam mit dem Kriegsheimkehrer Peter Perg (Murathan Muslu) einen Mörder jagt, der 1920 in Wien sein Unwesen treibt. Dieser geht nicht nur äußerst brutal vor, sondern scheint sich seine Opfer sehr gezielt auszusuchen. Doch wer steckt dahinter? Zum Kinostart am 7. Oktober 2021 haben wir Max in unserem Interview zu seiner Arbeit an dem Thriller befragt, zum Reiz solcher Mörderjagden und die Schwierigkeit, den eigenen Idealen treu zu bleiben.

 

Bekannt geworden bist du ursprünglich durch diverse Komödien. Wenn man sich deine aktuellen Titel anschaut, dann ist das aber schon auffallend düster. Diese Woche laufen mit Hinterland und Das Haus gleich zwei Thriller an. War das eine bewusste Richtungsentscheidung von dir oder hat sich das einfach so ergeben?

Das stimmt. Ich habe mich entschieden, die eine oder andere Komödie mal auszulassen und mich mehr auf die ernsten und düsteren Sachen zu konzentrieren, die mir parallel angeboten wurden. Insofern war das schon eine bewusste Entscheidung, jetzt einfach mal etwas ganz anderes zu machen und ein Kontrastprogramm zu den ganzen Komödien zu setzen. Was jetzt aber nicht bedeutet, dass ich nie mehr eine Komödie spielen möchte…

Und was genau hat dich dann an Hinterland gereizt?

Da kam ziemlich viel zusammen. Das fängt an mit einer spannenden Geschichte und der Rolle, die mir gefallen hat. Dann natürlich die Aussicht, mit Stefan Ruzowitzky zusammenarbeiten zu dürfen Mit Murathan Muslu hat der Film noch ein supertoller Hauptdarsteller. Ich mochte auch, dass ich einen Österreicher spiele. Alle deutschen und luxemburgischen Schauspieler sprechen in dem Film mit einem leichten österreichischen Akzent. Das hat schon Spaß gemacht, mich in diese Rolle zu finden. Das waren schon alles gute Gründe für mich. Und dann kam noch hinzu, dass wir alles vor Bluescreen gedreht haben. Das hatte ich auch noch nicht gemacht in diesem Umfang.

Und wie war das für dich, mit den Bluescreens zu arbeiten? In Hinterland ist ja kaum ein Schauplatz noch echt.

Das war von Szene zu Szene unterschiedlich. Bei der Verhörszene war ich mit meinem Partner so sehr im Geschehen drin, dass es schon egal war, wo genau das jetzt spielt. Schwieriger waren die Szenen, in denen wir einfach nur durch eine blaue Halle gelaufen sind und uns alles vorstellen mussten. Da wird dir dann gesagt, du musst jetzt um eine Säule gehen oder dich hinter einer Wand verstecken. Und es war nichts davon da. Das war schon etwas verwirrend. Vor allem das Positionsspiel war eine Herausforderung, weil du nie genau wusstest: Stehe ich hier überhaupt richtig? Da musstest du dich schon sehr genau mit dem Kameramann absprechen, damit das klappt.

Muss man bei einem solchen Film mehr oder weniger proben als bei einem mit einer realen Kulisse?

Das war eigentlich gar nicht groß anders vom Aufwand her. Wir kamen zum Proben ans Set, was dann immer dieser blaue Raum war. Manchmal gab es dann einen Tisch oder eine Tür oder einen Teil von einem Weg. Und da haben wir ganz normal geprobt. Im Anschluss haben wir uns das gemeinsam angeschaut und vielleicht hier und da die Position noch geändert, wenn etwas nicht gestimmt hat. Der technische Aufwand war natürlich schon höher, klar. Aber es hatte auch seine Vorteile, immer in diesem Raum zu drehen. Wir waren dadurch völlig unabhängig vom Wetter oder den Tageszeiten und konnten zu jeder Zeit drehen. Das war schon angenehm so.

Und es sieht interessant aus. Am Computer erstellte Hintergründe hast du in Filmen zwar oft, dann aber doch eher in Action- oder Science-Fiction-Filmen, nicht in einem historischen Thriller.

Ja, das stimmt. Aber ich denke, dass da noch viel mehr kommen wird. Die fangen gerade erst an, die Möglichkeiten wirklich auszuschöpfen. Da geht es nicht nur darum, neue Welten zu schaffen, sondern auch die bekannte anders darzustellen, wie wir es in Hinterland tun. Wir stehen da noch ganz am Anfang von dem, was alles möglich ist. Vielleicht ändert sich irgendwann auch die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen, weil wir jetzt sehr viel mehr machen können.

Du hast vorhin gesagt, was dich gereizt hat, in dem Film mitzuspielen. Jetzt mal aus Zuschauersicht: Worin liegt der Reiz eines solchen Thrillers deiner Meinung nach? Warum schauen wir solche Filme gerne an?

Ich schaue sie selbst sehr gerne und vermutlich aus denselben Gründen wie viele andere. Da ist zunächst die Spannung, wenn das Adrenalin hochschießt und du wissen willst, wie es weitergeht. Außerdem nimmst du als Zuschauer immer auch die Rolle des Polizisten oder des Detektivs ein und rätselst rum, wer es gewesen ist. Du bist dabei aktiver als bei anderen Genres. Außerdem macht es einfach Spaß, wenn du dich überraschen lassen kannst, weil da plötzlich eine neue Wendung eintritt.

Hattest du das Ende von Hinterland denn vorhergesehen?

Tatsächlich nicht, nein. Ich war beim Lesen schon mit dieser Spannung dabei, weil ich wissen wollte, wer hinter den Morden steckt. Ich fand den Twist auch sehr gut.

Wir hatten es eben von den Schwierigkeiten, sich in Bezug auf die Umsetzung in den Film zu finden. Wie sah es mit dem Inhalt aus? Die Geschichte spielt vor rund 100 Jahren und in einer doch recht besonderen Zeit. Wie gut bist du da reingekommen?

Wir hatten natürlich viel Vorbereitung mit Stefan zusammen und haben uns Zeitdokumente dazu angeschaut. Stefan hatte bei den Proben ganz große Bildbänder dabei, die das Wien der damaligen Zeit zeigten, damit wir uns das besser vorstellen konnten. Er hatte sogar Bilder von damaligen Tatorten aufgetrieben. Auf diese Weise konnten wir ein Gefühl für das alles entwickeln. Zusammen mit den Kostümen und der Masken half das schon sehr, in die Zeit einzutauchen.

Hinterland

Ein Team wider Willen: Peter Perg (Murathan Muslu) und Paul Severin (Max von der Groeben) ermitteln in einem bizarren Mordfall (© SquareOne Entertainment)

Kommen wir zu der Figur, die du spielst: Warum hat Severin so große Probleme mit Perg? Er ist ja nicht gerade begeistert, als der auftaucht.

Absolut. Und das auch zurecht. Paul Severin ist sehr genau und strikt. Für ihn muss alles mit Zucht und Ordnung vor sich gehen. Und das bedeutet eben auch, dass der Hauptverdächtige wie ein Hauptverdächtiger behandelt wird. Stattdessen wird der in die Ermittlungen einbezogen, was für Severin völlig inakzeptabel ist. Außerdem kann er nichts mit der coolen, lockeren Art von Perg anfangen, der ein ziemlicher Kontrast ist zu ihm.

Und was treibt Severin ganz allgemein an? Warum ist er Polizist geworden?

Severin ist jemand, der es schon früh weit gebracht hat. Es ist ja ungewöhnlich, dass es einer in so jungen Jahren bereits zum Kommissar gebracht hat. Das erklären wir damit, dass durch den Krieg viele Männer eingezogen waren und deshalb ein Mangel herrschte an geeigneten Kandidaten. Dadurch konnten auch Jüngere schon in höhere Positionen gelangen. Durch diesen Ordnungsdrang, den er hat, bietet sich ein solcher Beruf natürlich an. Er will vielleicht auch etwas tun für dieses Land. Seinem Bruder, der im Krieg ist, kann er nicht direkt helfen. Also will er wenigsten vom Inneren heraus etwas tun und das Land unterstützen. Gerade die Geschichte mit dem Bruder ist schon ein großer Antrieb für ihn.

Deine Figur ist in diesem Umfeld manchmal etwas auf verlorenem Posten, weil er alles richtig und ganz korrekt machen will, während der Rest sich darum nicht kümmert. Ist es möglich, in einem solchen Umfeld unterwegs zu sein, ohne sich irgendwann kompromittieren zu lassen?

Das ist tatsächlich schwierig. Paul Severin hat vermutlich in vielerlei Hinsicht eine andere Vorstellung und wird bestimmt oft enttäuscht. Noch ist er relativ am Anfang. Aber er merkt schon, dass das alles nicht so läuft, wie er es sich vorgestellt hat.

Und was ist die Konsequenz? Bei der Politik hat man zum Beispiel oft den Eindruck, dass du mit der Zeit deine Ideale ablegen musst, wenn du es zu etwas bringen willst. Sind Ideale ein Hindernis?

Gute Frage. Ich denke schon, dass es wichtig ist, erst einmal daran festzuhalten, wofür du stehst. Im besten Fall solltest du das nicht sofort über Bord werfen, wenn es schwierig wird. Aber das ist immer eine moralische und charakterliche Frage. Wie viel bin ich bereit zu opfern, um an die Spitze zu kommen? Gehe ich die Kompromisse ein, um dann in einer höheren Position etwas bewegen zu können? Denn am Ende bringen dir deine ganzen Ideale natürlich nichts, wenn du in deiner Position nichts bewegen kannst. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass du mit vorgetäuschten Idealen auf Dauer weiterkommst. Das fällt irgendwann auf. Wenn du dir selbst nicht mehr treu bist, verrennst du dich irgendwann.

Hinterland beschreibt das Wien der Nachkriegsjahre und damit eine Zeit des Umbruchs, in der sich vieles verändert hat. Es heißt, dass wir momentan ebenfalls eine Zeit des Umbruchs haben. Was können wir von dieser Zeit für heute noch lernen?

Momentan passiert wirklich wahnsinnig viel. Wir hatten Corona, das vieles auf den Kopf gestellt haben. Wir haben Themen wie Klimawandel und Digitalisierung, was uns alle noch sehr beschäftigen wird. Und auch politisch ist da einiges im Wandel. Ein Punkt von der Zeit, die wir in Hinterland darstellen, ist, dass damals bereits die Anfänge für den späteren Nationalsozialismus gelegt wurden. In der Hinsicht können wir bei uns eigentlich ganz glücklich sein, dass die Rechten nicht stärker sind. Bei der letzten Wahl hat die AfD wieder an Stimmen verloren, ein Großteil der Deutschen hat sich für die demokratischen Parteien entschieden. Trotzdem müssen wir natürlich aufpassen, in welche Richtung sich das alles entwickelt. Gerade die Anschläge in Hanau und Halle zeigen, dass dieses Thema nicht runtergespielt werden darf. Wir müssten auch ganz allgemein sehr viel mehr gegen den ganzen Hass im Netz tun, weil da immer die Gefahr besteht, dass da noch mehr kommt.

Nachdem du durch den Film die damalige Zeit kennengelernt hast, welche Epoche würdest du gern als nächstes kennenlernen, wenn du die freie Wahl hättest?

Oh, da gäbe es sehr viel. Im Grunde ist natürlich alles spannend, was noch weiter zurückliegt. Klar, die Zeit um 1920 in Hinterland war auch schon sehr anders im Vergleich zu heute. Aber alles ab dem 20. Jahrhundert hat man zumindest irgendwie noch auf dem Schirm. Aber das, was davor war, das ist schon ziemlich weit weg. Wobei ich durch den Film natürlich noch sehr viel mehr gelernt habe. Natürlich haben wir in der Schule auch über den Ersten Weltkrieg gesprochen. Aber die intensive Vorbereitung hat mir geholfen, das alles noch besser zu verstehen und einzuordnen. Das ist es auch, was ich an meinem Beruf so liebe: Du kannst ständig etwas dazulernen, geschichtlich, gesellschaftlich. Es wäre daher zum Beispiel sicherlich spannend, mich für eine Rolle ins Mittelalter einzuarbeiten und dadurch etwas zu lernen. Aber eine einzelne Epoche kann ich mir da nicht raussuchen. Dafür gibt es einfach zu viele, die wirklich spannend waren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Max von der Groeben wurde am 15. Januar 1992 in Köln geboren. Schon als Jugendlicher stand er vor der Kamera und hatte zahlreiche Gastauftritte in Serien. Seinen Durchbruch schaffte er 2013 in der Komödie Fack ju Göhte als Schüler Daniel „Danger“ Becker, den er anschließend noch zwei weitere Male spielte. Auch in der Reihe Bibi & Tina spielte er mehrfach mit. Darüber hinaus ist er ein gefragter Synchronsprecher.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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