Anatomie
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Anatomie

Inhalt / Kritik

Anatomie
„Anatomie“ // Deutschland-Start: 3. Februar 2000 (Kino) /7 27. August 2021 (DVD/Blu-ray)

Über die Zulassung für einen hoch angesehenen Anatomie-Kurs an der Universität Heidelberg freut sich die ehrgeizige Medizinstudentin Paula (Franka Potente) ganz besonders, hat doch schon ihr großes Vorbild, ihr Opa, dort studiert. Während ihr Vater alles andere als begeistert ist von den Ambitionen seiner Tochter, die seiner Meinung nach eine solche Gelegenheit für ihr Ego und nicht zur Hilfe anderer wahrnimmt, sieht Paula in erster Linie die Chance in der Forschung einen wichtigen Beitrag in der Medizin zu leisten. So macht sie sich schon bald auf die Reise nach Heidelberg, wobei sie schon im Zug eine Mitstudentin, Gretchen (Anna Loos), trifft, welche ebenfalls zu dem renommierte n Kurs zugelassen wurde. Auch wenn die beiden gänzlich andere Einstellungen zum Leben und zur Arbeit haben, freunden sie sich an, besonders nachdem sie gemeinsam einen anderen Fahrgast retten konnten, der nach einem Herzanfall zusammengebrochen war. An der Universität angekommen werden die beiden jungen Frauen sogleich von ihren Kommilitonen begrüßt, wobei einige wie Phil (Holger Speckhahn) ihnen Streiche spielen, während andere, wie Hein (Benno Führmann), schnell ein Auge auf die schönen Neuankömmlinge geworfen haben. Der Kurs, geführt von Professor Grombek (Traugott Buhre), ist anspruchsvoll und gleich in der ersten Stunde wird ihnen eröffnet, dass nicht alle Studenten ihren Schein erhalten werden.

Jeder Teilnehmer des Kurses erhält einen Forschungsgegenstand, wobei ihnen nachmittags die Obduktionssäle zur Verfügung stehen, um sich fortzubilden und Daten zu sammeln. Dabei macht Paula einen schrecklichen Fund, denn einer der Leichname vor ihr ist jener Fahrgast, den sie und Gretchen noch vor ein paar Tagen retteten. Nachdem sie ihren Schock überwunden hat, macht sich Paula dennoch an die Untersuchung, die aber einige Ungereimtheiten, was die Todesart angeht, aufweist. Ihre Nachforschungen bringen weitere seltsame Aspekte zutage, was den Zustand des Leichnams angeht, sowie die Spur zum Kreis der Anti-Hippokraten, einer Geheimloge, die sich dem medizinischen Eid des Hippokrates widersetzt und alle ethischen Bedenken über Bord wirft, wenn es der Forschung dient. Als Paula ihre Erkenntnisse und Vermutungen ihren Professoren mitteilen will, muss sie jedoch feststellen, dass die Loge sie schon lange ins Visier genommen hat und die unliebsame Mitwisserin ausschalten will.

Vorbilder und neue Wege

Während in den deutschen Kinos das Horrorgenre spätestens in der zweiten Hälfte der 1990er eine wahre Blütezeit erlebte dank Wes Cravens Scream – Schrei! und vieler weiterer Ableger des Slasher-Genres, kam mit Stefan Ruzowitzkys Anatomie ein Film in die Kinos, der vor allem für das deutsche Genrekino, welches temporär aus seinem Dornröschenschlaf gerissen wurde, bedeutsam war und ist. Doch darüber hinaus ist Anatomie, wie auch seine Fortsetzung, weit mehr als ein weiterer Ableger des Slasher-Sub-Genres, sondern darüber hinaus eine spannende und interessante Neuinterpretation von dessen Form, der dessen Regeln, welche die Figuren in Scream noch selbstreferentiell offenlegten, in vielen Punkten umgeht oder verändert.

Besonders mit einer gewissen zeitlichen Distanz erkennt man den Unterschied zwischen Ruzowitzkys Film und den zahlreichen halbgaren Kopien der Formel, die Craven und vor ihm John Carpenter in Halloween aufgestellt hatten. Fällt bei der Figurengestaltung durchaus noch die geistige Verwandtschaft zu jenen filmischen Vorbildern auf, wie auch bei der Behandlung des Themas Sexualität, sind andere Punkte erfrischend anders gestaltet. Insbesondere die von Franka Pontente gespielte Paula fällt als Protagonistin angenehm auf, da sie so gar nicht der Idee der „Scream-Queen“ entspricht und durch ihren Scharfsinn auffällt, den man bei vielen weiblichen Hauptfiguren aus anderen Slashern vermisst. Von daher ist eine Szene, in der sie durch kühles Überlegen und Kombinieren den Streich einiger Studenten, die ihr einen Streich spielen wollen, symptomatisch für einen Film, der sich seiner Vorlage zugleich bewusst ist, sich aber auch von dieser entfernt und eigene Wege geht.

Rein wissenschaftlich

Ein besonders interessanter Aspekt der Anatomie-Filme ist die Art und Weise, wie Ruzowitzkys Inszenierung und sein Drehbuch Körperlichkeit thematisieren. Während sich dieser Punkt in vielen anderen Beiträgen des Genres in der Darstellung von Sexualität und deren Bestrafung durch den Killer erschöpft, erhält er in Anatomie einen ganz anderen Stellenwert. Ähnlich wie in Mathieu Kassovitz’ Die purpurnen Flüsse, der im selben Jahr wie Anatomie in die Kinos kam, ist die Reinheit und die Unversehrtheit des Körpers sowie die Erhaltung dieser Aspekte im Kern des Konflikts der Hauptfigur. Immer wieder behandelt wird die Erhaltung von Leben thematisiert und welche Opfer man dafür zu bringen bereit ist, verhandelt – eine Entscheidung, die letztlich auch Paula treffen muss. Der Zuschauer findet sich wieder in einer Welt, in welcher der Körper nicht nur Objekt der Forschung, sondern ein Ausstellungsstück geworden ist, eine Trophäe für den Killer, der sich nicht nur von den Prinzipien der Medizin distanziert hat, sondern dem Bild der „Götter in Weiß“ verfallen ist.

Im Verlaufe der Handlung wechselt Ruzowitzky immer zwischen den ernsten und unterhaltsamen Aspekten der Geschichte, wobei die Enthüllungen und die besonders spannenden Sequenzen, beispielsweise die Verfolgung Paulas durch den Killer, eine ausgeklügelten Dramaturgie folgen, welche Anatomie auch noch heute sehr spannend macht. Überhaupt darf man sagen, dass sich Ruzowitzkys Film rühmen damit darf, dass er gerade durch diese Mischung aus Unterhaltung und Spannung sowie die Veränderungen an der Form des Slashers, die Zeit gut überstanden hat und keinesfalls wie ein Relikt wirkt, was man keineswegs bei allen Horrorfilmen der 90er sagen kann.

Credits

OT: „Anatomie“
Land: Deutschland
Jahr: 2000
Regie: Stefan Ruzowitzky
Drehbuch: Stefan Ruzowitzky
Musik: Marius Ruhland
Kamera: Peter von Haller
Besetzung: Franka Potente, Benno Fürmann, Anna Loos, Holger Speckhahn, Sebastian Blomberg, Traugott Buhre

Bilder

Trailer

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„Anatomie“ ist ein spannender und sehr unterhaltsamer Mix aus Thriller und Horror. Dank seiner guten Hauptdarstellerin und Inszenierung darf Stefan Ruzowitzkys Film als eines jener Werke des Sub-Genres gelten, was nach wie vor zu überzeugen weiß und für viele Freunde des Horror- wie auch Thrillergenres einen Blick wert sein dürfte. Schade nur, dass solche Filme nach wie vor Seltenheit im deutschen Kino sind.
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