Kritik

Als wir tanzten

„Als wir tanzten“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino) // 30. Oktober 2020 (DVD/Blu-ray)

Für Merab (Levan Gelbakhiani) ist Tanzen alles. Täglich trainiert er an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis und träumt davon, als Tänzer Karriere zu machen. Doch sein Plan kommt ins Wanken, als Irakli (Bachi Valishvili) zu einer Truppe stößt. Nicht nur, dass der überaus talentiert ist und damit ein echter Rivale wird bei seinem Ziel, zu einem bedeutenden Vortanzen eingeladen zu werden. Auch emotional bringt der Neuankömmling alles durcheinander, als sich die beiden nach und nach näherkommen und Gefühle füreinander entwickeln. Gefühle, für die es in seinem konservativen Umfeld keinen Platz gibt …

Traditionen sind wichtig, bilden sie doch deinen Hintergrund, prägen dich auf vielfache Weise und geben dir Halt auf dem Weg durch eine ansonsten kaum zu überschauende Welt. Doch sie können auch zu einem Gefängnis werden, das dir auf eben diesem Weg nicht den benötigten Freiraum gibt. Kein Wunder also, dass es weltweit immer wieder zu Grabenkämpfen kommt zwischen Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen und solchen, die ihre eigene Identität gefährdet sehen durch die Infragestellung von Traditionen. Das zeigt sich auch an Als wir tanzten. Inspiriert wurde der Film durch eine Pride Parade, die 2013 in Tiflis veranstaltet werden sollte, was die orthodoxe christliche Kirche zum Gegenschlag provozierte. Und auch als das Drama selbst gezeigt werden sollte, kam es in der konservativen Bevölkerung Georgiens zu Protesten und Angriffen.

Liebe als Katalysator
Dabei nimmt Regisseur und Drehbuchautor Levan Akin bei Als wir tanzten einen kleinen Umweg, indem er kein reines LGBT-Drama drehte. Die Begegnung mit Irakli wird für Merab zwar eine Art Katalysator sein, seinen inneren Gefühlen grundsätzlich mehr Freiraum zu geben und stärker den persönlichen Ausdruck zu suchen. Aber sie ist eben nur Teil einer Selbstfindungsreise, welche den jungen Mann durch die Straßen und Studios Georgiens führt. Eine Reise, die an zahlreichen Menschen vorbeiführt, die mal selbst Freiraum suchen, mal Teil der überlieferten Welt sind und notfalls mit Gewalt für die Einhaltung der Regeln sorgen – sei es in physischer Form oder psychologischer Form, wie sie der Leiter der Tanztruppe betreibt.

Der Ausweg ist für Merab jedoch keine Gegengewalt, den ganzen Film über wird sich der sensible Mann kaum wehren oder Position beziehen. Er versteckt seine Gefühle lieber, verarbeitet sie wenn dann nur im Tanz. Ähnlich zu Into the Beat – Dein Herz tanzt werden die Bewegungen zu einem Spiegel dessen, was in der Hauptfigur vor sich geht. In einer der ersten Szenen muss er sich von seinem Trainer anhören, dass er zu weich sei für den georgischen Tanz, nicht dafür geschaffen, instinktiv ahnend, dass sich da jemand nicht an die Abmachungen hält. Tatsächlich sind seine weichen, anmutigen Bewegungen ein wenn auch unbewusstes Aufbegehren gegen eine toxische Männlichkeit, die ihren Wert in der Härte sucht. Interessant ist in der Hinsicht der Verweis auf die Vergangenheit: Der georgische Tanz sei härter, als er es einst war, vielleicht als Versuch, krampfhaft an einer Welt festzuhalten, die sich allmählich auflöst und damit Panikreaktionen auslöst.

Die leise Selbstfindung
Aber auch Merabs eigene Geschichte spielt an der Stelle mit ein: Schon die beiden Generationen vor ihm versuchten sich am Tanz, scheiterten damit jedoch, weshalb es nun an ihm liegt, endlich die Bestimmung seiner Familie zu vollenden. Die Familie wird in Als wir tanzten dann auch zu einer widersprüchlichen Einheit, die Segen und Fluch zugleich ist. Der junge Tänzer wird bei ihnen Halt finden. Doch auch die Trennung der Eltern und der nie anwesende Vater begleiten ihn – ganz zu schweigen von seinem chaotischen Bruder David (Giorgi Tsereteli), der ihm nichts als Ärger bringt, aber auch einen der schönsten Momente des Films beisteuert.

Insgesamt ist das Drama, welches in der Directors’ Fortnight von Cannes 2019 Premiere hatte, eines der eher leisen Töne. Die Annäherung der beiden Männer ist vorsichtig, wird durch kleine Details begleitet. Akin, der gebürtiger Schwede mit georgischen Wurzeln ist, verzichtet weitestgehend auf Tränendrüsenangriffe, sondern folgt spielerisch seinem Protagonisten. Der ist mitreißend von Levan Gelbakhiani gespielt, der dafür auch eine Nominierung beim Europäischen Filmpreis als bester Darsteller erhielt. Vor allem die Tanzszenen, kraftvoll und elegant, sind beeindruckend. Zuweilen erliegt Als wir tanzten etwas zu sehr dem Charme seines Protagonisten, wenn neben ihm wenig Platz ist. Mary (Ana Javakishvili), anfangs noch eine wichtige Bezugsperson, wird beispielsweise etwas uncharmant beiseitegeschoben. Aber auch über Irakli hätte man gern mehr erfahren, seine Hintergrundgeschichte wird nur am Rande erwähnt. Doch trotz dieser Auslassungen und mancher filmischer Konvention ist der Film ein sehenswertes Plädoyer für mehr Toleranz und eine Aufmunterung, seinen eigenen Ausdruck und Weg in dieser Welt zu finden.

Credits

OT: „And Then We Danced“
Land: Georgien, Schweden
Jahr: 2019
Regie: Levan Akin
Drehbuch: Levan Akin
Musik: Zviad Mgebry, Ben Wheeler
Kamera: Lisabi Fridell
Besetzung: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakishvili, Giorgi Tsereteli

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2019 Bester Darsteller Levan Gelbakhiani Nominierung

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Als wir tanzten
„Als wir tanzten“ folgt einem jungen georgischen Tänzer, der sich in einen Kollegen verliebt und damit in seinem konservativen Umfeld verloren wirkt. Das Drama ist eines der leisen Momente, überzeugt gerade in den schönen Details wie auch den kraftvollen Tänzen seines charismatischen Hauptdarstellers, wenn die Kunst zu einem persönlichen Triumph wird in einer Welt, die dafür nichts übrig hat.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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