Kritik

Into the Beat

„Into the Beat – Dein Herz tanzt“ // Deutschland-Start: 16. Juli 2020 (Kino)

Im Leben von Katya (Alexandra Pfeifer) steht das Ballett an oberster Stelle, umso mehr, da ihr Vater Victor (Trystan Pütter) ebenfalls ein gefeierter Tänzer ist, der sie von klein auf dazu ermuntert hat, seinem Beispiel zu folgen. Demnächst könnte sie ihren und seinen Traum erfüllen, denn es steht ein wichtiges Vortanzen für eine bedeutende Tanzschule in New York an. Das bedeutet für sie trainieren ohne Ende, Freizeit ist erst einmal keine vorgesehen. Doch dann lernt sie eine Gruppe Streetdancer kennen und ist von dieser Form des regellosen Tanzens fasziniert. Vor allem Marlon (Yalany Marschner) hat es ihr angetan, der auch schnell Interesse an ihr entwickelt. Für Katya bedeutet dies jedoch, dass sie eine schwere Entscheidung zu treffen hat, welchem Weg sie nun folgen soll …

Fans von Tanzfilmen werden gerade richtig umfangreich bedient, auf allen Kanälen, aus allen möglichen Ländern. Netflix nahm kürzlich die US-Produktion Feel the Beat ins Programm auf, fürs Heimkino kam das nahezu gleichklingende russische Feel that Beat. Aus Deutschland stammt wiederum Into the Beat – Dein Herz tanzt, das nach einer langen Zwangspause wieder Bewegung in die hiesige Kinolandschaft bringen soll. Ob das Zielpublikum hierfür schon bereit ist, wird sich zeigen, zumal der Sommer meist dazu verleitet, sich lieber selbst zu bewegen, als anderen dabei zuzusehen. Am Angebot selbst sollte es aber nicht liegen.

Tanz als Mittel der Selbstbestimmung
Tatsächlich ist das deutsche Drama ein solider Beitrag des Coming-of-Age-Segments, der vom Aufwachsen von Jugendlichen und der damit einhergehenden Selbstsuche handelt. Die Fragen, die sich Katya hier stellt, sind dann auch von einer sehr universellen Natur. Wer bin ich? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Woher weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Bei Into the Beat – Dein Herz tanzt werden diese Allerweltsfragen mit dem Tanzen verbunden, das hier mehr ist als nur ein Zeitvertreib. Genauer werden die zwei Tanzstile – Ballett und Streetdancing – zu Symbolen eines inneres Kampfes um Selbstbestimmung, um eine Entscheidungshoheit für das eigene Leben. Und natürlich zu einer Richtungsentscheidung: ein vorbestimmtes oder ein freies Leben. Denn bei Katya kommt hinzu, dass ihr familiärer Hintergrund das Ballett ist. Es gilt also auch eine Tradition zu verteidigen.

Anfangs ähnelt Into the Beat dabei noch anderen Jugendfilmen, die in einem künstlerischen Umfeld spielen und von großen Ambitionen handeln. Bei Prélude oder Whiplash bedeutet das Verfolgen einer künstlerischen Karriere ein Kampf um Perfektion, bei dem kein Platz für ein Privatleben oder Individualität bleibt. Nur wer alles makellos beherrscht und bereit ist, dafür große Opfer zu bringen, kann seinen Traum erfüllen – was immer die Frage aufwirft: Wie viel ist der Traum am Ende wert? Das ist hier ganz ähnlich, zwar wurde das Musizieren gegen das Tanzen getauscht, der Grundsatz bleibt jedoch. Das Leben von Katya ist mit so viel Druck von außen verbunden, dass sie immer wieder daran zu zerbrechen droht.

Ein vorgeblicher Konflikt
Während der neueste Film von Regisseur und Drehbuchautor Stefan Westerwelle (Matti & Sami und die drei größten Fehler des Universums, Lose Your Head) sehr schön diese Fragen vorbereitet, hat er es bei der Beantwortung jedoch ziemlich eilig. Dass ein jüngeres Publikum gern eindeutige Richtungen aufgezeigt bekommt, das mag schon sein. Trotzdem ist es eine verpasste Chance, den Konflikt zwischen den beiden Tanzstilen nicht auch wirklich als einen solchen aufzuzeigen. Eigentlich steht hier nämlich von Anfang an fest, dass Katya eigentlich lieber zu den Streetdancern wechseln würde, sie traut es sich nur nicht, ihrem Vater zu sagen. Ebenfalls unglücklich ist, dass der Druck, den Marlon aufbaut, nicht wirklich thematisiert ist. Wenn sich Katya dem freien Tanzen zuwendet, dann gibt es auch da einen fremdbestimmten Faktor, ähnlich wie beim Vater. Das will nur niemand wahrhaben.

Während die schematische, teils oberflächliche Behandlung der Themen Abzüge bei der B-Note bedeutet, überzeugt der Film doch mit dem Paar an sich. Dass Hauptdarstellerin Alexandra Pfeifer selbst einen Tanzhintergrund hat, merkt man ihrem Auftritt an, sowohl bei den klassischen Ballett-Szenen wie auch den freieren Tanzeinlagen. Außerdem bildet sie mit Yalany Marschner, der hier ebenfalls seine erste Hauptrolle hat, ein charmantes Paar, dem man auch abseits der Bühnen gerne zusieht. Wer sich also nicht daran stört, dass hier doch eher viel mit Klischees gearbeitet wird und Freiheit nicht immer wirklich frei ist, der kann ein bisschen träumen, seufzen und staunen, vielleicht an der einen Stelle selbst mit den Füßen wippen.

Credits

OT: „Into the Beat – Dein Herz tanzt“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Stefan Westerwelle
Drehbuch: Hannah Schweier, Stefan Westerwelle
Kamera: Martin Schlecht
Besetzung: Alexandra Pfeifer, Yalany Marschner, Trystan Pütter, Helen Schneider, Katrin Pollitt, Anton Wichers, Ina Geraldine Guy, Julius Nitschkoff, Dennis Kyere

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Into the Beat – Dein Herz tanzt
4.17 (83.33%) 6 Artikel bewerten

Into the Beat – Dein Herz tanzt
In „Into the Beat – Dein Herz tanzt“ verliebt sich eine junge Ballett-Tänzerin in einen Streetdancer und steht damit plötzlich zwischen zwei (Tanz-)Welten. Das funktioniert ganz schön als Symbol eines Kampfes zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, punktet auch mit einem charmanten Paar. Inhaltlich bleibt aber schon einiges schematisch, da suchte man sich den einfachsten Ausweg.
6von 10

Eine Antwort

  1. Anton Blasic

    Naja. Kommt mir eher vor, als hätte der Kritiker den Film nur oberflächlich geschaut. Ich habe den Film in einer Sneak gesehen und kann überhaupt nicht zustimmen, was den Vorwurf der Klischiertheit betrifft. Das Genre wird klar bedient, okay, jedoch geht der Film in der Ausleuchtung der Familienbeziehungen sehr differenziert vor und auch die beschriebene ‚andere‘ Abhängigkeit zum Tanzpartner konnte ich nicht erkennen. Die Hauptfigur wird vielmehr von einer Solistin zur Teamplayerin und formuliert ihre Wünsche selbst. Ebenfalls erfrischend erschien mir, dass die beiden Tanzformen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern im Finale zu einer Einheit zusammengeführt werden. Besonders hervorzuheben finde ich ebenfalls die wunderbare Kameraarbeit und intensiven Tanzszenen.

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