
Germaine Acogny gilt als eine der bedeutendsten Choreografinnen Afrikas – manche nennen sie schlicht die „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“. Die senegalesisch-beninische Tänzerin und Pädagogin hat über Jahrzehnte eine eigene Tanztechnik entwickelt, die westafrikanische Traditionen mit europäischem modernem Tanz verbindet, und mit der L’École des Sables nahe Dakar eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für zeitgenössischen afrikanischen Tanz aufgebaut. Der Dokumentarfilm Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes von Greta-Marie Becker begleitet sie bei Proben, im Unterricht und an Originalschauplätzen ihres Lebens – von der Savanne Senegals bis zu Pariser Institutionen – und versucht, dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit filmisch gerecht zu werden.
Zweiter Langfilm, ähnliches Terrain
Für Becker ist das ihr zweiter abendfüllender Dokumentarfilm. Mit Das Flüstern der Marimba (2020) hatte sie bereits gezeigt, dass sie sich für Musik- und Körperpraktiken in transkulturellen Kontexten interessiert – der Film lief auf über 40 Festivals weltweit. Thematisch schließt Die Essenz des Tanzes also direkt daran an: wieder eine künstlerische Praxis, wieder der globale Süden, wieder die Frage, wie man Körperwissen filmisch übersetzt. Wer den Vorgänger kennt, ahnt, was ihn erwartet – und wird nicht enttäuscht.
Eine Montage, die tanzt
Was den Film auszeichnet, ist seine Struktur. Statt die Biografie Acognys chronologisch abzuarbeiten, montiert Editorin Katja Dringenberg Archivaufnahmen aus Jahrzehnten mit aktuellen Probenszenen an der École des Sables so, dass Vergangenheit und Gegenwart ineinandergleiten. Immer wieder tauchen dieselben Motive auf – der Weg durch die Savanne oder die Hand, die den Boden berührt. Das ist kein Zufall: Die Montage folgt derselben Logik wie die Acogny-Technik selbst, die nicht zwischen Tradition und Moderne trennt, sondern beides gleichzeitig denkt.
Kamerafrau Sophie Maintigneux unterstützt das mit einer Bildsprache, die nah an den Körpern bleibt, ohne ins Schwärmerische zu kippen. Keine Zeitlupen, keine dramatischen Silhouetten gegen den Sonnenuntergang. Wenn Acogny tanzt, tanzt sie – und die Kamera hält mit, sachlich und präzise. Für ein Porträt einer schwarzen Tänzerin ist das keineswegs selbstverständlich. Becker und Maintigneux vermeiden den exotisierenden Blick, der solche Filme oft unterwandert.
Wenn es wirklich trifft
Die stärksten Momente sind die, in denen beides zusammenkommt: das Archivbild einer jungen Acogny auf einer europäischen Bühne, direkt gefolgt von einer Szene, in der sie heute denselben Bewegungsimpuls an eine Gruppe junger Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Afrika weitergibt. Das ist mehr als biografische Illustration. Es zeigt, wie Körperwissen weitergegeben wird – nicht durch Worte, sondern durch Wiederholung, Korrektur, Berührung. Solche Sequenzen brauchen keinen Kommentar.
Auch Fabrice Bouillon LaForests Musik trägt dazu bei: Sie weiß, wann sie schweigen soll. In den intensivsten Tanzszenen treten Trommelschläge, Schritte im Sand und Atem in den Vordergrund – und das mehrsprachige Gewebe aus Französisch, Wolof, Fon und Englisch, das nie synchronisiert nur untertitelt wird, verleiht dem Film eine kulturelle Dichte, die man zusätzlich spürt.
Zu gefällig an entscheidenden Stellen
Allerdings bleibt Becker dort, wo es interessant werden könnte, manchmal zu brav. Acogny hat 2021 den Goldenen Löwen der Tanz-Biennale Venedig erhalten, wird von westlichen Institutionen gefeiert und hat mit ihrer Schule eine von europäischen Fördergeldern mitgetragene Infrastruktur aufgebaut. Welche Widersprüche stecken darin? Was bedeutet diese Anerkennung für jemanden, der zeitlebens gegen eurozentrische Tanzkanons gearbeitet hat? Der Film deutet solche Fragen an, weicht ihnen aber aus. Ein etwas schärferer Blick hätte dem Porträt gutgetan – und Acogny, die als Persönlichkeit erkennbar genug wäre, ihn auszuhalten, nicht geschadet.
So bleibt Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes etwas näher an der Hommage, als er sein müsste. Das mindert den Film nicht grundsätzlich, macht ihn aber kleiner als sein Sujet. Wer Acogny nicht kennt, wird sie nach diesem Film kennen wollen. Wer sie kennt, wird dankbar sein für die Bilder.
OT: „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Greta-Marie Becker
Buch: Greta Marie Becker
Musik: Fabrice Bouillon LaForest
Kamera: Sophie Maintigneux
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)







