
Thiago (Matheus Abreu) wächst in einfachen Verhältnissen in Rio de Janeiro bei seiner Tante auf, arbeitet im Supermarkt und lebt seine überschüssige Energie nachts bei Hip-Hop-Battles aus. Um ihm etwas Disziplin beizubringen, verschafft sein Trainer Júlio (Alan Rocha) ihm einen Job an einer Ballettschule – ein Ort, den Thiago zunächst vor Familie und Freunden geheim hält, aus Angst, als schwul abgestempelt zu werden. Zwischen Straße und Trainingssaal pendelnd, gerät er in einen Konflikt zwischen Pflicht und Freiheit, Ehrgeiz und Ablenkung. Die Schulleiterin Raquel (Margarida Vila-Nova) erkennt sein Talent und holt den renommierten Choreografen Dino Carrera (Darío Grandinetti) ins Boot. Aus anfänglichen Spannungen entsteht nach und nach ein Vertrauensverhältnis – während Thiago beginnt, sich in einer Welt zu behaupten, die ihm eigentlich fremd ist.
Bekannte Wege
A Wolf Among the Swans erzählt eine klassische Aufstiegsgeschichte – und macht daraus auch keinen Hehl. Die Biografie von Thiago Soares, der es vom Spätstarter zum Star des Royal Ballet geschafft hat, bringt dafür alles mit, was das Biopic-Genre braucht: Talent, Widerstände, harte Arbeit und am Ende Erfolg. Dass Soares selbst am Film beteiligt war, merkt man der Darstellung durchaus an. Thiago erscheint in einem wohlwollenden Licht: als impulsiver, gelegentlich arroganter, im Kern jedoch integrer junger Mann.
Die Regie von Marcos Schechtman und Helena Varvaki bleibt dabei ziemlich geradeaus. Das Drehbuch von Camila Agustini – mit Beteiligung von Guillermo Arriaga (Amores Perros, 21 Gramm, Babel) – setzt stark auf Gegensätze: Straße gegen Bühne, Hip-Hop gegen Ballett, Macho-Attitüde gegen eine eher queere Kunstwelt. Das funktioniert, wirkt aber oft sehr deutlich markiert – manchmal zu sehr. Vieles wird ausgesprochen, was man auch hätte zeigen können.
Konflikte im Ansatz
Interessanter wird der Film immer dann, wenn er über diese Oberfläche hinausgeht – was er allerdings nur punktuell tut. Die sozialen Unterschiede sind klar angelegt: Thiago kommt aus prekären Verhältnissen und bewegt sich plötzlich in einer Welt, die von einer ganz anderen Klasse geprägt ist. Auch Fragen von Männlichkeit spielen eine Rolle, etwa wenn Thiago sich bewusst von dem abgrenzt, was er mit der Ballettwelt verbindet. Das Problem: Der Film streift diese Themen, geht ihnen aber selten wirklich nach. Statt die Spannungen auszureizen, biegt er oft schnell wieder auf die bekannte Erfolgsroute ab.
Am besten funktioniert der Film in der Beziehung zwischen Thiago und Dino. Das ist zwar klassisch erzählt – strenger Mentor trifft auf rohes Talent –, bekommt aber durch Darío Grandinetti eine eigene Note. Sein Dino ist fordernd, manchmal schroff, aber immer glaubwürdig engagiert. Hier entsteht tatsächlich so etwas wie emotionale Tiefe, auch wenn die Entwicklung insgesamt vorhersehbar bleibt.
Der Körper als Schauplatz
Überzeugend sind auch die körperlichen Aspekte: Training, Erschöpfung, Schmerz. Der Film zeigt gut, was es heißt, sich diesen Anforderungen zu stellen. Gleichzeitig wird der Körper auch als Träger von Zuschreibungen sichtbar – sozial, kulturell, geschlechtlich. Letzters bleibt zwar eher angedeutet, hat aber Wirkung.
Die Tanzszenen selbst sind solide, aber nicht besonders innovativ. Viel Bekanntes: Proben und Auftritte sind konservativ montiert. Spannend wird es vor allem dann, wenn Hip-Hop und Ballett aufeinandertreffen – also genau dort, wo Thiagos Hintergrund durchscheint.
Unterm Strich ist A Wolf Among the Swans ein zugängliches Tanz-Biopic, das sein Publikum sicher erreicht. Die interessanteren Themen – Klasse, Körper, Identität – sind alle da, werden aber eher angerissen als wirklich durchgearbeitet. Statt Risiko gibt es eine sauber erzählte Erfolgsgeschichte. Das funktioniert – hinterlässt aber das Gefühl, dass mehr drin gewesen wäre.
OT: „Um Lobo entres os Cisnes“
Land: Brasilien
Jahr: 2024
Regie: Marcos Schechtman, Helena Vervaki
Buch: Camila Agustini
Musik: Alexandre de Faria
Kamera: Pedro Faerstein
Besetzung: Matheus Abreu, Dario Grandinetti, Margarida Vila-Nova, Alan Rocha, Giullia Serradas, Igor Fernández, Elvira Helena, Augusto Madeira
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