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Letters from the Silenced Country

Inhalt / Kritik

Die Zeiten, in denen das Geschehen auf den Straßen von Minsk in Westeuropa Schlagzeilen machte, sind lange vorbei. Einmal mehr hat Belarus‘ Präsident Alexander Lukaschenko, den politische Beobachter als „letzten Diktator Europas“ bezeichnen, einen Umsturz gewaltsam abgewendet und seine Gegner mundtot gemacht. Doch wie ist es heute, sechs Jahre nach der letzten Wahl, um die Opposition im Land bestellt? Der Dokumentarfilmer Andrei Kutsila gibt eine besorgniserregende Antwort.

Bebilderte Briefe legen Zeugnis ab

Nach den letzten Präsidentschaftswahlen in Belarus im Jahr 2020 zog es Hunderttausende Menschen auf die Straße. Denn ein weiteres Mal ging es bei der Volksabstimmung nicht mit rechten Dingen zu und der seit 1994 im Amt befindliche Alexander Lukaschenko mit mehr als 80 Prozent der Stimmen als Sieger aus ihr hervor. Die Demonstrationen gegen die von internationalen Beobachtern als Scheinwahl eingestufte und von der Europäischen Union nicht anerkannte Wahl waren die größten Massenproteste in Belarus seit 1991. Und zum ersten Mal seit langer Zeit sah es so aus, als sei ein friedlicher Umsturz möglich. Die Demokratie schien zum Greifen nah. Auch die Protagonisten in Andrei Kutsilas Dokumentarfilm hatten diesen Eindruck. Sechs Jahre später ist davon nicht mehr viel geblieben.

Wer sich einen Eindruck von den damaligen Protesten machen möchte, dem sei der Dokumentarfilm Courage (2021) empfohlen, der das Geschehen aus der Perspektive dreier Mitglieder einer Theatertruppe beleuchtet. Trotz der seinerzeit bereits angespannten Lage verströmte Courage Hoffnung und Mut. Angesichts der vier ausgewählten Schicksale, die in Letters from the Silenced Country geschildert werden, fällt es hingen schwer, nicht alle Hoffnung fahren zu lassen.

Offene Form

Der in Polen, Litauen und Deutschland produzierte Dokumentarfilm wurde bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt – und der Name ist Programm. Aus dem filmischen Off werden Briefe von vier Menschen vorgelesen, die sich für die Demokratie in Belarus eingesetzt haben und dafür zur Rechenschaft gezogen wurden. Zwei von ihnen, Kasia und Witold, wanderten ins Gefängnis; Witold ist dort an den Folgen von Misshandlungen gestorben, wovon Aufnahmen von Überwachungskameras zeugen. Der von Gewissensbissen geplagte, ehemalige Kriminalbeamte Andrei setzte sich zunächst nach Russland ab, bevor er nach Polen floh. Und ein vierter Protagonist, der anonym bleibt, lebt zwar weiterhin auf freiem Fuß, allerdings mit der Angst, jeden Tag abgeholt zu werden.

Weil von vielem, was in den Briefwechseln zur Sprache kommt, keine Bilder existieren, greift der Regisseur auf Animationen zurück. Die schwarzweißen Zeichentrickeinlagen sind an die Kohlezeichnungen angelehnt, die Kasia während ihrer Gefangenschaft anfertigt. In der Verbindung vierer Einzelschicksale und von Realfilm und Animation ergibt sich ein erschreckendes Kaleidoskop, das in seinen stärksten Momenten die Brutalität, Skrupellosigkeit und Unmenschlichkeit von Lukaschenkos Regime schonungslos offenlegt. In seinen schlechteren Momenten ist Letters from the Silenced Country ein unentschlossenes Hin und Her: unsicher nach der richtigen Form tastend, den Fokus verlierend, unausgewogen strukturiert. Stets mehr offene Collage als aussagekräftiges Statement.

Credits

OT: „Listy“
Land: Polen, Litauen, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Andrei Kutsila
Buch: Andrei Kutsila
Musik: Vygintas Kisevičius, Paulius Kilbauskas
Kamera: Wojciech Weglarz



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Letters from the Silenced Country
FAZIT
„Letters from the Silenced Country“ beleuchtet das Schicksal vierer belarussischer Oppositioneller in einer kunstvollen Mischung aus Real- und Animationsfilm. In seinen besten Momenten legt dieser Dokumentarfilm die Gräuel eines Regimes schonungslos offen, bleibt insgesamt aber stets mehr fluide Collage als klares (politisches) Statement.
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