
Als die alleinerziehende Journalistin Júlia (Leticia Dolera) mit ihrem Sohn Roger (Bruno Bistuer Farré) zu einem Familientreffen anlässlich des 14. Geburtstags ihres Neffen Pol (Ot Serra Bas) fährt, ahnt sie nicht, was ihnen bevorsteht. Während es zwischen den Erwachsenen zu Streitigkeiten kommt, verbringen die beiden Cousins am Abend des Johannistags Zeit mit Manu (Aina Martínez) und Steven (Nael Gamell Orejuela), die zum Freundeskreis von Pol gehören. Die Stimmung ist ausgelassen, wie auch im Rest der Stadt. Doch am nächsten Morgen macht ein Gerücht die Runde, dass es zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein soll. Tatsächlich soll Manu das Opfer sein und die Situation der beteiligten Familien spitzt sich sehr schnell zu …
Rekonstruktion eines sexuellen Übergriffs
Inzwischen sollte es sich bei Serienfans herumgesprochen haben: Am späten Donnerstagabend werden auf arte Serien ausgestrahlt. Die meisten davon stammen aus Europa und erzählen dabei düstere Geschichten. Dieses Jahr gab es beispielsweise das Drama Etty um eine junge Frau, die in einem erstarkenden Faschismus ums Überleben kämpft. Aus Island kam der Thriller Reykjavík Fusion um einen vorbestraften Koch, der auf kriminelle Methoden zurückgreifen muss, um sich seinen Traum vom eigenen Restaurant zu erfüllen. Nach einer langen Sommerpause, in der es lediglich Wiederholungen zu sehen gab, startet der Sender mit Familiengeheimnisse eine neue Seriensaison. Und die spanische Produktion hat es in sich, wenn ein Blick hinter die Kulissen mehrerer Familien tiefe Abgründe offenbart.
Das Hauptthema der Serie ist dabei der Vorwurf von Manu, dass die anderen drei sie in der Nacht des Johannistags vergewaltigt haben. Leticia Dolera, überwiegend als Schauspielerin bekannt, etwa in [REC]³ Genesis, hat es dabei nicht sonderlich eilig. Die Spanierin, die hier als Regisseurin, Drehbuchautorin, Serienschöpferin und Hauptdarstellerin tätig ist, hat eine offensichtliche Vorliebe für ein nicht-chronologisches Erzählen. Schon beim Einstieg springt sie in der Zeit hin und her. Und das wird sie auch später im Verlauf der sechs Folgen tun. So gibt es in Familiengeheimnisse zwar schon früh den Vorwurf des sexuellen Übergriffs. Aber erst nach und nach wird enthüllt, was sich in dieser einen Nacht wirklich zugetragen hat. Es geht also nicht nur um die Frage, wie auf diesen Vorwurf reagiert wird, sondern auch, wie es überhaupt dazu kam.
Kaputte Menschen, viele Themen
Kombiniert wird das mit einer Reihe von anderen Themen. Denn irgendwie sind sie in der Serie praktisch alle kaputt. Ehen sind gescheitert, Kinder fühlen sich nicht wahrgenommen, es werden Emotionen unterdrückt. Auch innerhalb der Freundschaften kriselt es. Dazu kommen universelle Themen wie Geschlechterbilder, Homophobie oder Klassenunterschiede. Das ist dann manchmal ein bisschen viel, es hätte nicht unbedingt all diese Nebenstränge gebraucht. Hinzu kommt, dass Familiengeheimnisse nicht zu allen Punkten etwas Interessantes zu sagen hat. Beispielsweise sind manche der Charaktere etwas stereotyp geraten, bei der Handlung verlässt man sich auf das eine oder andere Klischee. Da hätte mehr investiert werden können und dafür anderes weggelassen.
Und doch ist die Serie sehenswert. Streckenweise erinnert sie an das letztjährige Phänomen Adolescence, wo es ebenfalls um jugendliche Grenzüberschreitungen geht. Familiengeheimnisse ist im Vergleich ein weniger harter Tobak, da statt eines Mordes „nur“ eine Vergewaltigung im Raum steht. Die Inszenierung ist zudem weniger kunstvoll. Dafür gibt es eine Reihe von emotionalen Szenen, bei denen es um die kaputten Beziehungen geht. Gerade bei den Jugendlichen ist da einiges zu sehen, wenn sie sich nach und nach damit auseinandersetzen müssen, was sie da eigentlich getan haben. Zumindest an der Stelle ist Dolera auch um Ambivalenz und Nuancen bemüht, wenn es keine einfachen Antworten gibt – selbst dann, wenn wir sie uns wünschen.
OT: „Pubertat“
Land: Spanien
Jahr: 2025
Regie: Leticia Dolera
Drehbuch: Leticia Dolera, Almudena Monzú
Idee: Leticia Dolera
Musik: Alfred Tapscott, Rafaël Leloup
Kamera: Marc Gómez del Moral
Besetzung: Leticia Dolera, Betsy Túrnez, Xavi Sáez, Aina Martínez, Ot Serra Bas, Bruno Bistuer Farré, Nael Gamell Orejuela, Carla Quílez, Jean Cruz, Alexandra Russo, David Vert, Biel Duran
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