Sonnenstadt
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Sonnenstadt

„Sonnenstadt“ // Deutschland-Start: 27. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

In den 1990er Jahren gründete der ehemalige Verkehrspolizist Sergei Torop in der russischen Taiga mit seiner religiösen Anhängerschar eine Siedlung, die ihre Bewohner und Bewohnerinnen Stadt der Sonne nennen. Torop hatte sich da schon den Namen Wissarion gegeben und seine Glaubenslehre für die „Kirche des Letzten Testaments“ in mehreren Bänden veröffentlicht. Rund um den Berg in der Sonnenstadt, auf dem Wissarion, der sich als Wiedergeburt von Christus versteht, mit seinen engsten Vertrauten lebt, haben sich im Laufe der Jahre rund 5000 Anhänger und Anhängerinnen niedergelassen. Viele leben in eingemeindeten Dörfern der Region. Von 2013 bis 2022 ist die Regisseurin Kristina Shtubert fünfmal mit ihrem Team nach Sibirien gereist, um die Gemeinschaft zu beobachten und mit einzelnen Mitgliedern zu sprechen. Nachdem Wissarion 2020 in Untersuchungshaft genommen wird, kämpft die religiöse Gruppe ums Überleben.

Leben nach den Geboten des Lehrers

Die Gläubigen versammeln sich in der Kirche zum Lobgesang auf ihren Heiland Wissarion. Ein Mann wird vom Türsteher abgewiesen, weil er nach Alkohol riecht. Drogen, Schnaps und Tabakkonsum sind in der Gemeinschaft der „Kirche des Letzten Testaments“ verboten. Aber getrunken und geraucht werde trotzdem heimlich, erzählen manche Leute Shtubert. Die in Russland geborene Regisseurin hat sich über neun Jahre mit der Glaubensgemeinschaft befasst. Ihr Abschlussfilm an der Berliner Filmakademie DFFB gibt interessante Einblicke in den Alltag dieser Menschen in der sibirischen Region Krasnojarsk und zeigt, wie sich ihre Situation im Laufe der Jahre verändert.

Für Wissarion, dessen Porträts als lächelnder langhaariger Mann in Christuspose in der Kirche und den Häusern der Sonnenstadt stehen, hatte sich schon Werner Herzog interessiert. So geht es in dessen Dokumentarfilm von 1993, Glocken aus der Tiefe. Glaube und Aberglaube in Russland unter anderem auch um den Prediger, den seine Gläubigen als „Lehrer“ verehren. Der Regisseurin Shtubert gewährt Wissarion ein kurzes Interview – im Film beschränkt es sich auf eine einzige Frage und Antwort. Bei einer Zeremonie sieht man ihn wie eine Christusfigur in Weiß gekleidet langsam den Berg hinabsteigen und sich auf einen Thron setzen, während die Gemeinde andächtig auf seine Predigt wartet. Was sie in ihm sehen und wie sie zu ihm stehen, erzählen die porträtierten Menschen selbst. Eine Rentnerin, eine Jugendliche, eine junge, aus Deutschland eingewanderte Frau mit ihrem russischen Mann und zwei kleinen Kindern stehen im Zentrum des Films, weitere Personen geben kurze Einblicke in ihr Leben und Denken.

Gestrandete und Sinnsuchende

Die junge Deutsche erntet im Garten Kartoffeln, hat stets die beiden Kinder um sich und ein Lächeln im Gesicht. Das naturnahe Leben gefällt ihr, dass sie kaum zur Ruhe kommt, scheint ihr wenig auszumachen. Allerdings scheinen Spannungen im Familienleben auf, denn ihr Mann, ein ehemaliger Häftling, gönnt sich viel Ruhe. Seine Neigung zum Jähzorn führt, wie er selbst später erzählen wird, zu einem vorübergehenden, disziplinierend wirkenden Ausschluss aus der „Einigen Familie“, dem Kreis der anerkannten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft. Sie predigt Gewaltlosigkeit und scheint etlichen Leuten, die sich hierher geflüchtet haben, weil sie in der russischen Gesellschaft unter die Räder geraten waren, Halt zu geben. Andere, wie die Rentnerin in ihrem bescheidenen Holzhäuschen, haben vor allem nach neuem Sinn im Leben gesucht – und ihn beim Beten, Holzhacken und der mühsamen Selbstversorgung offenbar gefunden.

Shtubert beobachtet, stellt Fragen aus dem Off, urteilt aber nicht. Eingeblendete Texte informieren über Fakten, vieles aber bleibt dennoch unerklärt oder wird nicht vertieft. Werden die Menschen ausgebeutet, fühlen sie sich unter Druck gesetzt, zum Weitermachen genötigt? Eine Jugendliche zieht fort und wird drogenabhängig, ein junger Mann muss zum Wehrdienst, mit tragischen Folgen. Manchmal scheint Humor auf, etwa wenn die alte Dame erzählt, dass erst Wissarions zweite Frau ihn als Christus-Wiederkunft erkannt habe und es ihn gefreut habe, dass sie zugleich jung und weise sei.

Längst nicht alle im Film Befragten glauben an Wissarions Lehre oder halten sich vom Wodka fern. In den Dörfern scheint es auch Menschen zu geben, die hier arbeiten und ein Auskommen finden, während sie die „Kirche des Letzten Testaments“ skeptisch oder gleichgültig betrachten. Man erfährt viel über die Mentalität der Menschen, ihren Pragmatismus, ihre unverblümte, hemdsärmelige Art, die sie sympathisch wirken lässt. Wunderschön sind die Landschaftsaufnahmen in der wald- und wasserreichen Gegend, die vermitteln, dass das entbehrungsreiche Leben hier auch viel Schönes bieten kann. Doch der russische Staat lässt die Gemeinde auf Dauer doch nicht tun, was ihr gefällt. Eine Texteinblendung informiert, dass die Kirche des Letzten Testaments 2023 verboten wurde.

Credits

OT: „Sonnenstadt“
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Kristina Shtubert
Kamera: Hanna Mayser, Ekaterina Smolina, Anton Petrov

Bilder

Trailer

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fazit
Der Dokumentarfilm von Kristina Shtubert beobachtet den Alltag in der sibirischen Glaubensgemeinschaft eines Predigers, der sich als wiedergeborener Christus versteht, über neun Jahre hinweg. Ohne selbst zu urteilen, lässt sie Menschen, die im naturnahen, frommen Leben Sinn finden und solche, die als gesellschaftlich Gestrandete hierherkamen, erzählen. So entstehen differenzierte Einblicke in eine Gemeinschaft, in der es Licht und Schatten gibt, deren Mechanismen aber nicht tiefer erforscht werden.
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