
Christophe ist ein ganz normaler Schüler. Das dachten zumindest alle. Als er jedoch mehrfach das Gleichgewicht verliert und nicht mehr aufrecht sitzen kann, stellen sie fest, dass es ein Problem mit seiner Wirbelsäule gibt. Und so ist er gezwungen, von nun an immer ein aus Eisen gefertigtes Korsett zu tragen – zu jeder Zeit, an jedem Ort, selbst beim Schlafen. Ein normaler Alltag ist so kaum mehr möglich, er kann kaum noch etwas mit anderen unternehmen. Und als wäre sein Leben nicht auch so schon unerträglich, kommt er nicht mit seinem Vater klar, ein strenger Mann, der gerade um das Überleben der Familienfarm kämpft. Das wiederum interessiert Christophe wenig. Er findet Erfüllung beim Orgelspiel in der Kirche, wo er Unterrichte erhält. Und dann ist da noch Clara, die er beim Schwimmen kennenlernt und für die er schnell Gefühle entwickelt …
Selbstsuche zwischen Widersprüchen
Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist mein Platz in dieser Welt? Das sind Fragen, die sich die meisten von uns irgendwann stellen. Vor allem in den jungen Jahren sind wir oft damit beschäftigt, uns selbst zu suchen zwischen verschiedenen Einflüssen und Möglichkeiten. Und eben weil dieser Themenkomplex so viel Identifikationsfläche bietet, wimmelt es von Coming-of-Age-Filmen, die genau diesen schwierigen Übergang von der unbesorgten Kindheit hin zu einem selbstbestimmteren Dasein begleiten. Manchen gelingt das besser, manchen schlechter. Eines der schönsten Beispiele der letzten Zeit ist Iron Boy, das bei der Premiere in Cannes den Spezialpreis der Jury in der Sektion Un Certain Regard erhielt und seither zu mehren anderen Festivals eingeladen wurde. Es ist sogar gut möglich, dass der Film in der kommenden Award Season oben mitspielen wird.
Lustig geht es los, wenn wir den Protagonisten bei einem Fotoshooting für die Schule sehen. Bei diesem klappt vieles nicht so wie gewollt, weil die Kinder sich irgendwie daneben benehmen. Bei Christophe ist es die Unfähigkeit, auch nur für einen Moment wirklich gerade zu sitzen, die den Fotografen in den Wahnsinn treibt, beim Publikum jedoch für Erheiterung sorgt. Erst später lernen wir, dass das nicht einfach mangelnde Selbstbeherrschung ist, sondern Ausdruck einer Krankheit. Iron Boy wird mit der Zeit ernster und nachdenklicher, behält teilweise aber auch dann noch den humorvollen Ton bei, wenn der Junge in zahlreiche missliche Lagen gerät. Auch die Szenen, wenn er sich vorstellt, durch sein Handeln die Welt auf den Kopf zu stellen, sind in ihrer kindlichen Trotzträumerei amüsant. Gleichzeitig ist er keine Witzfigur, sondern ein Mensch, der nicht nur an dem Korsett schwer zu tragen hat, sondern auch den vielen Teilen seines Lebens, die sich mitunter widersprechen.
Nuanciert und wundervoll bebildert
Ein großes Thema, welches Regisseur und Co-Autor Louis Clichy (Asterix im Land der Götter, Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks) anspricht: der Gegensatz von Selbstentfaltung und Pflichterfüllung. Während der Vater den Jungen dazu drängt, bei der kriselnden Farm auszuhelfen, so wie es alle anderen in der Familie tun, so wie es seine Eltern bereits getan haben, da will er nur die Orgel spielen. Iron Boy gelingt es dabei sehr schön, beide Sichtweisen zu zeigen und Verständnis zu wecken. Auch wenn es anfangs so aussieht, als wäre der Vater der böse Despot, der sich nicht in seinen Sohn hineinversetzen kann, es ist dann doch etwas komplexer. Denn so wie er sich schwertut, die Lage von Christophe zu verstehen, erkennt auch Letzterer nicht, wie ernst es um die Familie steht. Die Farm, ein von Generation zu Genration weitergegebenes Vermächtnis, steht vor dem Aus.
Die nuancierten Figuren und die diversen Themen – unter anderem spielt auch eine erste Liebe eine größere Rolle – werden von einer wundervollen Optik flankiert. Iron Boy setzt auf eine Mischung aus Tuschezeichnung und Wasserfarben, die sehr stimmungsvoll geworden ist, irgendwie verträumt und doch realistisch. Die französisch-belgische Coproduktion zeigt, wie in Zeiten oft sehr generischer Looks im Animationsbereich noch eine eigene Handschrift möglich ist. Und das ist dann insgesamt auch eine Stärke des Films: Er enthält viele bekannte Elemente, mit denen er einen Wiedererkennungswert schafft, und ist doch so individuell, dass er nicht in der Masse an Filmen untergeht. Und so ist die Geschichte um einen Jungen, der eine schwierige Phase durchmacht, gleichzeitig aus dem Leben gegriffen und etwas ganz Besonderes.
OT: „Le Corset“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Louis Clichy
Drehbuch: Louis Clichy, Franck Salomé
Cannes 2026
Annecy 2026
Toronto International Film Festival 2026
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