Strange River
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Strange River

Strange River
„Strange River“ // Deutschland-Start: 27. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Dídac (Jan Monter Palau) ist sechzehn, katalanisch und mit seiner Familie auf dem Fahrrad unterwegs – die Donau entlang, durch Wälder, an Campingplätzen und Flussbiegungen vorbei, immer dem Wasser nach. Sein Vater Albert (Jordi Oriol Canals) nutzt die Reise, um Bauhaus-nahe Architektur zu besichtigen, allen voran die Hochschule für Gestaltung Ulm; seine Mutter Monika (Nausicaa Bonnín) probt nebenbei Textpassagen für eine bevorstehende Bühnenrolle, Hölderlins „Tod des Empedokles“. Die beiden jüngeren Brüder Biel (Bernat Solé Palau) und Guiu (Roc Colell Moncunill) radeln mit. Man streitet sich, nähern sich an, driftet wieder auseinander.

Dídac selbst trägt eine unerwiderte oder zurückliegende Liebe mit sich herum und wirkt zunehmend introvertiert und in sich gekehrt – bis er beim Baden im Fluss einen gleichaltrigen, nackten Jungen entdeckt, der so plötzlich verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Alexander (Francesco Wenz), so der Name der Erscheinung, kehrt im Verlauf der Reise immer wieder zurück: mal greifbar nah, mal wie ein Tagtraum, mal so, dass man sich fragt, ob Dídac ihn sich nicht einfach herbeigesehnt hat. Während zwischen den beiden eine zarte, kaum fassbare Beziehung entsteht, verschiebt sich auch das Gefüge der Familie – Monika erkennt in ihrem Sohn Echos ihrer eigenen Jugend an genau diesem Fluss, Albert zieht sich zunehmend in seine architektonischen Leidenschaften zurück.

Ein Debüt, das sich Zeit nimmt

Strange River ist das Langfilmdebüt des katalanischen Regisseurs Jaume Claret Muxart, Jahrgang 1998, ausgebildet an der renommierten Elías Querejeta Zine Eskola und vorher schon mit mehreren Kurzfilmen unterwegs, in denen der Fluss als Schauplatz und die Mutter-Kind-Beziehung als Motiv bereits angelegt waren. Wer an Sommerfilme über schwules Erwachen denkt, hat schnell Aftersun oder Call Me by Your Name im Kopf – Wasser, Hitze, ein Junge, der sich selbst noch nicht kennt. Muxart zitiert dieses Genre, verweigert sich aber seiner Eindeutigkeit. Sein Film ist weniger an der großen Emanzipationsgeste interessiert als an der Frage, wie sich ein Gefühl anfühlt, bevor man weiß, was es ist.

Und ehrlich: Für sich genommen ist weder die Geschichte eines Teenagers, der zu sich selbst findet, noch die einer Familienradtour an der Donau irgendetwas, das man noch nicht gesehen hätte. Das Spektakuläre liegt hier nicht im Stoff, sondern in der Erzählweise. Muxart übersetzt Dídacs Coming-of-Age in die Bildsprache des magischen Realismus, und genau das macht aus einer eigentlich braven Prämisse etwas, das lange nachhallt.

Zwischen Wirklichkeit und Wunsch

Man weiß über weite Strecken nicht genau, was man da eigentlich sieht. Ist Alexander ein realer Junge, dem die Familie auf ihrer Route mehrfach begegnet, oder eine Projektion von Dídacs Begehren, die sich Gestalt und Körper gibt? Der Film beantwortet das nicht, und das ist keine Schwäche, sondern das eigentliche Prinzip. Diese Unschärfe zwischen Fakt und Fantasie ist anstrengend, keine Frage – man verliert phasenweise den Boden unter den Füßen. Aber genau darin liegt auch der Sog: Das Zögern zwischen den Ebenen fühlt sich an wie das Zögern der Pubertät selbst, dieses Nicht-genau-wissen, was echt ist an dem, was man fühlt.

Was den Film über die reine Wasser-und-Sehnsucht-Poesie hinaushebt, ist sein intellektueller Überbau. Über die Mutter läuft die Literatur- und Theaterebene – Hölderlins tragischer, naturversessener Empedokles wirft ein Echo auf Dídacs eigene Sehnsucht nach Auflösung und Verschmelzung. Über den Vater läuft die Architektur, mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung als konkretem Fixpunkt: kühle, rationale Form gegen Dídacs fließenden, kaum zu fassenden inneren Zustand. Beide Linien laufen nie plakativ zusammen, sie liegen einfach nebeneinander im Film, wie zwei Flussarme, und geben ihm eine Dichte, die über die eigentliche Coming-of-Age-Erzählung hinausweist.

Schön, aber nicht bequem

Unterschätzen sollte man auch die Geschwisterebene nicht. Die Beziehung der beiden älteren Brüder – ihre Nähe, ihre kleinen Reibungen, das langsame Auseinanderdriften, während Dídac innerlich woanders ist – erzählt beiläufig mit, wie sich eine Familie im Umbruch neu sortiert, ohne dass es dafür große Dialogszenen bräuchte.

Formal gibt es an diesem Film wenig auszusetzen. Die auf 16mm gedrehten Bilder von Kameramann Pablo Paloma haben eine körnige, fast haptische Qualität, das Licht auf dem Wasser, die vorbeiziehenden Wälder – all das ist von einer Schönheit, die selten aufdringlich wird. Aber Strange River ist kein Film, der es einem leicht macht. Er ist artsy, und er will es auch sein – das sieht man in praktisch jeder Einstellung, in jedem Schnitt. Wer episodisches, assoziatives Kino ohne klare Auflösung mag, wird hier reich beschenkt. Wer eine stringente Erzählung erwartet, wird sich an mancher Stelle verlieren – was, dem Film nach zu urteilen, durchaus im Sinne der Erfinder ist.

Credits

OT: „Estrany riu“
Land: Spanien, Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Jaume Claret Muxart
Buch: Jaume Claret Muxart, Meritxell Colell Aparicio
Musik: Nika Son
Kamera: Pablo Paloma
Besetzung: Jan Monter Palau, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, Jordie Oriol Canals, Bernat Solé Palau, Roc Colell Moncunill

Bilder

Trailer

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Strange River
fazit
„Strange River" erzählt eine unspektakuläre Geschichte auf höchst raffinierte Weise: als magisch-realistisches Fluss- und Familienporträt, das Begehren, Literatur und Architektur ineinanderfließen lässt. Anspruchsvoll, bildgewaltig, absichtlich unbequem – ein Debüt, das seine Kunstansprüche in jeder Einstellung sichtbar macht.
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