
Das Konzept binationaler Partnerschaften gilt seit Langem als Idealbild der Politik. Die Verbindung zweier Kulturen, verstärkt durch gemeinsame Emotionen, ist geradezu der Garten Eden der Vorstellung von Multikulturalismus. Was jedoch eigentlich eine persönliche und emotionale Bindung zweier Menschen sein sollte, wird – wie man nicht zuletzt in Zeiten des Wahlkampfes merkt – immer mehr zu einem Politikum. Nicht erst seit dem seit vielen Jahren fortschreitenden demografischen Wandel sowie dem Flüchtlingsstrom von 2015 greifen verschiedene Parteien in ihren Programmen immer wieder diese Thematik auf – manchmal direkt und bisweilen eher indirekt. Was mit teils konkreten und teils sehr diffusen Gesetzen, Verordnungen oder Vorgaben verändert werden soll, versucht ein Konzept zu vereinfachen, ohne es in seiner Komplexität überhaupt zu erfassen. Dabei geht es bei der Verbindung zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen um Vorstellungen von Familie, Geschlechterrollen, Arbeit und Zukunft sowie generell um Kommunikation, die nicht notwendigerweise nur die Sprache einschließt.
In der Literatur wie auch im Film gibt es viele Versuche, dieses Konzept in seiner Komplexität zu zeigen. Viele scheitern ebenso wie manches Parteiprogramm, doch besonders wenn die Beteiligten selbst betroffen sind, erhält man faszinierende und bewegende Einblicke darin, wie „Multikulti“ auf Augenhöhe aussehen könnte. Für die Regisseurin Susanne Kim (Meine Wunderkammern, White Box) bleibt es nicht beim Konzept, sondern sie lebt seit über 13 Jahren in einer binationalen Ehe mit ihrem Mann Jeong Rae und gemeinsam haben sie eine Tochter namens Hannah. Trotz der sehr innigen Beziehung der beiden war ihre Partnerschaft alles andere als einfach, besonders da Jeong Rae immer wieder in seine Heimat zurückkehrt und fast schon so etwas wie ein Fremder für seine Tochter bleibt. Als er Susanne mitteilt, er werde mit seiner Mutter in seinem Heimatort einen Hähnchengrill eröffnen, entschließt sie sich gegen seinen Willen, einen Film über ihre Familie zu drehen.
Entstanden ist dabei die Dokumentation Becoming Kim, die zuletzt unter anderem auf dem DOK.fest München zu sehen war. Ausgehend von der besagten Unterhaltung mit ihrem Mann erzählt Kim von ihrer Beziehung, davon, wie sie sich kennenlernten und wie eine Ehe funktioniert, wenn beide Partner in zwei verschiedenen Kulturen leben. Zusätzlich dokumentiert sie, wie sich diese Trennung auf ihre Tochter und ihre Schwiegereltern – die koreanischen wie auch die deutschen – auswirkt. Susanne Kims Blick ist manchmal brutal ehrlich, bewegend und bisweilen auch voller Hoffnung, dass diese Verbindung zweier Kulturen ein Raum für etwas Neues bleibt. Ein Raum der Möglichkeiten, wie sie es selbst in ihrer Dokumentation beschreibt.
„Was ist der Plan?“
Auch Jeong Rae erliegt dem finanziellen Heilsversprechen des Bitcoin. Wie er Susanne erklärt, hat er sein Geld als Startkapital angelegt sowie in entsprechende Hardware in seinem Elternhaus investiert. Auf die Frage, wie lange er täglich vor dem PC sitzt und die Kurse beobachtet, sagt er, dass er viele Stunden, manchmal sogar ganze Nächte damit verbringe. Er will endlich genug Geld haben, um in Deutschland nicht mehr „unsichtbar“ zu sein und für seine Familie sorgen zu können, fügt er noch hinzu, während sein Blick wieder in Richtung Monitor geht. Die deutlich herauszuhörende Skepsis nimmt vorweg, was bald passieren wird – was wir eigentlich schon längst wissen, der Familie aber natürlich nicht wünschen. Kims Frage nach dem Plan, den ihr Mann mit seinen Vorhaben verfolgt, wird zu einem der vielen Leitthemen ihres Films und zu einem Spiegel dessen, was bei der Kommunikation der beiden nicht funktioniert und gar nichts mit der Sprachbarriere zwischen ihnen zu tun hat.
Eigentlich trifft diese Frage sowohl auf die Filmemacherin als auch auf ihren Mann sowie im weiteren Verlauf auf die anderen in der Dokumentation auftretenden Personen zu. Die intensive Begegnung auf einer Dachterrasse in Damaskus legt den Grundstein für ihre Beziehung, die sehr schnell sehr innig wird, wobei die Heirat und die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter rasch folgen – zumindest wenn man der Narration in Becoming Kim folgt. Jedoch zeigt Kim alsbald das Erwachen auf beiden Seiten: die langen Phasen der Trennung, die Unterhaltungen über die divergierenden Lebensentwürfe sowie die Kulturen, die scheinbar mehr trennen als vereinen. Was genau der Plan ist, weiß im Grunde keiner so genau, und die Folgen der ausbleibenden Antwort zeigt Kim in aller Deutlichkeit. Ihre Tochter beklagt, dass ihr Vater diese Unternehmungen nur für sich mache und dabei weder an sie noch an seine Familie denke. Doch die sehr emotionale Reaktion der Jugendlichen auf das Gesagte zeigt, dass auch diese Antwort nicht wahr sein kann – nicht wahr sein darf.
In Becoming Kim zeigt die Regisseurin solche Momente der Frustration und Hoffnungslosigkeit, aber dann auch wieder solche, die sehr berühren oder amüsieren. Kim und Hannah helfen Jeong Raes Mutter bei der Ernte auf dem Feld oder bei der Vorbereitung des Abendessens. In einem sehr seltenen Moment der Offenheit spricht der ansonsten sehr schweigsame Jeong Rae über seine Beziehung zu seinem verstorbenen Vater sowie zu seinen Geschwistern. Kim geht als übergroßes Huhn verkleidet selbst Hähnchen essen. Die teils starken tonalen Kontraste betonen das Auf und Ab dieser Beziehung und immer wieder jenen Raum der Möglichkeiten, nach dem alle Beteiligten streben – für ihre Familie und für sich selbst.
OT: Becoming Kim
Land: Deutschland, Südkorea
Jahr: 2026
Regie: Susanne Kim
Kamera: Emma Rosa Simon
Musik: Maximiliane Pongratz
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