
Nach dem Tod seines Vaters zieht Naim Reid (Joe Bird) mit seiner Mutter Arlene (Mia Wasikowska) in eine australische Kleinstadt, wo sie auf einen Neuanfang hoffen und Teil einer streng religiösen Gemeinschaft werden. Deswegen darf auch niemand wissen, dass Naim und Ryan Whelan (Stacy Clausen) sich heimlich treffen und Gefühle füreinander entwickelt haben. Zumindest dachte Naim, dass sich da etwas entwickelt. Als er jedoch mitansehen muss, wie Ryan und Hunter (Jeremy Blewitt), Sohn des lokalen Predigers Rod (Ewan Leslie), sich küssen, ist er eifersüchtig und verrät die beiden. Um diesem sündigen Treiben Einhalt zu gebieten, müssen die beiden jungen Männer sich einem speziellen Ritual unterziehen, welches sie heilen soll. Stattdessen werden sie von Krämpfen ergriffen, wälzen sich vor Schmerzen auf dem Boden. Doch der eigentliche Alptraum beginnt erst noch …
Realer Alptraum trifft Übernatürliches
Wer sich die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre angeschaut hat, wird kaum ignorieren können, wie Intoleranz und Hass immer mehr werden – oder zumindest lauter. Ob Frauen Abtreibungsrechte weggenommen werden, offen gegen Transgeschlechtliche gehetzt wird oder Rassismus zum politischen Verkaufsschlager wird, Beispiele gibt es genug. Das macht sich auch im Filmangebot bemerkbar. Die Liebeskomödie One Night Only etwa macht sich über restriktive Sexpolitik lustig, wird dabei aber selbst sehr konservativ. In eine ganz andere Richtung geht der australische Horrorbeitrag Leviticus, der sich mit Homophobie befasst und eine Geschichte erzählt, die aus der Zeit gefallen scheint und dabei doch erschreckend aktuell ist.
Der Titel bezieht sich dabei auf Levitikus, eines der Bücher Mose. In einigen christlichen Kreisen wird dieses gern als Beweis herangezogen, dass Homosexualität eine Sünde ist. Der Film macht damit bereits klar, dass es um die Themen Religion und Homophobie geht. Eine wirkliche Auseinandersetzung damit findet aber nicht statt. Leviticus beschreibt eine bigotte Gesellschaft, die mit Zwang alles ausmerzen will, was nicht in die eigene Weltsicht passt. Das Konzept einer Konversionstherapie, wenn Homosexuelle „geheilt“ werden, ist eng damit verbunden. Der Film Der verlorene Sohn erzählte von einer solchen. Hier wird dieser reale Alptraum jedoch zu einem übernatürlichen umgewandelt, wenn die Religiosität der Menschen dämonische Folgen hat. Denn das Ritual, welches früh abgehalten wird, ruft etwas herbei, das ganz sicher nicht göttlichen Ursprungs ist – und es nicht gut meint mit den Menschen.
Zwischen Liebe und Paranoia
Die Kritik an dieser Diskriminierung und einem Hass, der sich als Moral zu verkaufen versucht, ist nicht unbedingt subtil. Die Gläubigen werden dabei auch ohne viel Ambivalenz und Nuancen beschrieben. Nicht mal Arlene, die als Mutter eigentlich differenzierter und herzlicher sein sollte, sticht in dieser Gruppe hervor. Stattdessen konzentriert sich Regisseur und Drehbuchautor Adrian Chiarella bei seinem Langfilmdebüt ganz auf die Gefühlswelt seiner beiden jungen Protagonisten. Diese ist gelinde gesagt kompliziert. Als wäre es nicht schon schwierig genug, sich immer ganz klar zu sein, was man für einen anderen Menschen empfindet, kommen bei Leviticus noch andere Schwierigkeiten dazu. Schließlich handelt es sich um eine verbotene Liebe. Das mit dem Rivalen macht die Sache auch nicht einfacher.
Das Ergebnis ist sehenswert, auch weil die beiden Newcomer Joe Bird (Talk to Me) und Stacy Clausen (Thrash) sehr gut zusammenspielen. Die gemeinsamen Szenen zwischen Begehren und Angst sind das Herzstück des Films und schaffen inmitten des übernatürlichen Alptraums reale Identifikationsfläche. Aber auch als Horrorfilm ist der Film, der 2026 auf dem Sundance Film Festival Weltpremiere hatte, sehenswert. So arbeitet Leviticus sehr schön mit Paranoia, wenn nie ganz klar ist, wo die Gefahr lauert und was nun wirklich geschieht und was nicht. Auch wenn das Drumherum ein bisschen runder und tiefgängiger hätte sein dürfen, das ist insgesamt ein gelungenes Debüt des Nachwuchsregisseurs, bei dem man nicht so genau sagen kann, wer das größere Monster ist: der Dämon oder der Mensch.
OT: „Leviticus“
Land: Australien
Jahr: 2026
Regie: Adrian Chiarella
Drehbuch: Adrian Chiarella
Musik: Jed Kurzel
Kamera: Tyson Perkins
Besetzung: Joe Bird, Stacy Clausen, Jeremy Blewitt, Mia Wasikowska
Sundance Film Festival 2026
Fantasy Filmfest 2026
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