In Nightborn (Kinostart: 6. August 2026) von Hanna Bergholm spielt Seidi Haarla die Rolle der Saga – eine Frau, die mit ihrem britischen Ehemann Jon (Rupert Grint) in ein abgelegenes Haus tief in den finnischen Wäldern zieht, um eine Familie zu gründen. Nach der Geburt ihres Sohnes ist Saga überzeugt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt, doch niemand in ihrem Umfeld nimmt sie ernst, und ihre Ehe beginnt zu zerbrechen. Der zweite Spielfilm der finnischen Regisseurin nach Hatching verhandelt Mutterschaft, gesellschaftliche Erwartungen und die dunklen Seiten der Elternliebe als folkloristischen Body-Horror. Im Interview spricht Hanna Bergholm über den Perspektivwechsel von der Tochter zur Mutter, die Zusammenarbeit mit Rupert Grint, ihren selbsterfundenen Genrebegriff des „emotional realism“ und die Bedeutung des europäischen Koproduktionssystems für Filme dieser Art.
Schön, dass du Zeit für dieses Gespräch hast, Hanna. Nightborn kehrt zu Mutterschaft und Familie als Horror zurück. Dein erster Film Hatching erzählte das aus der Sicht der Tochter, diesmal ist es die Geschichte der Mutter. Was hat dich auf die andere Seite gezogen?
Die Eltern-Kind-Beziehung beschäftigt mich sehr, weil sie zu den prägendsten Beziehungen unseres Lebens gehört. Wie auch immer sie ausfällt, wir tragen sie ein Leben lang mit uns, und das ist faszinierend. Nach Hatching wollte ich unbedingt die andere Seite zeigen, denn in diesem Film wirkt die Mutter wie eine Antagonistin, und mich interessierte die andere Perspektive. Hinzu kommt: Ich bin selbst Mutter und habe angefangen, über eigene Erfahrungen nachzudenken. Darüber, wie es ist, Elternteil zu sein, und darüber, dass bestimmte schwierige Gefühle ein Tabu sind, Dinge, die man nicht laut ausspricht. Wir alle haben hohe Erwartungen daran, wie wir als Eltern und als Menschen sein sollten. Und was, wenn wir ihnen nicht gerecht werden?
Dann habe ich auch mit anderen Eltern gesprochen. Natürlich ist es eine fiktive Geschichte, sie handelt nicht von mir, aber ich fing an, mich zu fragen: Was, wenn dein Kind anders oder besonders ist und besondere Bedürfnisse hat? Wie geht man darauf ein, wie findet man heraus, worin sie überhaupt bestehen? Und wie muss man sich vielleicht durch sein Kind mit den eigenen Eigenheiten auseinandersetzen?
Ich finde, es ist ein Film, der Eltern direkt anspricht. Ich bin selbst Vater, deshalb hatte ich beim Schauen auch meinen Spaß.
Genau das war die Idee. Man darf mit dem Film Spaß haben, auch wenn er in sehr tiefe Emotionen vordringt. Ich hoffe, er bietet den Leuten auch eine gewisse Erleichterung, oder dass sie etwas Mitgefühl mit sich selbst empfinden können.
Der Film setzt die Hauptfigur Saga in ein abgelegenes Haus im Wald, zusammen mit ihrer Familie. Wie viel von dem Horror lebt für dich in dieser Landschaft und im Märchenhaften des Ortes, im Vergleich zu den eigentlichen Ereignissen? Ich mochte auch sehr, wie die Bäume am Anfang und am Ende des Films wie Wesen oder Personen aussehen, diese folkloristische Dimension hat mir gefallen.
Ich wollte die Geschichte an einem so abgelegenen Ort ansiedeln, damit Saga wirklich das Gefühl hat, allein zu sein, ganz mit sich, ihren Gedanken und Emotionen. Ich glaube auch, dass Folklore und alte Fabeln seit jeher dazu da sind, mit unseren ursprünglichsten Gefühlen umzugehen, denken wir an Grimms Märchen und so weiter. Deshalb wollte ich die Geschichte in der alten Mythologie Finnlands verorten. In Finnland gibt es eine reiche Mythologie mit Wesen, die im Wald leben. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass die Natur lebendig ist und dass wir ein Teil von ihr sind.
Diese Bäume, die wie Personen oder Kreaturen aussehen, haben etwas Phantastisches, fast schon etwas von Harry Potter … womit wir bei einem guten Stichwort wären: Rupert Grint spielt den Vater. Wie war die Arbeit mit ihm als Schauspieler, und ist es nicht manchmal etwas schwierig, mit einem Schauspieler zu arbeiten, der so stark mit einer früheren Rolle verbunden ist?
Mit Rupert zu arbeiten war eine absolute Freude. Er ist so professionell, so gut und so bescheiden, sehr bodenständig, freundlich und nett. Ein warmherziger, aufrichtiger Mensch, überhaupt nicht wie ein großer Filmstar. Ich würde jederzeit wieder mit ihm drehen. Und ja, beim Casting haben wir genau darüber nachgedacht. Ich wusste schon, dass ich Seidi Haarla für Saga wollte, und an ihrer Seite suchte ich jemanden ohne diese Hollywood-Star-Aura, weil das ablenkend gewesen wäre. Was macht James Bond denn in dieser finnischen Waldhütte? Rupert hat diese aufrichtige, bodenständige Ausstrahlung, und ich nehme den beiden im Film tatsächlich ab, dass sie ein Paar sind. Aber weil er nun mal ein großer Star aus den Harry Potter-Filmen ist, hatten wir den Anfang in unserer ersten Schnittfassung schneller geschnitten. Da meinte unser britischer Produzent: Nein, nein, du musst dem Publikum am Anfang Zeit lassen, denn das Einzige, woran die Leute denken, ist: Ist das nicht der Typ aus Harry Potter? Ach ja, der ist es, aber wie hieß die Figur nochmal? Ron, Ron, wie war das? Das ist alles, woran das Publikum am Anfang denkt, also muss man ihm Zeit lassen. Ich fand das so lustig.
Schöne Anekdote. Nightborn steht auch in einer langen Tradition von Schwangerschafts- und Mutterschafts-Horrorfilmen, angefangen mit Rosemaries Baby, und dann gibt es modernere Beispiele wie Prevenge oder Der Babadook. Wo siehst du Nightborn in dieser Linie, und was bedeutet es, Teil einer neueren Welle von Frauen zu sein, die diese Geschichten von innen heraus erzählen? Prevenge und Der Babadook wurden ja ebenfalls von Frauen gemacht.
Persönlich finde ich es sehr wichtig, dass Frauen diese Geschichten machen. Man könnte denken, dass es überhaupt keinen Unterschied macht, und oft stimmt das auch, aber als Teil des Publikums vermisse ich seit Langem echte Geschichten über Frauen und ihre großen Umbrüche im Leben. Denn Mutter zu werden, ob man will oder nicht, ist eine große Veränderung, eine große Veränderung für den Körper. Ich wollte diese Geschichten wirklich sehen, und ich glaube, es ist wichtig, dass wir sie und diese Perspektive haben. Ich bewundere die Filme, die du genannt hast. Mit Ilja Rautsi, mit dem ich das Drehbuch geschrieben habe, scherzen wir, dass Nightborn dort beginnt, wo Rosemaries Baby aufhört. Also: Okay, und was passiert dann?
Wenn wir schon vom Baby sprechen: Du zeigst das Gesicht des Kindes kaum. Wie hast du entschieden, was du zeigst und was du ausblendest? Ohne zu spoilern, am Ende zeigst du das Gesicht doch, warum? Für mich war das ein überraschender Moment, weil ich mir das Gesicht des Babys die ganze Zeit vorgestellt habe, und am Ende ist es vielleicht nicht das, was man erwartet.
Es war sehr wichtig, das Gesicht des Babys nicht zu zeigen, denn Babygesichter sind überhaupt nicht angsteinflößend, sie sind einfach süß, und sobald man das Gesicht zeigt, ist das Geheimnis weg. Außerdem schauspielern Babys nicht. Sie wissen ja nicht, dass sie in einem Film sind, und können nicht im Moment reagieren, das funktioniert einfach nicht. Das war ein technischer Grund. Außerdem wollte ich dem Publikum Raum lassen, die Geschichte selbst zu interpretieren, weil man sie unterschiedlich lesen kann: Hat Saga die ganze Zeit recht mit dem, was sie sagt, oder nicht? Ganz so einfach ist das nicht. Und am Ende, wie soll ich das sagen, ohne etwas zu verraten … dazu möchte ich besser gar nichts sagen, die Leute sollen vom Ende halten, was sie wollen. Wir haben mit dem Baby zu großen Teilen mit einer animatronischen Puppe gedreht, also war es eine Mischung aus echtem Baby und Puppe. Der Hauptgrund war: Ein echtes Baby können wir weder erschrecken noch ihm wehtun. Und ein echtes Baby tut auch nicht alles, was wir gerne hätten. Ich wollte, dass die Bewegungen des Babys etwas Befremdliches haben, weil ein Baby sich normalerweise sehr niedlich bewegt. Deshalb haben wir eine Puppe genommen, damit es sich wirklich auf eine merkwürdige Weise bewegt.
Spannend. Zurück zum Aspekt der Komik: Ich habe gelesen, dass sich das Publikum bei der Berlinale gewissermaßen geteilt hat, einige haben bei den Gewaltszenen gelacht. Die Tonlage zwischen Horror und Komödie wirkt in diesem Film bewusst gesetzt. Wie kalibrierst du das, und sagt dir eine gespaltene Reaktion, dass du etwas richtig gemacht hast?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass wir in den schwierigsten Situationen, wenn wir versuchen, irgendwie klarzukommen, oft auf sehr komische Weise reagieren. Und die Interaktion zwischen Menschen, wenn wir einander nicht ganz verstehen, ist oft komisch, eigentlich tragikomisch. So sehe ich die Welt. Ich war sehr glücklich über die Reaktion des Publikums, denn das ist die Art Film, bei der man in manchen Momenten lachen kann, in anderen entsetzt ist, oder beides gleichzeitig. Ich war auch froh, dass die Leute gegen Ende aufgehört haben zu lachen, das war wichtig. Sie haben wirklich genau dort gelacht, wo es beabsichtigt war, und zum Glück nicht dort, wo ich es nicht wollte. Zum Beispiel hat mich Seidi Haarla, die Saga spielt, bei unserem ersten Treffen gefragt: Worüber lachen wir eigentlich in diesem Film? Lachen wir darüber, wie Saga sich in ihrem Körper fühlt, wie er sich verändert? Ich sagte: Nein, darüber lachen wir nie, und auch nicht über ihren Schmerz, wenn sie versucht, eine Verbindung zum Baby aufzubauen. Das war ihr wichtig zu wissen, worüber gelacht wird und worüber nicht. Und so wie das Publikum reagiert hat, hatten wir wohl richtig gelegen.
Vielleicht einen Schritt zurück: Deine Filme nutzen den Horror, um Dinge zu sagen, die in einem reinen Drama vielleicht nie gesagt werden dürften. Wie denkst du darüber? Ist das Horror-Genre für dich eine Art Trojanisches Pferd, und befürchtest du manchmal, dass die Metapher den Schrecken überlagern könnte? Wir sprechen hier ja auch ein wenig über die Arthouse-Horror-Bewegung.
Für mich ist es immer wichtig, mich mit etwas wirklich Emotionalem zu beschäftigen und dann durch den Film etwas zu erzählen. Reines Erschrecken hat mich nie interessiert. Das Schöne am Horror-Genre ist, dass eine Emotion, eine Vorstellung oder ein Gedanke im Inneren der Figur eine äußere Form annehmen kann, das ist großartig. Wenn wir über Realität sprechen, sollten wir daran denken, dass sie nicht nur das ist, was wir tun, wie wir aussehen und was wir sagen, sondern auch das, was wir denken, uns vorstellen und fühlen. Natürlich passiert das alles nur in unserem Kopf, aber es beeinflusst, wie wir die Realität erleben. Mit Ilja Rautsi haben wir unser eigenes Genre erfunden, wir nennen es „emotional realism“, und genau das wollen wir machen. Emotional sind diese Geschichten für die Figuren real. Persönlich kümmern mich die Genregrenzen nicht so sehr. Mir ist wichtiger, die Geschichte so zu erzählen, wie ich glaube, dass sie erzählt werden will. Und im Drama kann man ohnehin alle erzählerischen Mittel einsetzen, jedes Genre ist für alles offen.
Du könntest dir also vorstellen, auch andere Filme in anderen Genres zu machen?
Ja klar, das hängt von der Geschichte ab.
Du hast gesagt, dass du selbst eigentlich Angst vor Horrorfilmen hast. Ist „Horror-Regisseurin“ ein Label, mit dem du dich wohlfühlst, oder eher nicht?
Ich mag dieses Label nicht, denn wie gesagt, Genregrenzen interessieren mich selbst nicht so sehr, ich mag einfach Filme. Ich war immer jemand, der dachte: Ich schaue keine Horrorfilme, weil ich so eine starke Vorstellungskraft habe, dass ich mir sofort überall Mörder ausmale. Aber während der Arbeit an meinem ersten Film Hatching habe ich gelernt, dass ich mich in dieser Horror-Welt sehr zu Hause fühle, meine Vorstellungskraft tendiert offenbar dorthin. Deshalb will ich auch Filme machen, die durch den Horror wirklich etwas erzählen und nicht nur die Leute erschrecken.
Kannst du etwas zu deinen Einflüssen sagen, welche Regisseure oder Filme dich immer wieder beschäftigen, sowohl bei Hatching als auch bei Nightborn?
Die Sache ist, ich habe natürlich viele Vorbilder und Filme, die ich liebe, aber wenn ich einen neuen Film plane, denke ich kaum an Referenzen. Ich denke nie: Ich will einen Film wie diesen oder jenen machen. Ein sehr wichtiger Film für mich ist The Others von Alejandro Amenábar. Er ist weder für diesen Film noch für Hatching eine Referenz, aber er hat mich wirklich anders über Horrorfilme nachdenken lassen. Ich hatte das Gefühl, dass diese Filme auch für mich da sind, dass es nicht nur darum geht, dass ich als Frau vor einem Mann mit Messer wegrenne. Sie können auch etwas über mich erzählen, über Frauen, und das sind sehr schöne, gute Filme. Ein sehr prägender Film für mich. Davon abgesehen liebe ich alte Meister wie Akira Kurosawa, Luchino Visconti oder Hitchcocks Vertigo. Das sind keine Genrefilme, aber mir ist es egal, welchem Genre sie angehören. Sie erzählen Geschichten auf eine sehr visuelle Weise und lassen einen die Emotionen der Figuren wirklich spüren.
Bisher machst du Filme in Europa. Willst du dem treu bleiben, oder bist du auch offen für Dreharbeiten außerhalb Europas, etwa in den USA? Oder findest du, dass wir in Europa das europäische Kino stärken müssen?
Ich bin offen dafür, überall zu arbeiten. Von den Filmen, die ich gerade gemacht habe, wurde einer in Lettland gedreht, Nightborn in Litauen, und ich selbst lebe in Finnland. Ich bin offen für Europa wie für die USA, solange ich das Gefühl habe, meine Art Film machen zu können, und solange ich für das Projekt brenne. Ich will nicht einfach irgendetwas inszenieren. Aber was ich wirklich liebe, ist die europäische Koproduktionsstruktur, Institutionen wie Eurimages oder Arte, die solche besonderen Perspektiven und Film als Kunstform fördern. Ich finde es so wichtig, dass es Eurimages und unsere nationalen Filmförderungen gibt, denn nur so werden Filme wie unsere finanziert.
Ich habe mich als Regisseurin sehr respektiert und unterstützt gefühlt, und meine Vision wurde stark mitgetragen. Das ist so wichtig, ebenso wichtig wie Vielfalt im Film und der Respekt vor Film als Kunst. Dieses europäische Finanzierungssystem ist also etwas Besonderes.
Was wäre dein Traumprojekt, der Film, den du unbedingt machen würdest, wenn Größe, Budget und Genre keine Rolle spielten?
Oh, das ist eine knifflige Frage, weil es immer das nächste Projekt ist. Aber ich würde wirklich gerne eine Geschichte finden, in der ich Kostüme als Teil des Erzählens einsetzen kann, weil ich es mag, alle erzählerischen Mittel zu nutzen. Deshalb liebe ich zum Beispiel Viscontis Filme wie Tod in Venedig.
Also ja, etwas mit Kostümen, etwas in diese Richtung.
Und hast du schon ein nächstes Projekt?
Ja, das nächste Projekt ist gerade in der Schreibphase, mit demselben Co-Autor. Wir schreiben eine Thriller-Serie als Koproduktion. Bald fangen wir an, Finanzierungspartner zu suchen.
Ich freue mich darauf. Danke für deine Zeit. Ich hatte eine gute Zeit mit Nightborn, gut gemacht.
Danke.
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