Hatching
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„Hatching“ // Deutschland-Start: 28. Juli 2022 (Kino) // 30. Septe,ber 2022 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

Die 12-jährige Tinja (Siiri Solalinna) lebt mit ihrer Familie das perfekte Leben. So präsentiert es zumindest ihre Mutter (Sophia Heikkilä) auf dem familiären YouTube-Kanal. Verzweifelt versucht Tinja den Ansprüchen ihrer Mutter gerecht zu werden und sich unter anderem für einen anstehenden Turnwettbewerb zu qualifizieren. Dabei entdeckt sie ein seltsames Ei, welches sie versteckt und warmhält. Irgendwann schlüpft etwas aus dem Ei, das Tinjas Leben vor eine harte Belastungsprobe stellt.

Body-Horror mal anders

Hatching verbindet Horror- mit Coming of Age-Elementen. Im Fokus steht dabei natürlich die körperliche und geistige Veränderung durch die Pubertät. Anders als die meisten Genrevertreter setzt Hatching aber nicht auf klassischen Body-Horror, bei dem sich die Hauptfigur langsam verändert, sondern ist ebenso ein waschechtes Creature-Feature.

Dabei setzt Regisseurin Hanna Bergholm nur vereinzelt auf gruselige Elemente und stellt Body-Horror typisch den Ekel in den Vordergrund. Ein tolles Kostümdesign, ganz viel Schleim und sehr nuancierte Gewaltspitzen sind dafür ausschlaggebend. Die Atmosphäre ist entsprechend weitestgehend nicht sonderlich düster. Trotzdem gelingt es Hatching es, die beiden Horror-Genres gekonnt miteinander zu verbinden, um eine tolle Multiperspektivität an den Tag zu legen.

Das ist zum einen wichtig, da der Film auf einer großen metaphorischen Ebene arbeitet. Wie weitreichend diese ist und welchen Themen genau umfasst werden, ist dabei individuell zu entscheiden. Ein simpler Ansatz, wie beispielsweise in dem geschlüpften Wesen die erwachsene Tinja zu sehen, die ihrem kindlichen Ich gegenübersteht, funktioniert genauso, wie Anzeichen einer Jugendschwangerschaft zu erkennen. Diese Offenheit der Interpretationsmöglichkeiten ist ein großer Vorteil des Films und sorgt nicht nur dafür, dass jede Person einen persönlichen Bezug herstellen kann, sondern der Film mit ansteigender Spielzeit stets frisch bleibt.

Unterstützt eure Kinder!

Zum anderen ist die ungewöhnliche Perspektive aber auch direkter zu sehen und zeigt die Abhängigkeit der kindlichen Selbstwahrnehmung von derer ihrer Eltern. Denn ziemlich eindeutig ist, dass die Kreatur in irgendeiner Form für das steht, was Tinjas Eltern bzw. ihre Mutter ablehnen. Es ist, unabhängig davon, was konkret man darin sehen möchte, der Teil Tinjas, der ihre Mutter enttäuscht.

Das nun als eigenes Wesen und nicht nur als körperliche Veränderung Tinjas darzustellen, ist sehr clever und zeigt gut die eigene Entfremdung, die Tinja ausgehend von der Meinung ihrer Eltern durchmacht. Hatching präsentiert eindrucksvoll einen Aspekt der Wirkungsweisen von Eltern-Kindlicher-Beziehungen. Dabei kritisiert der Film zwei Formen von elterlichen Verhaltensmustern, die in überspitzter Form jeweils in Tinjas Mutter und Tinjas Vater zu finden sind.

Tinjas Vater ist der elterlichen Situation schlicht nicht gewachsen. Zu passiv, zu naiv und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, verkörpert er eine Elternrolle, die nicht bereit ist, die unschönen Seiten des Elternseins anzunehmen. Quasi das genaue Gegenteilt ist Tinjas Mutter. Diese ist eindeutig die Person im Haushalt, die das Leben aller anderen bestimmt. Gerade auf Tinja übt sie ungemeinen Leistungsdruck aus und hat sehr genaue Vorstellungen, wie sich ihre Tochter zu verhalten hat. Dass es ihr dabei aber nur um ihre eigene Darstellung geht, wird durch den Vlogging-Aspekt nochmal gesondert hervorgehoben und kritisiert.

Letztlich versagen beide Eltern aus verschiedenen Gründen in ihrer Rolle. Der Film ist somit auch als Appell an zuschauende Eltern zu verstehen, eben nicht so zu handeln, wie es Tinjas Eltern tun, sondern den eigenen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln und diese dabei zu bestärken.

Sozialsatire

Die angesprochene Eigendarstellung und das Verständnis des perfekten Familienlebens sind dabei Themen des Films, die nochmal einen eigenen Abschnitt verdienen. Denn diese Aspekte ist über weite Teile tonangebend und stellen quasi den Ausgangspunkt dar, der mittels der angesprochenen Horrorelemente dekonstruiert wird.

Tatsächlich ist es aber nicht nur der Horror, der das tut. Hatching besitzt ebenso satirische, komische Momente und erinnert aus diesem Grund teilweise inhaltlich, vor allem aber auch optisch an Filme wie Greener Grass. Ähnlich überzogen und gnadenlos wird der Perfektionsgedanke ad absurdum geführt.

Credits

OT: „Pahanhautoja“
Land: Finnland, Schweden
Jahr: 2022
Regie: Hanna Bergholm
Drehbuch: Ilja Rautsi
Kamera: Jarkko T. Laine
Musik: Stein berge Svendsen
Besetzung: Siiri Solalinna, Sophia Heikkilä, Jani Volanen, Reino Nordin, Oiva Ollila, Ida Määttänen, Saija Lentonen

Bilder

Trailer

Interview

Wer nach dem Film neugierig geworden ist: Wir haben uns mit Regisseurin Hanna Bergholm im Interview über ihr Debüt Hatching unterhalten.

Hanna Bergholm [Interview]

Filmfeste

Sundance Film Festival 2022
Fantasy Filmfest Nights 2022

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Hatching
Fazit
Thematisch erfindet „Hatching“ das Rad nicht neu, kann durch seine ungewöhnliche Genre-Kombination aber ein unverbrauchtes Gefühl erzeugen. Außerdem ist der grundsätzliche Ansatz des Films ein durchaus erzählenswerter. Wer aber gnadenlosen Horror erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht sein.
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von 10