Kritik

Vertigo

„Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ // Deutschland-Start: 3. Februar 1959 (Kino) // 9. November 2006 (DVD)

Nach einem traumatischen Erlebnis bei der Verfolgung eines Verdächtigen, welches den Tod eines Polizisten nach sich zog, zieht sich John „Scottie“ Ferguson (James Stewart) aus dem aktiven Polizeidienst zurück. Da nach dem Ereignis bei ihm akute Höhenangst attestiert wurde, will sich Scottie vor allem zunächst darum kümmern, diese loszuwerden, wobei ihm seine beste Freundin Midge (Barbara Bel Geddes) helfen soll. Doch noch während sich Scottie darum bemüht und sich überlegt, welcher Arbeit er nun nachgehen soll, erhält er ein ungewöhnliches Angebot seines Schulfreundes Gavin Elster (Tom Helmore), der ihn beauftragt seine Frau Madeleine (Kim Nowak) zu beschatten, die sich in letzter Zeit seltsam benimmt und um deren Wohlergehen er sich Sorgen macht. Zunächst skeptisch, akzeptiert Scottie letztlich den Auftrag und beschattet Madeleine bei ihren Fahrten in die Innenstadt San Franciscos und das Umland. Hierbei wird er auch auf das merkwürdige Verhalten aufmerksam, denn Madeleine scheint eine besondere Verbindung zu Carlotta Valdes zu haben, einer Frau, die sich, nach einer Kette von tragischen Umständen, das Leben nahm …

Die Angst vorm freien Fall
Es gibt wohl keine Bestenliste eines Filmmagazins oder einer Filmhomepage, auf der Alfred Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten nicht vertreten ist. Im Jahre 2012 wurde der Film in einer vielbeachteten Kritikerumfrage des angesehenen Magazins Sight & Sound auf den ersten Platz gewählt, um nur ein Beispiel zu nennen. Wie so viele Filme Hitchcocks wurde auch dieser im Jahr seines Erscheinens eher gemischt aufgenommen, erst recht vom Publikum, aber zu der Zeit hatte sich Hitchcock so etwas wie eine Unantastbarkeit als Künstler erarbeitet, so dass er diese Reaktionen wohl mühelos ignorieren konnte.

Während in vielen Filmen Hitchcocks der Schrecken klar definiert auftritt, fehlt in Vertigo eine solche Instanz. Der Thrillerplot scheint an manchen Stellen wenig zu kümmern, vor allem, wenn man bedenkt, dass im Skript das Ende und damit die große Überraschung der Geschichte vorweggenommen wird. Das eigentlich Beängstigende ist der Kontrollverlust, der sich bei einer Figur wie dem von James Stewart gespielten Scottie, in dessen plötzlich eintretender Höhenangst zeigt, eine Phobie, die dieser zu banalisieren versucht, was ihm aber nicht gelingt. Merklich unsicher balanciert er auf einem Stuhl, immer wieder Sichtkontakt haltend zu Midge, mit der ihn eine platonische Freundschaft verbindet, doch am Ende muss er aufgeben und lässt sich ohnmächtig in die Arme Midges fallen.

Durch die Perspektive Scotties, wie er Madeleine auf deren Streifzügen durch San Francisco folgt, nehmen wir als Zuschauer gleichsam die Sicht des Ermittlers ein. Wie dieser suchen wir nach den rationalen Erklärungen, den Puzzleteilen und den Hinweisen auf das Rätsel dieser Frau, welche sich uns einfach nicht erschließen will. Bereits in der meisterhaften Titelsequenz sehen wir das Gesicht einer Frau, in verschiedenen Farben getaucht und immer nur in Fragmenten, wobei wir kapitulieren müssen vor diesem Rätsel des Anderen, unseres Gegenübers, das uns paradoxerweise so nah ist, aber das wir doch nicht erfassen können.

Der Sog der Zeit
Auch wenn die Beziehung am Set zwischen Kim Nowak und Hitchcock nicht die Beste gewesen sein soll, hat dies der Qualität ihrer darstellerischen Leistung nicht geschadet. Nowak spielt jene „kühle Blondine“, wie man sie in den Filmen des Regisseurs oft sieht, jedoch bricht die Erzählung mit dieser Beobachtung sehr oft, enttarnt diese als mögliche Vorstellung Scotties oder als Reflektion eines Traumes. Souverän und unnahbar in einem Moment ist Madeleine dann wieder zerbrechlich und melancholisch. Für Scottie ist sie Objekt seiner Faszination, seine Geliebte, aber auch eine Möglichkeit jenen Moment der Schwäche, den er sich nicht vergeben kann, wieder gutzumachen. Immer tiefer gerät er in einen Sog, einen Wahn; ein Prozess, der kongenial von der Musik Bernard Herrmanns begleitet wird.

Innerhalb der beeindruckenden Riege der Darsteller darf man die Bedeutung der zahlreichen Drehorte in und um die Stadt San Franciso nicht vergessen. Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten wie der Golden Gate Bridge sind es vor allem Orte wie die spanische Mission San Juan Bautista oder das Muir Woods National Monument, die nicht nur eine Historizität vermitteln, sondern auch jenen Strudel der Zeit und des zerbrechenden Ichs, dem die beiden Hauptfiguren unterliegen.

Credits

OT: „Vertigo“
Land: USA
Jahr: 1958
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Samuel A. Taylor, Alec Coppel, Maxwell Anderson
Vorlage: Pierre Boileau, Thomas Narcejac
Musik: Bernard Herrmann
Kamera: Robert Burks
Besetzung: James Stewart, Kim Nowak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore

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Vertigo – Aus dem Reich der Toten
„Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ ist ein Thriller über Obsessionen, das zerfallende Ich und das Ende der Rationalität. In schönen, oft sehr suggestiven Bildern, durch die Leistungen der Darsteller und die hypnotische Musik komponiert von Bernard Herrmann wird der Film Alfred Hitchcocks zu einem Meilenstein des filmischen Erzählens, welches auch nach so vielen Jahren nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.
10von 10

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