
Vor der japanischen Küste kommt es zu mehreren rätselhaften Schiffsunglücken. Während die Medien über deren Ursache spekulieren, entsendet das Militär mehrere Aufklärungsmissionen, von denen jedoch ebenfalls bald jede Spur fehlt. Einzig die Bewohner der Insel Odo besitzen eine Erklärung für die Vorfälle: Eine riesige Kreatur namens Godzilla, von der ihre alten Mythen berichten, soll die Schiffe versenkt haben. Als ein Forscherteam unter der Leitung von Professor Kyohei Yamane (Takashi Shimura) auf der Insel eintrifft, verdichten sich die Hinweise, dass tatsächlich eine solche Kreatur hinter den Ereignissen steckt. Nachdem die Wissenschaftler und die Inselbewohner selbst Zeugen eines Angriffs Godzillas werden, besteht daran kein Zweifel mehr.
Während Yamane vor allem erforschen möchte, wie Godzilla entstanden ist und was sich aus seiner Resistenz gegenüber radioaktiver Strahlung lernen ließe, fordern Politik und Militär in erster Linie die schnelle Vernichtung der Riesenechse. Ein verheerender Angriff auf Tokio scheint Yamanes Bitte, das Wesen am Leben zu lassen, endgültig zunichtezumachen. Zugleich wird jedoch deutlich, dass weder Waffen noch Panzer oder Kampfjets Godzilla etwas anhaben können. Derweil entwickelt Dr. Serizawa (Akihiko Hirata) eine Methode, mit der sich das Monster möglicherweise besiegen ließe. Allerdings fürchtet er, seine Erfindung könnte nach ihrem Einsatz in die falschen Hände geraten.
Die Welt nach der Bombe
Nach der Idee hinter Godzilla gefragt, erzählte Regisseur Ishiro Honda häufig von seiner Heimkehr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Gemeinsam mit vielen anderen Soldaten führte ihn sein Weg unter anderem durch das von der Atombombe zerstörte Hiroshima – eine Erfahrung, die ihn tief prägte. Die Bilder der zerstörten Stadt und ihrer Bewohner ließen ihn Zeit seines Lebens nicht mehr los und bestärkten ihn in seiner pazifistischen Haltung, die sich auch in vielen seiner späteren Arbeiten sowie in seinen Kollaborationen mit Regisseuren wie Akira Kurosawa, etwa bei Träume, widerspiegeln sollte.
Hondas Erlebnisse als Kriegsheimkehrer sind nur eine von vielen Geschichten rund um die Entstehung von Godzilla, der sich von Japan aus rasch ein internationales Publikum eroberte. Was in Filmen wie Godzilla vs. Kong heute in erster Linie spektakuläres Popcornkino ist, besitzt bis heute einen erstaunlich relevanten Kern. Themen wie Atomenergie und ihre Nutzung, Kriegstraumata sowie die Verantwortung der Wissenschaft ziehen sich durch Hondas gesamtes Werk und machen Godzilla weit mehr als nur zu einem Monsterfilm. Gerade aus heutiger Sicht lässt sich der Film als Parabel auf das Verhältnis des Menschen zu Technologie und Natur lesen – und auf die Frage, inwiefern Ignoranz, Untätigkeit und egoistische Machtinteressen letztlich den eigenen Untergang herbeiführen.
Natürlich lässt sich Godzilla ebenso als reiner Unterhaltungsfilm und früher Blockbuster betrachten. Angesichts der späteren Fortsetzungen und der modernen amerikanischen Produktionen überrascht diese Sichtweise kaum. Dennoch bleiben auch sie dem Kern von Hondas Idee verpflichtet. Godzilla ist eine Naturgewalt, eine vom Menschen selbst hervorgebrachte Bedrohung, die sich jeder Kontrolle entzieht und eine nie dagewesene Zerstörung entfesselt. Zunächst verschwinden lediglich einige Schiffe, wenig später zieht das Monster jedoch eine Schneise der Verwüstung durch Tokio und legt weite Teile der Stadt in Schutt und Asche. Mit für die damalige Zeit beeindruckenden Spezialeffekten inszeniert Honda den universellen Kontrollverlust, das Chaos und die zerstörerischen Folgen dieser scheinbar unaufhaltsamen Naturgewalt.
Gleichzeitig richtet sich sein Blick immer wieder auf die Menschen. Er zeigt das Trauma der Zivilbevölkerung, die verzweifelt Schutz sucht, ihn aber nicht findet, wenn etwa eine Mutter ihre Kinder in den Arm nimmt und hofft, von dem Monster verschont zu bleiben. Dasselbe Trauma spiegelt sich auch im Gesicht Professor Yamanes wider, als dieser fassungslos mit anhören muss, wie Kollegen und Politiker bereits die nächsten Szenarien der Vernichtung diskutieren. In wenigen Augenblicken bündelt Godzilla so das Panorama menschlichen Versagens angesichts einer beispiellosen Krise.
Das Dilemma der Forschung
Spätestens seit Christopher Nolans Oppenheimer ist das moralische Dilemma des Wissenschaftlers wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Im Gegensatz zu Cillian Murphys Figur besitzt Akihiko Hiratas Dr. Serizawa jedoch noch ein gewisses Maß an Kontrolle über seine Erfindung, die einerseits unzählige Menschenleben retten, andererseits jedoch in den falschen Händen noch größeres Leid anrichten könnte. Godzilla ist dabei keineswegs ein moralischer Appell mit erhobenem Zeigefinger. Honda gelingt vielmehr die Balance zwischen Unterhaltung und Botschaft. Im Mittelpunkt steht immer wieder der Gewissenskonflikt eines Forschers, der daran zweifelt, ob die Menschheit ihre technischen Errungenschaften tatsächlich zum Guten einzusetzen vermag. Das Ergebnis wissenschaftlicher Erkenntnisse, die politischen und militärischen Machtinteressen untergeordnet werden, stapft derweil durch Tokio und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Hiratas eindringliches Spiel unterstreicht den moralischen Konflikt seiner Figur ebenso wie die Erkenntnis, dass Nichtstun letztlich ebenso verhängnisvoll sein kann wie falsches Handeln. Ihm gegenüber steht Takashi Shimura als personifiziertes Gewissen der Wissenschaft, dessen Mitgefühl und Humanismus jede Szene prägen.
Eine besondere Erwähnung verdient schließlich Akira Ifukubes Filmmusik. Das berühmte Godzilla-Thema dürfte selbst vielen Menschen vertraut sein, die den Film von 1954 nie gesehen haben. Ifukubes Komposition begleitet jedoch nicht nur die Eskalation der Handlung und die Entwicklung der Figuren, sondern verleiht auch den zentralen Themen von Hondas Werk emotionale Tiefe. Sie lässt den Schock über die Zerstörung Tokios ebenso spürbar werden wie das Gewicht moralischer Entscheidungen und ihrer oft folgenschweren Konsequenzen.
OT: Gojira
Land: Japan
Jahr: 1954
Regie: Ishiro Honda
Drehbuch: Ishiro Honda
Musik: Akira Ifukube
Kamera: Masao Tamai
Besetzung: Takashi Shimura, Akihiko Hirata, Momoko Kochi, Hideto Ogata, Sachio Sakai, Haruo Nakajima
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