Heart of Light – Eleven Songs for Fiji
© Heartbeatt Pictures / Frangipani Beatt

Heart of Light – Eleven Songs for Fiji

Heart of Light – Eleven Songs for Fiji
„Heart of Light – Eleven Songs for Fiji“ // Deutschland-Start: 1. Oktober 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Man könnte die Geschichte des neuen Films von Cynthia Beatt so erzählen: Die Britin Iona (Tilda Swinton) kehrt nach langer Abwesenheit auf die Fidschi-Inseln zurück, wo sie einen prägenden Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Sie reist durchs Land, beobachtet Menschen, soziale Verhältnisse und vor allem die Natur. Sie erinnert sich, vertraute Gefühle kehren zurück. Die Frau denkt über ihr Leben in verschiedenen Kulturen nach, über ihre Rolle als Weiße, über die Schuld des britischen Kolonialismus, aber auch über ihre Sehnsüchte und Träume. Eine solche Zusammenfassung wäre nicht falsch, sie würde zu einem Großteil der Bilder passen. Aber sie würde die eigentliche Schönheit des ebenso dokumentarischen wie fiktiven Essayfilms unterschlagen: Dass nämlich wir als Publikum selbst eintauchen in Ionas Reise. Das liegt an der komplexen filmischen Struktur, die Herz und Verstand herausfordert, eigene Verknüpfungen zu flechten und eigene Verbindungslinien zu ziehen.

Aufbrechen gewohnter Muster

Vieles schlummert in den Bildern und Tönen, aber das meiste verbirgt sich im Dazwischen. Auffälligstes Beispiel: Über weite Strecken sehen wir Tilda Swinton – quasi unsere „Reiseführerin“ – nicht. Wir hören allein ihre Stimme. Erst in der zehnten von elf Episoden tritt sie vor die Kamera. Zuvor öffnet sie einen weiten Assoziationsraum zwischen Hören und Sehen. Das Aufbrechen gewohnter Muster ist beileibe keine experimentelle Spielerei um ihrer selbst willen, sondern hat mit einer Erfahrung zu tun, die der Schauspieler Peter Knaack in seiner „Rolle“ als deutscher Journalist so formuliert: Schon kurz nach der Landung auf den Fidschi-Inseln ändert sich sein inneres Koordinatensystem. Gängige Handlungsmuster und westliches Zeiterleben funktionieren nicht mehr. Knaack hat das unabweisbare Gefühl, er sei schon mal hier gewesen, obwohl das real nicht stimmt.

Der Reporter ruft bei seiner Heimatredaktion an und erklärt, dass er die angedachte geopolitische Story nicht schreiben könne. Stattdessen will er die Erfahrung seines veränderten Lebensgefühls zu Papier bringen. Und verrät damit die Struktur des Films: Wie eine Perlenkette kommen ihm die Geschichten vor, die ihm widerfahren. Jede funkelt wie eine Perle, schön und einzigartig, aber zugleich verbunden mit den anderen zu einem Ganzen. Die „Eleven Songs“ aus dem Filmtitel sollte man am besten nicht mit „elf Liedern“ übersetzen, sondern mit „elf Strophen“. Jede dieser musikalischen Strukturen hat ihr eigenes Recht und ihre je eigene Textur. Aber jede von ihnen verbindet sich auch mit den anderen. Sie variiert oder wiederholt Motive, die bereits angerissen wurden. Sie entwickelt sie weiter, gibt ihnen einen neuen Drall, oder funktioniert einfach nur als Kontrapunkt.

Ionas Geschichte ist in gewisser Weise auch die der Regisseurin. Cynthia Beatt (Jahrgang 1949) lebte als Zehn- bis 14-Jährige auf den Fidschi-Inseln, ihr Vater war Teil der britischen Kolonialverwaltung. Sie genoss dort eine wilde und geborgene Kindheit, ohne Bewusstsein für die eigenen Privilegien. 1985 und dann noch einmal 1986 kehrte die Regisseurin erstmals wieder auf die südpazifische Inselgruppe zurück. Schon damals entstand die Idee, einen Film über die Fidschis zu drehen. Und zwar „von innen heraus“, wie sie es im Presseheft beschreibt, nicht aus der europäischen Perspektive, die 1979 ihr Debüt „Beschreibung einer Insel“ prägte, das sie gemeinsam mit Rudolf Thome auf einem anderen pazifischen Eiland drehte.

Kollektives Arbeiten und Feiern

Die Faszination für Inseln – für ihre Einsamkeit, für ihr Freiheits- und Paradiesversprechen – ist denn auch einer der vielen Fäden, die den inneren Monolog und die visuell aufgerufenen Gefühls- und Gedankenwelten durchweben. Andere Themenstränge widmen sich dem Alltag auf den Inseln: präzise Studien über handwerkliche und bäuerliche Erwerbsmöglichkeiten, Einblicke in die Fülle der Märkte, in den Fischfang, das kollektive Arbeiten und Feiern, in die Gesänge und den gemeinsamen Genuss des entspannenden, aber auch euphorisierenden Kava-Getränks. Geschichte, Politik, Narben der kolonialen Herrschaft sind weitere Bestandteile des dokumentarischen Geflechts, aber nicht als reportagehafter Überblick oder im Bemühen um Objektivität, sondern sehr gezielt als Teil des inneren Gedankenstroms, bewusst subjektiv und dabei teils auch nur angerissen, als Element eines Mosaiks, das letztlich nicht der Film zusammenfügt, sondern das Publikum.

Besonders faszinierend ist dabei das Interesse des Films für den Einklang der Menschen untereinander und mit der Natur. Das Spirituelle durchwebt zwanglos die Erfahrung einer Landschaft, in der die Beseelung von Materie und Organischem die einzig adäquate Antwort auf die Frage nach dem Übersinnlichen zu sein scheint. Geister und Götter wohnen wie selbstverständlich in den Bergen und den Bäumen. Selbst das westliche Ohr und Auge stört sich kaum an der naturreligiösen Anmutung, wenn die Kamera von Jenny Lou Ziegel zu einem ihrer bedächtigen Panoramaschwenks ansetzt, wenn sie die Farben leuchten lässt, ohne in Kitsch zu verfallen. Oder wenn sie in unbewegten Einstellungen dem Publikum die Zeit lässt, den Blick schweifen zu lassen. Wie alle Filme von Cynthia Beatt wendet sich auch Heart of Light – Eleven Songs for Fiji an experimentierfreudige Zuschauerinnen und Zuschauer. Wer sich jedoch auf ungewohnte „Erzähl“-Strukturen einlässt, wird mit einem intensiven Erlebnis belohnt.

Credits

OT: „Heart of Light – Eleven Songs for Fiji“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Cynthia Beatt
Drehbuch: Cynthia Beatt
Musik: Marlon Beatt, Talei Draunibaka, Nemia Vanua, Simione Sevudredre, Simon Fisher Turner, Mia Kami, Dakui Gau, Polotu Tokalau Village
Kamera: Jenny Lou Ziegel
Besetzung: Tilda Swinton, Peter Knaack, Talei Draunibaka, Sereima Divavani, Simon Fisher Turner, Lasarusa Moce, Esekaia Tukai Sovea

Bilder

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Heart of Light – Eleven Songs for Fiji
fazit
„Heart of Light – Eleven Songs for Fiji“ ist eine Reise zu den Fidschi-Inseln abseits touristischer Pfade. Regisseurin Cynthia Beatt, die einen Teil ihrer Kindheit dort verbracht hat, interessiert sich für den Alltag der Menschen, besonders für deren spirituelles Verhältnis zur Natur. Der vielschichtige Film ist eine Reflexion über universelle und ganz persönliche Sehnsüchte, über Identität und die Frage, wie man sich aus einer privilegierten Position heraus zu den Verbrechen des Kolonialismus verhalten kann.
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