Der Österreicher Harald Sicheritz ist deutschen Fernsehzuschauern als gelegentlicher Regisseur von Filmen der Tatort-Reihe bekannt. In seinem Heimatland zählen die satirischen Komödien Hinterholz 8 (1998) und Poppitz (2002) zu den größten Kassenerfolgen in der ewigen Bestenliste der Alpenrepublik. Mit seinem neuen Kinofilm Bruno – Der junge Kreisky taucht er in die wenig bekannte Jugend eines Politikers ein, der später als langjähriger Bundeskanzler zur Ikone wurde. Der Film erzählt vom Mut und der Beharrlichkeit eines 16-Jährigen, der trotz reicher Herkunft in die sozialistische Arbeiterjugend eintreten will, dafür Verfolgung und Haft auf sich nimmt und sich nie von der Idee eines demokratischen Sozialismus abbringen lässt. Sicheritz zeichnet das Bild eines charismatischen, redebegabten Charakters, der mit Charme und Witz für sich einnimmt, aber auch seine Ecken und Kanten hat. Mit dem Regisseur sprachen wir zum deutschen Kinostart über die faschistische Vergangenheit der Alpenrepublik, über die filmreife Jugend des Staatsmannes und über den Humor, der trotz einer Geschichte über Haft und Verfolgung den Film trägt.
In Deutschland ist Bruno Kreisky zumindest den Älteren bekannt, aber in Österreich ist er wohl eine nationale Institution. Deshalb an Sie die Frage: Wer war für Sie Bruno Kreisky, bevor Sie am Film über seine Jugend gearbeitet haben?
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Österreich bis 1955 von den Alliierten besetzt. Danach wurde es überwiegend mit konservativer Mehrheit regiert. 1970 gab es zum ersten Mal einen Wechsel zu einem sozialdemokratischen Kanzler, nämlich zu Bruno Kreisky. Er war als Regierungsperson völlig atypisch in Österreich, weil er aus sehr reichem Hause stammte und jüdischer Herkunft war. Das weist darauf hin, dass er viele Eigenschaften hatte, welche die Leute dazu brachten, ihn 13 Jahre lang mit absoluter Mehrheit auszustatten und wiederzuwählen.
Und auf einer persönlichen Ebene?
Ich selbst war 1970 zwölf Jahre alt, ging ins Gymnasium und habe natürlich irgendwie mitbekommen, dass es einen Regierungswechsel gab. Dann kamen die Sommerferien. Und als ich in die Schule zurückkehrte, waren die alten Nazi-Damen und Nazi-Herren des Lehrkörpers nicht mehr da. Sie waren in Pension geschickt worden, ebenso wie der Direktor. Auf seinem Posten saß nun ein freundlicher Mann mittleren Alters, der sich nie hätte träumen lassen, einmal Schuldirektor zu sein. Vor ihm lag eine Mappe aus dem Unterrichtsministerium, darin stand etwas von einem Schulparlament und von Demokratisierung. Er sagte: „Ich weiß noch nicht, wie das geht, aber wir werden es herausfinden.“ Das war meine erste Begegnung mit den sozialen und demokratischen Reformen, die Bruno Kreisky in Gang setzte.
Wenn man Ihren Film sieht, erscheint einem das Leben des jungen Kreisky schon per se als filmreif. Trifft das die Realität oder hängt es mit dem dramatischen Spannungsbogen des Films zusammen?
Bruno Kreisky hat zum Glück seine Lebenserinnerungen umfassend diktiert. Die Abschriften wurde dann vom sehr verdienten Historiker Oliver Rathkolb überprüft und in Buchform gebracht. Absolut nichts von dem, was im Film vorkommt, ist erfunden – keine einzige Szene. Spielfilmrelevante Eingriffe sind nur die Verdichtung von Figuren, in drei Fällen. Diese Personen gab es in der Realität nicht, in ihnen wurden mehrere reale Biografien zusammengefasst. Zum Beispiel besteht Brunos große Liebe Adele in Wahrheit aus drei oder vier Liebesverhältnissen. Er war – wie von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichtet – bei Frauen schon als junger Mann sehr beliebt. Auch sein Gegenspieler Sepp ist eine Zusammenfassung mehrerer Personen – Bruno Kreisky hatte in den eigenen Reihen zeitlebens Gegner. Darüber hinaus gibt es im Film die fiktive Figur der Sissi. Sie steht für die Erfahrungen und Haltungen der weiblichen Arbeiterschaft. Ansonsten ist nichts über die Maßen dramatisiert. Bezüglich der Sprache habe ich unter Aufsicht unserer Historikerin Helene Maimann darauf geachtet, dass uns die Art, wie die Menschen reden, nicht altmodisch vorkommt, aber dennoch historisch richtig ist.
Den Filmanfang unterlegen Sie mit Bluesrock-Musik, das rückt den jungen Mann, der in einer lebensgefährlichen Szene erstaunlich cool agiert, in die Nähe eines Rockstars. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Im späteren Alter trat Kreisky in meiner Erinnerung eher behäbig auf.
Als junger Mensch war er gar nicht behäbig. Er war sportlich. Denn für den „neuen Menschen“ – den damals interessanterweise alle Ideologien kreieren wollten, von den Kommunisten bis zu den Nazis – für diese Idee war Körperkultur sehr wichtig. Kreisky war damals ein fitter junger Mann. Die Filmmusik, der Score, gehört für mich seit jeher mehr zur Erzählform als zu der Zeit, in der der Film spielt. Blues war die Musik der armen Leute, zumindest anfänglich. Der Song, den wir als eine Art Titelthema hören, ist der Klassiker „You gotta move“ von 1929. Nicht traditionell ist dagegen die Instrumentierung mit moderner E-Gitarre. Ich finde diese Doppelung von alt und modern sehr charmant. Als Rockstar wollte ich den jungen Kreisky allerdings nicht darstellen. Mir ging es darum, dass man sich mit der Filmmusik langsam in die Zeit hineinfühlen kann und nicht überfallen wird, von einem quasi-dokumentarischen Sprung.
Sie haben betont, dass alles historisch genau ist. Trotzdem überrascht die Tatsache, dass er sich wirklich drei Mal vergeblich bemüht hat, in die Sozialistische Arbeiterjungend aufgenommen zu werden, und dann die Energie aufbrachte, es ein viertes Mal zu versuchen. Was hat ihn damals als 16-Jährigen angetrieben? Er war ja kein Arbeiter, sondern kam aus einer reichen Familie und hätte sich ein bequemes Leben machen können.
Es gibt dafür zwei Begründungen, die auch in der Szene vorkommen, in denen Bruno den Eltern seinen Entschluss erklärt. Er sagt, erstens, dass die sozialistischen Mittelschüler, bei denen er war, ein bloßer Diskutierklub seien. Das zweite Motiv ist eines, das er zeitlebens erwähnt hat: sein politisches Erweckungserlebnis war der Brand des Justizpalastes 1927. Damals protestierten Leute aus dem Volk gegen den Freispruch von rechten Frontkämpfern, die zwei unschuldige Menschen erschossen hatten. Es kam zu einem Massaker, die Polizei erschoss mehr als 80 Demonstrierende. Die sozialistische Parteiführung hatte die Lage falsch eingeschätzt und keine klare Haltung gezeigt. Es war niemand da, der die Protestierenden geordnet und geschützt hätte. Deswegen sagt Bruno zu seinen Eltern: „Mein Platz ist bei jenen, denen niemand hilft.“ Das sei der Grund, warum er sich ausgerechnet bei der Arbeiterjugend um Aufnahme bewerbe. Der Vater hingegen unterstellt dem Sohn damit zu rechnen, dass dort niemand seine intellektuelle Überlegenheit infrage stellen könne – was tatsächlich als zusätzliches Motiv von Bruno nicht völlig auszuschließen ist.
Sie haben die Verdichtung seiner Liebesbeziehungen zur Figur der Adele beschrieben. Offensichtlich hatte er eine große Anziehungskraft auf Frauen. Trotzdem die Frage: Warum haben Sie sich dafür entschieden und nicht die wirklichen Geliebten in die Handlung integriert?
Das wäre möglich gewesen. Aber wenn man von einer idealen Filmlänge von zwei Stunden ausgeht und darin einen Zeitraum von elf Jahren unterbringen will, hätten diese Frauen alle nur kurze Auftritte gehabt. Unsere Historikerin merkte dazu an, dass die Frauen in Bruno Kreiskys Lebens zudem beobachtbare Gemeinsamkeiten aufgewiesen hätten. Etwa, dass er bis ins Alter ein Faible für Sängerinnen und Schauspielerinnen zeigte. Deshalb lernt Bruno im Film seine Adele kennen, als sie bei einer Veranstaltung ein Lied zum Besten gibt. Die dramaturgische Verdichtung in den erwähnten drei Fällen finde ich auch deshalb reizvoll, weil alle anderen Figuren historisch belegt sind.
Die Geschichte des jungen Kreisky ist an sich nichts, was zur Komödie taugen würde. Brunos Schicksal in diesen Jahren ist keineswegs lustig. Er saß zwei Mal im Gefängnis und es ist ein kleines Wunder, dass er mit dem Leben davonkam, zumal als Jude. Welchen Stellenwert hatte für Sie das Unterhaltsame der Erzählweise?
Bei „Bruno – der junge Kreisky“ hatte ich keineswegs Komödiantisches im Sinn. Wenn man den Film trotzdem humorvoll erzählt findet, ist das wohl meiner mir bei der Arbeit unbewussten Handschrift geschuldet. Und meiner Überzeugung, dass unsere Leben niemals entweder tragisch oder komisch sind, sondern immer beides, vermischt. Zudem ist es mir seit meiner Jugend ein großes Anliegen, beim Erzählen von Geschichten von möglichst vielen Menschen verstanden zu werden. Vielleicht trage ich Spurenelemente eines Volksbildners in mir. Ich wollte einen Film machen, den das Publikum ohne jegliche historische Vorkenntnisse verstehen kann. Man muss nicht wissen, wer Bruno Kreisky war, und was in der Ersten Republik geschehen ist. Letzteres wissen übrigens bis heute nur ganz wenige Menschen in Österreich. Ich hoffe, dass man aus dem Film kommt und aus seiner spannenden Geschichte etwas dazugelernt hat.
Humor spielt dabei eine wichtige Rolle und es gibt die Geschichte vom Zahnarzt des Gefängnisses, zu dem der eingesperrte Bruno immer geht, weil der Doktor ein Verbindungsmann zu den Genossen in Freiheit ist. Dabei hat Bruno kerngesunde Zähne und lässt sich unter Schmerzen nur um der guten Sache willen mehrere Plomben einsetzen. Ist diese Geschichte wirklich wahr?
Es waren fünf Plomben, um genau zu sein. Bruno war ein Rekordhalter in diesem Gefängnis. Der Zahnarzt hieß Dr. Kretschmer. Er hat gar nicht wenig Geld damit verdient, Nachrichten der Häftlinge zuverlässig aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Aus Vorsicht bestand der Arzt aber darauf, tatsächlich an den Zähnen zu arbeiten. Das hört sich unglaublich an, hat sich aber genauso zugetragen.
Im Presseheft steht, dass Sie die Schauspieler schon 2022 gecastet hatten, dass der Film aber erst 2025 gedreht wurde. Worauf ist diese Verzögerung zurückzuführen?
Es gab lange Zeit ein Problem, den Film auszufinanzieren. Die nationalen und regionalen Förderstellen sowie der ORF waren von Anfang an dabei. An denen lag es nicht, sie gaben uns die maximal zulässigen Summen. Trotzdem fehlte noch ein Viertel des notwendigen Budgets. In meiner Naivität dachte ich, dieses Geld würde sich schnell auftreiben lassen. Aber das hat drei Jahre gedauert. Die erste Produktionsfirma beschloss zudem kurzfristig, die schon fix geplanten Dreharbeiten abzusagen. Ich war verzweifelt und zornig. Es gelang mir, einen neuen Produzenten zu finden – was allerdings zu weiteren Verzögerungen führte. Das Schöne und Berührende für mich war, dass dann alle ursprünglich besetzten Menschen vor und hinter der Kamera 2025 auf den Filmsets standen, weil auch ihnen das Projekt sehr wichtig war.
Sie haben die Erste Republik, die im Austrofaschismus endete, schon angesprochen. Und Sie sagen, beides ist bis heute nur wenigen Leuten bekannt. Ist ihr Film insofern auch eine Art Geschichtsstunde oder finden Sie einen solchen Begriff zu abschreckend für junge Menschen?
Ich finde den Begriff gar nicht abschreckend. Ein österreichischer Rezensent beschrieb „Bruno – der junge Kreisky“ als „mitreißend modern inszenierte Geschichtsstunde“. Das empfinde ich als Kompliment. Zudem denke ich, dass sich in Österreich das Bewusstsein bezüglich der Ersten Republik gerade ändert. Wahrscheinlich, weil die letzten noch lebenden Zeitzeuginnen und -zeugen damals nicht schuldfähige Kleinkinder waren. Als ich Anfang der Achtziger mein Studium der Politikwissenschaft abschloss, war einer meiner Dissertationsväter Emmerich Talós, der Verfasser des Standardwerks über den Austrofaschismus. Sein wertvolles Werk wurde, wie das gesamte Thema, damals völlig ignoriert.
Ganz andere und letzte Frage: Arbeiten Sie bereits an einem neuen Filmprojekt?
Ich bin mit einem österreichischen Schriftsteller befreundet, der vor allem für seine Krimis berühmt ist. Wir arbeiten gerade daran, einen seiner Romane für eine mehrteilige Mini-Serie zu adaptieren.
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