
Der spätere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt kämpfte in seiner Jugend in Exil und Untergrund gegen die Nazis. Das wissen in Deutschland noch viele Menschen. Über Brandts Freund, den langjährigen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, ist hierzulande viel weniger bekannt. Und selbst in der Alpenrepublik, wo Kreisky ein nationales Idol ist, liegt dessen kämpferische Jugend nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei saß er als angeblicher Staatsfeind 15 Monate in der Kerkerhaft der Austrofaschisten, kam nach dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland nochmals ins Gefängnis, wurde geschlagen und gedemütigt. Es war ein Wunder, dass Kreisky (gespielt von Nils Arztmann) freikam und nach Schweden ausreisen durfte, wie Regisseur Harald Sicheritz in seiner schwungvollen, oft überraschend humoristischen Filmbiografie berichtet.
Frech und schlagfertig
Wien 1933, bei Nacht: Männerfüße eilen über Kopfsteinpflaster, Gefahr liegt in der Luft, aber auf der Tonspur ertönt eine fetzige Bluesrock-Gitarre. Die passt gut zu der unbekümmerten Schlagfertigkeit, mit der der junge Bruno die zwei Polizisten abwimmelt, die ihn gleich anhalten werden. Er tut so, als wolle er eine Haustür aufschließen und bittet die Ordnungshüter, ihm beim Anheben der Tür zu helfen, weil das Schloss klemme. „Soweit kommt es noch“, geben die Polizisten zurück und gehen entrüstet weiter. Hätten sie seinen Pass sehen wollen, wäre es um den Widerstandskämpfer geschehen gewesen. Der war so schlecht gefälscht, dass es selbst den beiden etwas tumben Kontrolleuren aufgefallen wäre.
Diese Eingangsszene setzt den Ton für den Film. Frech und in mancher Hinsicht erfrischend unkonventionell kommt er daher, genau wie sein Hauptdarsteller, den bei allen hehren Idealen, bei allem Mut und bei aller moralischen Vorbildfunktion auch die Aura eines Rockstars umweht. Schauspieler Nils Arztmann verleiht in seiner ersten Kinorolle dem jungen Sozialdemokraten eine erfrischende Spontaneität, einen jungenhaften Charme und eine magische Anziehungskraft auf Frauen. Vieles mag man kaum glauben, wenn man den späteren Kanzler vor Augen hat, mit seiner eher biederen, gesetzten, staatsmännischen Art. Aber das Drehbuch hält sich strikt an die Wirklichkeit. An ihm hat die Historikerin und Filmemacherin Helene Maimann mitgewirkt, die als gute Kreisky-Kennerin gilt. Regisseur Harald Sicheritz betonte beim Filmgespräch auf dem Filmfest München, die Korrektheit der Fakten sei ihm das wichtigste Anliegen gewesen. Somit vereint sein Biopic beides: eine etwas konventionelle Ausstattung und Faktentreue mit einer unkonventionellen, modernen Tonalität.
Bruno – Der junge Kreisky konzentriert sich, wie der Titel schon sagt, auf wenige prägende Jahre. 1911 in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, begeistert sich der Sohnemann schon früh für Politik, genauer gesagt für Sozialismus und Sozialdemokratie. Schon früh im Film wird er verhaftet, wegen angeblichen Hochverrats und staatsfeindlicher Aktivitäten wie Flugblätter verteilen. In Rückblenden erzählt das Biopic, wie er bereits als 16-Jähriger der Sozialistischen Arbeiterjugend beitreten will, wie ihn die Genossen abweisen und als verwöhnten Schnösel aus reichem Haus verhöhnen, wie er nicht locker lässt und schließlich beim vierten Antrag aufgenommen wird. Wie er rasch durch sein Redetalent und sein Charisma aufsteigt, wie er sich in Adele (Maya Unger) verliebt und wie er immer wieder damit konfrontiert wird, dass er die Nöte der Arbeiter eben doch nicht verstehen könne, weil er eben selbst keiner ist.
Jugendbewegte Freikörperkultur
So wie der Film sie schildert, müssen es trotz aller Not und trotz der Verfolgung lustige und abenteuerliche Zeiten gewesen sein. Die sozialistische Jugend traf sich regelmäßig auf dem Land, wo man halbnackt der Naturverbundenheit frönte. Es gab Liebschaften und Eifersüchteleien. Die zahlreichen Frauenbekanntschaften des jungen Kreisky hat der Film zusammengefasst in nur einer Geliebten: der Frisörin, glühenden Sozialdemokratin und leidenschaftlichen Sängerin Adele. Aber auch das Dienstmädchen Julie (Maresi Riegner) und die Bilderbuch-Proletarierin Sissi (Soi Schüssler) haben ein Auge auf den blonden Schönling geworfen. Auch die weniger strahlenden Seiten Kreiskys verschweigt das Biopic nicht: dass er ungeduldig und aufbrausend, äußerst ehrgeizig und jähzornig war. Auf einen Sockel wird der wilde Rockstar nicht gestellt. Trotzdem schimmern die klare Haltung und der Mut, diese gegen alle Widerstände und Gefahren laut zu verkünden, auch in den charakterlichen Schwächen durch.
Tragisches und Komisches gehen dabei Hand in Hand. Etwa wenn der eingesperrte Bruno regelmäßig über Zahnschmerzen klagt, weil der behandelnde Gefängnisarzt ein Sympathisant der Bewegung ist und geheime Botschaften der Gefangenen an die Leute draußen im Untergrund weitergibt. Aber um nicht aufzufliegen, tut er das nur, wenn er tatsächlich bohren und dem Patienten eine Plombe verpassen darf. Bruno allerdings hat kerngesunde Zähne. Trotzdem nimmt er die Schmerzen auf sich. Weil es der gerechten Sache dient.
OT: „Bruno – Der junge Kreisky“
Land: Österreich, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Harald Sicheritz
Drehbuch: Harald Sicheritz, Fritz Schindlecker, Helene Maimann
Musik: Lothar Scherpe
Kamera: Thomas Kürzl
Besetzung: Nils Arztmann, Maya Unger, Soi Schüssler, Noah Perktold, Simon Morzé, Juergen Maurer, Marie-Therese Futterknecht, Maresi Riegner, Lucas Englander, Thomas Stipsits
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