
Von der hebräischen Bezeichnung für Kollateralschäden, „nezek agavi“, abgeleitet, bezeichnet NAZA die voraussichtliche Anzahl an zivilen Opfern israelischer Militäroperationen. Frauen, Kinder, Senioren, Zivilisten: Unschuldige, sie alle werden unter dem Begriff NAZA marginalisiert und anonymisiert, zu bloßen Zahlen in den Zeilen interner israelischer Militärberichterstattung. Über den Dächern Tel Avivs interviewen Yuval Abraham und Rachel Szor Soldaten und hochrangige militärische Funktionäre Israels und exponieren die Gewissenlosigkeit und die Härte Israels im vermeintlichen Kampf gegen die Hamas, der längst zu einem Krieg gegen die Bevölkerung Gazas verkommen ist.
Kontrast zweier Welten
Für volle 25 Minuten applaudiert das Publikum nach der Premiere NAZAs im Rahmen des offiziellen Wettbewerbs der Filmfestspiele von Venedig, ein Rekord mit fadem Beigeschmack. Bereits für ihren Dokumentarfilm No Other Land über die gewaltsamen israelischen Umsiedlungsmaßnahmen im Westjordanland erhielten Yuval Abraham und Rachel Szor zusammen mit dem palästinensischen Filmemacher Hamdan Ballal einen Oscar. Kurz nach der Oscarverleihung und seiner Rückkehr wurde Hamdan von israelischen Siedlern angegriffen und daraufhin vom israelischen Militär festgenommen und über Nacht inhaftiert. Auch Yuval und Rachel drohen für ihre erneute kritisch-dokumentarische Aufarbeitung aktueller israelischer Militäroperationen politische Konsequenzen. Während sie einmal mehr der Weltöffentlichkeit seltene, direkte Einblicke in die kompromisslose Härte israelischer Kriegstaktik bieten, spricht Israels Kulturminister Makhlouf „Miki“ Zohar von Verrat an der Heimat und an den eigenen Landsleute, während er die militärischen Operationen der Netanyahu-Regierung verteidigt. Des Weiteren kündigte er an, den beiden Filmemachern die Staatsbürgerschaft entziehen zu wollen.
Die Geschichte hinter den Zahlen
Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 tötete die IDF über 73.000 Palästinenser, darunter mehr als 20.000 Kinder. Ein Genozid, begünstigt durch ein gravierendes Kräfteungleichgewicht, internationale Akzeptanz durch konkludentes Schweigen und kategorische Missachtung grundlegender Menschenrechte und Konventionen. Gestützt durch modernsten Waffensystemen und besonders durch Überwachung auf Grundlage künstlicher Intelligenz. Im Rahmen von 24 Interviews mit anonymisierten militärischen Funktionären bietet NAZA direkte, intime Einblicke in das Herz des israelischen Militärapparats und entlarvt die strukturelle, minutiöse Planung des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung des Gazastreifens. Wie bereits No Other Land betrachtet der Film den andauernden Konflikt zwischen Israel und Palästina einseitig wertend. Die Betrachtungsperspektive kommt jedoch nicht durch eine externe narrative Einordnung des Geschehens seitens der Filmemacher oder Experten. Stattdessen findet über den Dächern Tel Avivs ein bisher ungehörter, einzigartiger Einblick in die Arbeit des israelischen Geheimdiensts und der militärischen Führung statt, durch eigene, desillusionierte Schlüsselfiguren.
NAZA bleibt in seiner filmischen Umsetzung weitgehend schnörkellos. Die Darstellung der Interviewten im Halbschatten dient einerseits ihrer Unkenntlichkeit und spiegelt gleichermaßen die Undurchsichtigkeit der Militäroperationen wider. Filmisch gestützt wird das Gesagte durch Archivaufnahmen von Zerstörung, Angriffen und Raketenflügen sowie durch originale Tonaufnahmen, beispielsweise des auch aus Die Stimme von Hind Rajab bekannten Notrufs. Dabei relativiert NAZA nie das terroristische Schaffen der Hamas und leugnet nie die generelle Befugnis Israels, sich gegen direkte Angriffe und die Bedrohung der eigenen Bevölkerung zu verteidigen. NAZA verweigert sich gleichermaßen der Frage nach den Möglichkeiten ethischer Kriegsführung in einem Kampf gegen einen Feind, welcher die zivile Bevölkerung bewusst als Schutzschild missbraucht.
Verrat oder Verantwortung?
Yuval Abraham und Rachel Szor proponieren mit NAZA keineswegs einen Lösungsansatz für eine vermeintlich unlösbare Situation. Was sie dar- und einmal mehr prominent herausstellen, sind harte Zahlen und eine aktuelle Realität im Nahen Osten. Kollateralschäden, militärische Überlegenheit, Unverhältnismäßigkeit und Fehlerkoeffizienten einer Technologie, die keine Menschlichkeit kennt. Gestützt nicht durch Beobachter oder Außenstehende, sondern durch 24 Komplizen und Beteiligte. Die moralische Wertung wird dem Zuschauer aus den eigenen, israelischen Reihen vorweggenommen und wirkt dabei nicht missionarisch, sondern lediglich schlüssig.
OT: „NAZA“
Land: UK
Jahr: 2026
Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor
Drehbuch: Yuval Abraham, Rachel Szor
Kamera: Rachel Szor
Besetzung: Yuval Abraham
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