Mit Ice Cream Man verwirklicht Eli Roth eine Filmidee, die ihn bereits seit mehr als 20 Jahren begleitet. Im Interview zum Kinostart am 6. August 2026 spricht der Horrorregisseur über seine neue Perspektive als Vater, die Risikoscheu großer Studios und die Wirkung vertrauter Symbole, deren vermeintliche Unschuld er ins Grauenvolle umkehrt.
Du bist bereits vor mehr als 20 Jahren auf die Idee zu Ice Cream Man gekommen. Wenn du heute auf diese ursprüngliche Idee zurückblickst: Was unterscheidet den Film, den du letztlich gedreht hast, grundlegend von dem, den du dir damals vorgestellt hattest?
Bei mir beginnt alles immer mit einem Bild. In diesem Fall war es der Ice Cream Man, der den Kindern Eis verteilt. Mitten in der Nacht wachen die Kinder dann auf und hacken ihren Eltern die Köpfe ab und solche Dinge. Ich hatte dieses Bild von einem kleinen Mädchen, das am nächsten Morgen in seinen Hasenpantoffeln, einem blutverschmierten Nachthemd und mit einem Rucksack zur Schule läuft. Dabei hält es einfach den Kopf seiner Mutter in der Hand und geht zur Schule, als wäre daran nichts ungewöhnlich. Wie macht man von dort aus weiter?
Diese ursprünglichen Ideen sind geblieben, aber ich bin vor Kurzem Vater geworden. Ich habe jetzt eine 17 Monate alte Tochter. All diese Ängste, die mit dem Elternsein einhergehen, und das Gefühl, dass man sein Kind letztlich nicht vor der Welt beschützen kann, egal was man tut, sind furchtbar. Der Gedanke, dass irgendein Übel oder irgendwelche Mächte an das eigene Kind herankommen, es auf irgendeine Weise verletzen oder gegen einen aufbringen könnten, ist etwas ungeheuer Ursprüngliches und Schreckliches.
Dadurch konnte ich mich der Idee noch einmal neu nähern. Zunächst einmal, indem ich den Film ohne Altersfreigabe gedreht habe. In einer Welt nach Terrifier 3 können wir Filme ohne Altersfreigabe für die Kinos produzieren und selbst veröffentlichen. Genau das mache ich mit meinem neuen Unternehmen The Horror Section. Ich dachte, ich könnte diesen Film wirklich entfesselt und ohne Altersfreigabe umsetzen und ihn zugleich aus der Perspektive eines Elternteils neu schreiben. So konnte ich zeigen, wie furchteinflößend es wäre, wenn so etwas tatsächlich geschähe.
Du hast es bereits angesprochen: Deine Vision des Films wurde von Studios lange abgelehnt, weil sie ihnen zu düster erschien. Wie hat sich das Horrorpublikum deiner Meinung nach in dieser Zeit verändert? Ist es heute schlicht schwieriger zu erschrecken, sodass Filmschaffende weiter gehen und mehr Tabus brechen müssen, um es noch überraschen zu können?
Nein. Wenn man sich die erfolgreichsten Filme ansieht, sind es einfach großartige Ideen, die gut umgesetzt wurden. Man denke an Obsession und Backrooms. Sie sind ausgesprochen simpel, sehr gut gemacht und zugleich wirklich beängstigend und unheimlich. Es geht nicht darum, Tabus zu brechen oder gewalttätiger und extremer zu werden. Es geht darum, etwas wirklich gut und auf clevere Weise umzusetzen. Ich glaube, die Leute hatten vor allem Angst davor, irgendetwas mit Kindern zu machen. Sie sagten, Kinder dürften nicht verletzt werden oder niemand wolle einen Film mit Kindern sehen. Darauf antwortete ich: „Was ist mit Es? Ist das nicht der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten? Was ist mit Stranger Things, der größten Netflix-Serie überhaupt? Wovon redet ihr?“ Wir waren schließlich alle einmal Kinder und können uns damit identifizieren.
Die Menschen mögen großartige Geschichten. Sie mögen großartige Figuren und großartiges Schauspiel. Genau das wollte ich. Ich wollte nicht nur schauspielerische Leistungen, die „für Kinder“ großartig sind. Wenn ich an Natalie Portman in Léon – Der Profi denke oder wenn man jemanden wie Ariana Greenblatt sieht, dann schaut man einem unglaublichen jungen Schauspieltalent zu. Das ist aufregend und macht Spaß. Ich liebe Filme wie Die Bären sind los. Ich wollte einen Film drehen, der so beginnt und sich anschließend in Die Vögel verwandelt. Die Vögel hatte einen großen Einfluss auf den Film. Außerdem wollte ich Primärfarben verwenden und einen Film schaffen, der wunderschön aussieht.
Jahrelang waren die Studios jedoch schlicht zu ängstlich. Sie sind ausgesprochen risikoscheu und wollen nichts anders machen. Deshalb ist Obsession ein Independentfilm. Backrooms war eine unglaubliche YouTube-Serie, von der ich ein großer Fan war, bevor die Rechte daran erworben wurden und sie zu einem Film weiterentwickelt wurde. In der Regel beginnt alles mit einem kreativen Menschen, der eine Idee hat und etwas anders macht. Genau das setzt sich schließlich durch.
Du hast mehrere Dinge, die gewöhnlich mit positiven Gefühlen verbunden werden, in Quellen des Horrors verwandelt: Thanksgiving, Eiswagen und die Unschuld von Kindern. Weshalb ist es ein so wirkungsvolles Mittel, etwas Vertrautes zu nehmen und zu korrumpieren, um dem Publikum Angst einzujagen? Gibt es etwas, das du in Zukunft ebenfalls ruinieren oder besser gesagt korrumpieren möchtest?
Ich weiß es nicht. Jeder großartige Horrorfilm ruiniert einem irgendetwas. Mit Cabin Fever habe ich die Rasur von Beine ruiniert. Mit Hostel habe ich Backpacking ruiniert und mit The Green Inferno den Aktivismus. Knock Knock hat einem verdorben, einen netten Fremden ins eigene Haus zu lassen, was ohnehin keine gute Idee ist. Darin liegt der Spaß an Thanksgiving, man nimmt diesen unschuldigen Feiertag, der eigentlich fröhlich und festlich sein soll und korrumpiert ihn. Beim Eis ist das einfach die Richtung, in die meine Gedanken von Natur aus gehen. Ich glaube, genau darin liegt guter Horror. Er muss transgressiv sein. Ich erinnere mich noch daran, all diese großartigen Kurzgeschichten von Stephen King in Blut und Nachtschicht gelesen zu haben. Jeder großartige Horrorfilm nimmt etwas wie ein Ferienlager, also etwas Unschuldiges und Vergnügliches, und offenbart dessen dunkle Seite.
Man möchte sich sicher fühlen. Solche Orte sucht man auf, um sich sicher zu fühlen. Wenn man die Melodie des Ice Cream Man hört, steht sie für Unschuld und Glück. Man spielt bei heißem Wetter mit seinen Freunden Kickball oder ist gerade im Swimmingpool und hört plötzlich diese Melodie. Dann rennt man auf die Straße, holt sich Geld von seiner Mutter und kauft sich ein Eis. Wenn der Ice Cream Man auftaucht, ist das das Aufregendste auf der ganzen Welt.
Ich dachte darüber nach, wie selbstverständlich wir diesen Menschen vertrauen. Darin liegt eine unausgesprochene Übereinkunft: Wir vertrauen darauf, dass unsere Kinder bei ihnen sicher sind. Aber was wäre, wenn sie das nicht wären? Was, wenn der Ice Cream Man noch andere Absichten hätte? An diesem Punkt übernimmt die eigene Vorstellungskraft.
Ohne zu viel zu verraten, erfahren wir schließlich, dass dies nicht bloß die Geschichte eines bösen Ice Cream Man ist. Ihre Wurzeln liegen in Missbrauch und geraubter Unschuld. War es dir wichtig, dass der Horror letztlich aus etwas zutiefst Menschlichem hervorgeht und nicht aus etwas rein Übernatürlichem?
Ich wollte, dass er einem Ursprung entstammt, durch den man die Sichtweise des Ice Cream Man nachvollziehen kann. Mir gefiel es, wie man in Star Wars Darth Vader hatte und seine Sicht auf die Dinge bis zu einem gewissen Grad verstehen konnte. Genau an diesem Punkt wird es wirklich interessant. Man kann natürlich etwas haben, das einfach nur das Böse verkörpert, aber das haben wir bereits gesehen. Ich glaube, man braucht einen nachvollziehbaren Grund, der erklärt, weshalb all das geschehen ist. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Ich bin in Boston aufgewachsen, als vieles davon geschah. Wir erfuhren erst später davon, aber es gab einige schreckliche Skandale. Wenn man heute darauf zurückblickt, erklärte das gewissermaßen vieles, was bestimmte Kinder betraf.
Man möchte das nie zum eigentlichen Schwerpunkt des Films machen, aber ich will immer, dass der Horror einem realen Ursprung entstammt. Das Reale liegt im Schrecken menschlichen Verhaltens. Es ist beinahe die Ursache von allem.
Vielen Dank für deine Zeit und deine Einblicke.
Danke. Einen schönen Abend noch.
With Ice Cream Man, Eli Roth brings to life a film idea that has been with him for more than 20 years. In this interview ahead of its theatrical release, the horror director discusses his new perspective as a father, major studios’ aversion to risk and the power of familiar symbols whose apparent innocence he transforms into something horrific.
Good afternoon. You came up with Ice Cream Man more than 20 years ago. Looking back at the original idea now, what is fundamentally different about the film you made compared to the one you imagined back then?
It’s interesting. I always start with an image, and it began with the Ice Cream Man handing out ice cream to the kids. Then the kids wake up in the middle of the night and chop off their parents’ heads and things like that. I had this image of a little girl walking to school the next morning in her bunny slippers, a bloody nightgown and a backpack, just holding her mom’s head and walking to school as if nothing were strange. Where would you go from there?
Those original ideas remained, but I recently became a father. I have a 17-month-old baby girl now. All those fears that come with being a parent and this feeling that, no matter what you do, you ultimately can’t protect your child from the world, that some evil or some force will get to them, that they’ll be hurt in some way or that they’ll be turned against you, is such a primal and awful thought.
I was able to reapproach the idea, firstly by making it unrated. In a post-Terrifier 3 world, we can make unrated movies for theaters and release them ourselves, which I’m doing with my new company, The Horror Section. I thought I could make this movie truly unhinged and unrated while rewriting it from the perspective of a parent and showing how terrifying it would be if this happened.
You already touched on this, your vision of the film was rejected by studios for a long time because they considered it too dark. How do you think horror audiences have changed during that time? Are they simply harder to scare now, meaning filmmakers have to push further and break more taboos to surprise them?
No. If you look at the most successful movies, they’re simply great ideas that are executed well. Look at Obsession and Backrooms. They’re really simple, really well done and very scary and creepy. It isn’t about breaking taboos or being more violent or extreme. It’s about doing something really well and being clever about it.
I think what scared people was doing anything involving children. People would say that kids can’t get hurt, or that nobody wants to see a movie with kids. I would say, “What about It? Isn’t that the most successful horror movie of all time? What about Stranger Things, the biggest show ever on Netflix? What are you talking about?” We were all kids. We can all relate to that.
What people like is a great story. They like great characters and great acting. I wanted great acting. I didn’t just want great acting “for kids.” When I saw Natalie Portman in Léon: The Professional, or when you see someone like Ariana Greenblatt, you’re watching an incredible young actor. It’s exciting and fun.
I love movies like The Bad News Bears. I wanted a film that began like that and then turned into The Birds. The Birds was a major influence on the movie. I also wanted it to use primary colors and look beautiful. For years, however, studios were simply too afraid. They’re so risk-averse. They don’t want to do anything different. That’s why Obsession is an independent film. Backrooms was an incredible YouTube series that I was a huge fan of before it was optioned and turned into a movie. It usually begins with a creator who has an idea and does something different. That’s what catches on.
You’ve turned several things commonly associated with positive feelings into sources of horror: Thanksgiving, ice cream trucks and the innocence of children. What makes taking something familiar and corrupting it such a powerful way of frightening audiences? Is there anything else you want to ruin, or rather corrupt, in the future?
Gosh, I don’t know. Any great horror movie is going to ruin something. In Cabin Fever, I ruined shaving your legs. In Hostel, I ruined backpacking. In The Green Inferno, I ruined activism. Knock Knock ruined letting a nice stranger into your home, which is a bad idea anyway. That’s the fun of Thanksgiving. Taking this innocent holiday that’s supposed to be fun and festive and skewering it. With ice cream, that’s just naturally where my mind goes. I think that’s where good horror lies. It has to be transgressive. I remember reading all those great Stephen King short stories in Skeleton Crew and Night Shift. Any great horror movie takes something like summer camp, something innocent and fun, and reveals a dark side to it.
You want to feel safe. That’s where you go for safety. When you hear the Ice Cream Man’s music, it represents innocence and happiness. You’re playing kickball with your friends and it’s hot outside, or you’re in a swimming pool, and then you hear it. You run into the street, grab money from your mom and go out to get an ice cream. When the Ice Cream Man arrives, it’s the most exciting thing in the world. I thought about how we simply trust them. There’s an inherent contract: We trust that they’re keeping our children safe. But what if they weren’t? What if they had another agenda? That’s when your imagination begins to take over.
Without giving too much away, we eventually learn that this isn’t merely a story about an evil Ice Cream Man. It has its roots in abuse and stolen innocence. Was it important to you that the horror ultimately emerged from something deeply human rather than something purely supernatural?
I wanted it to come from a place where you could understand the Ice Cream Man’s point of view. I loved how, in Star Wars, there was Darth Vader and you could understand his perspective on things. That’s where it becomes really interesting. You can have something that’s simply pure evil, but we’ve seen that before. I think you need a reason that makes sense and explains why this happened. Without going into too much detail, I grew up in Boston when a lot of this was happening. We learned about it later, but there were some terrible scandals. Looking back, they explained a lot of things concerning certain children.
You never want that to become the focus of the film, but I always want the horror to come from somewhere real. What’s real is the horror of human behavior. That’s almost what causes everything.
Thank you so much for your time and insights.
Thank you. Have a good night.
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