
An einem sonnigen Sommernachmittag in Bayleen Bay spielt Jared (Charlie Zeltzer) zusammen mit seinem Team Baseball. Abgelenkt durch die eindringliche Musik eines Eiswagens macht er im entscheidenden Moment einen Fehler und verliert seiner Mannschaft einmal mehr das Spiel. Nachdem er sich danach einigen Schikanen ausgesetzt sieht, beschließt er, zusammen mit seiner Schwester (Sarah Abbott) nach Hause zu gehen, während sich alle anderen Kinder ein Eis kaufen. Selbst beim Abendessen mit seinen Eltern geht Jared die fast hypnotische Musik des Eiswagens nicht aus dem Kopf. Sein Misstrauen wächst, als er kurz vor dem Schlafengehen erneut den Eiswagen vor seinem Haus sieht. Als er sich am nächsten Tag auf den Weg in die Schule macht, verstärkt sich sein Argwohn, als er erkennt, dass sich seine Mitschüler extrem ungewöhnlich verhalten. Etwas Seltsames geht in Bayleen Bay vor sich und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Jared in etwas hineingezogen wird, aus dem es kein Entrinnen gibt.
20 Jahre auf Eis gelegen
Bereits 2003 während der Pressetour zu Cabin Fever kam Eli Roth die Idee für Ice Cream Man. Nachdem er sie weiterentwickelt hatte, versuchte er über die nächsten 20 Jahre hinweg immer wieder, ein Studio für die Umsetzung zu finden. Obwohl das Konzept gewaltbereiter oder gar mörderischer Kinder bereits in Horrorfilmen wie Kinder des Zorns umgesetzt wurde, lehnten Studios Roths Bemühungen stets ab. Schließlich gründete er im Jahr 2025 mit The Horror Section sein eigenes Studio und begann daraufhin mit der Produktion von Ice Cream Man nach seinen Vorstellungen.
Kinderfänger im Eiswagen
Roths Einstieg in die sonnige, lebhafte und auf den ersten Blick perfekte Idylle von Bayleen Bay steht sinnbildlich für das zentrale Thema des Films. Kindliche Unschuld und Freude werden durch die Fassade einer perfekten kleinen Welt etabliert. Gemeinsames Spiel, ein Eis als Belohnung. Eine Illusion, deren Risse sich bereits früh durch erste Spannungen zwischen den Kindern und vereinzelt auch den Erwachsenen abzeichnen. Durch die Einführung der titelgebenden Figur überführt Roth dieses Motiv in die Handlung. Für den Zuschauer ist der Ice Cream Man von Beginn an als unverhohlene Bedrohung inszeniert, während die meisten Figuren des Films die Warnsignale konsequent ignorieren und ihm mit einem restlosen Grundvertrauen begegnen.
Dieses Konzept nutzt Roth als dramaturgischen Hebel und spannt durch die spätere Einführung der Kirche einen narrativen Bogen. Ebenfalls eine Institution, der historisch Vertrauen und moralische Autorität zugerechnet wurden und die jenes Grundvertrauen mehrfach missbrauchte. Der Horrorfaktor des Films akkumuliert sich durch ein modernes, wenn auch stellenweise überzeichnetes Drehbuch, die Umkehr ursprünglich positiv konnotierter Tropen, das Zurückgreifen auf und Referenzieren von bekannten Klassikern plus eine ordentliche Prise Gewalt. Ice Cream Man lässt sich als Mischung aus einer Neuinterpretation des Rattenfängers von Hameln und Hitchcocks Die Vögel beschreiben.
Die Grenzen der Prämisse
Anders als Hitchcock lässt sich Roth allerdings weniger Zeit für die Exposition und die Etablierung seiner malerischen Kleinstadt. Bereits im ersten Drittel des Films und nach der ersten Nacht offenbart Ice Cream Man die hasserfüllte Natur seiner durch Eis radikalisierten Heranwachsenden. Der folgende Mittelteil büßt Atmosphäre und Originalität zugunsten von Brutalität und gelegentlichem Slapstick-Humor ein. Zwar bleibt Roth bei der Darstellung seiner Horde mordender Minderjähriger sehr kreativ, kann dadurch das repetitive Muster der Gewalteskalation jedoch nicht vollständig kaschieren. Die Erwachsenen von Bayleen Bay fallen neben ihrer Naivität vor allem durch Passivität auf. Letztere benötigt der Film zum Funktionieren seiner Prämisse, überstrapaziert sie aber stellenweise zu stark. Während des Finales gewinnt Ice Cream Man wieder an Tempo und Zielstrebigkeit. Darüber hinaus baut Roth zwei Enthüllungen ein, die neben ihrer finalen Konsequenz gleichermaßen einen gelungenen narrativen Bezug zu den übergeordneten Tropen seines Films schaffen und sich einer abschließenden Relativierung verweigern.
Junges Ensemble, alte Schule
Schauspielerisch überzeugen in Ice Cream Man vor allem die Kinderdarsteller. Charlie Zeltzer gelingt es, Jareds zunehmendes Misstrauen glaubwürdig zu vermitteln, während auch die übrigen Kinderdarsteller die Gratwanderung zwischen kindlicher Unschuld und mörderischem Wahnsinn mit sichtlich Spielfreude meistern. Die erwachsenen Figuren treten demgegenüber klar in den Hintergrund und bleiben überwiegend funktionale Bestandteile der Handlung. Wie bereits in zahlreichen seiner früheren Werke lässt es sich Eli Roth zudem nicht nehmen, selbst eine kleine Rolle in seinem eigenen Film zu übernehmen. Auch handwerklich kann Ice Cream Man größtenteils überzeugen. Die überwiegend praktisch umgesetzten Effekte verleihen den Gewaltdarstellungen eine greifbare Qualität und sind trotz kleinerer Schwächen gelungen. Besonders einprägsam ist jedoch die Musik. Der ikonische Jingle des Eiswagens zieht sich als akustisches Warnsignal durch den Film und unterstreicht die zunehmend bedrohliche Atmosphäre wirkungsvoll.
OT: „Ice Cream Man“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Noah Belson
Musik: Brandon Roberts
Kamera: Simon Shohet
Besetzung: Ari Millen, Charlie Zeltzer, Shiloh O’Reilly, Kiori Mirza Waldman, Sarah Abbott, Benjamin Byron Davis, Karen Cliche, Charlie Storey, Dylan Hawco, Eli Roth
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