
Tony Kiritsis (Bill Skarsgård) ist Immobilienentwickler in Indianapolis. Weil er sich von der Firma Meridian Mortgage Company und deren Inhaber M. L. Hall (Al Pacino) um sein Grundstück sowie die damit verbundenen Gewinne betrogen fühlt, fasst er einen verzweifelten Plan. Er will Hall als Geisel nehmen und so das an ihm begangene Unrecht wiedergutmachen.
Als sich Tony entscheidet, seinen Plan in die Tat umzusetzen, ist zu seiner Enttäuschung jedoch nur Halls Sohn Richard (Dacre Montgomery) im Firmengebäude. Dennoch macht Tony weiter: Er befestigt mittels eines Drahts eine Schrotflinte an Richards Kopf und verlässt mit ihm das Hochhaus. Den eintreffenden Polizisten droht er damit, seine Geisel sofort umzubringen, sollten sie sich ihm auch nur nähern. So schafft er es mit dem völlig verstörten Richard zu sich nach Hause, wo er sich verschanzt und der Polizei seine Forderungen mitteilt: Neben der Streichung seiner Schulden verlangt er Straffreiheit sowie mehrere Millionen Dollar – jenes Geld, das er mit dem Grundstück angeblich hätte verdienen sollen.
Mittlerweile haben auch die Medien von der Geiselnahme erfahren. Als immer mehr über Tonys Motive berichtet wird, verschieben sich die Sympathien vieler Amerikaner zugunsten des Geiselnehmers. Derweil ringen die Polizisten mit einem immer erratischer agierenden Tony, während Richard mit jeder Minute mehr um sein Leben bangt.
Die Opfer des Systems
Dead Man’s Wire ist nach Don’t worry, weglaufen geht nicht von 2018 der neue Film von Regisseur Gus Van Sant. Von der wahren Geiselnahme von 1977 hatte er nach eigenen Aussagen vor der Lektüre von Austin Kolodneys Drehbuch noch nie etwas gehört, weshalb er sich unmittelbar danach die Aufnahmen des Ereignisses ansah, unter anderem jene, die zeigen, wie Tony mit Richard als Geisel durch die Stadt ging und eine Pressekonferenz abhielt. Die Absurdität mancher Situationen sowie die mediale Berichterstattung über den Fall faszinierten Van Sant, sodass sie für ihn den Kern von Dead Man’s Wire bilden. Zudem reiht sich eine Figur wie Tony Kiritsis in die Außenseiterporträts ein, für die Van Sant nach Werken wie Drugstore Cowboy oder My Private Idaho bekannt ist. Vor allem aber ist Dead Man’s Wire ein Thrillerdrama über einen Verzweifelten, der die Erzählung über sein Leben gewaltsam korrigieren möchte und sich dabei die Wankelmütigkeit der Medien sowie der öffentlichen Meinung zunutze macht.
Dead Man’s Wire ist ein Film, der nicht nur wegen seiner Ästhetik den Geist des Hollywoodkinos der 1970er-Jahre widerspiegelt. Bisweilen sind die Parallelen zu den Filmen eines Sidney Lumet – insbesondere Hundstage und Network – mehr als deutlich. Wie Lumet zeichnet auch Van Sant das Porträt einer Gesellschaft, die zum einen noch das Trauma eines verlorenen Krieges verarbeitet und zum anderen aufgrund der diversen sozialen Umwälzungsprozesse des vorherigen Jahrzehnts stark aufgeladen ist. Etwas hat sich fundamental verändert in der Wahrnehmung des politisch-wirtschaftlichen Gefüges, des „Systems“, wie es immer wieder im Film heißt.
Der von Bill Skarsgård sehr intensiv gespielte Tony sieht sich als Opfer dieses Systems, einer mächtigen Firma, die ihn über den Tisch gezogen haben soll, was jeder aufmerksame Zuschauer aber schon nach wenigen Minuten eher als fraglich empfinden dürfte. Da er dem System nicht traut, vertraut er auf Waffengewalt, Druck und ein starkes Opfernarrativ, das die Medien freilich gerne bedienen. Van Sant lässt seine Zuschauer in diesem Konflikt zurück, denn das Narrativ ist gefährlich einfach und verführerisch und verschleiert eine unangenehme Wahrheit, die ebenso simpel scheint, die man aber oftmals gerne verschweigt.
Die Verschiebung der Narrative
Ein Narrativ, das eine verwerfliche Handlung in ein positives Licht rückt, ist das eine, doch sofern man dieses affirmiert, macht man sich zum Komplizen. Wie schon gesagt, ist es nicht sonderlich schwierig, Tonys Narrativ zu enttarnen – er gibt sogar offen zu, dass es ihm in erster Linie um das Geld geht und seine Investitionen für ihn wie „Kinder“ sind. Er muss eine Erzählung konstruieren, ansonsten geht sein Plan nicht auf und er wird letztlich als der einzige Übeltäter dargestellt.
Um dies zu verdeutlichen, greift Van Sant auf verschiedene Perspektiven zurück, die neben Tonys und Richards Sichtweisen auch jene der Polizisten und der Medienvertreter zeigen. Während die Beamten überlegen, wie sie die Geisel retten können, gilt für die Medien die alte Regel „if it bleeds, it leads“, wobei eine besonders sensationelle Meldung mit der „Prime Time“ belohnt wird. Die Wahl der Gesprächspartner sowie ein entsprechender Schnitt dienen zusätzlich der Affirmation des von Tony gewünschten, medial besser zu vermarktenden Narrativs. Van Sant geht es nicht um eine moralisierende Erzählung, sondern vielmehr um ein Beispiel dafür, wie man sich als Gesellschaft und durch deren Vertreter zum Narren halten lässt. Auch das Publikum will, dass Tony am Ende der Sieger ist und den Kampf gegen den schier übermächtigen Konzern-Goliath gewinnt. Dass Unwissenheit, Naivität und Opportunismus einen dabei gewissermaßen zum Komplizen machen, ist eine unangenehme Wahrheit, die Van Sant in Dead Man’s Wire ausspricht.
OT: „Dead Man’s Wire“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Austin Kolodney
Musik: Danny Elfman
Kamera: Arnaud Potier
Besetzung: Bill Skarsgård, Dacre Montgomery, Cary Elwes, Myha’la, Colman Domingo, Al Pacino
Internationale Filmfestspiele Venedig 2025
Toronto International Film Festival 2025
International Film Festival Rotterdam 2026
Filmfest München 2026
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