Dont worry weglaufen geht nicht

Don’t worry, weglaufen geht nicht

„Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“, USA, 2018
Regie: Gus Van Sant; Drehbuch: Gus Van Sant; MusikDanny Elfman
DarstellerJoaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara

Dont worry weglaufen geht nicht
„Don’t worry, weglaufen geht nicht“ läuft ab 16. August 2018 im Kino

Im Leben von John Callahan (Joaquin Phoenix) gibt es vor allem eines: Alkohol. Er trinkt ihn morgens, er trinkt ihn abends. Er trinkt ihn auch dann, wenn er schon zu betrunken ist, um noch die Tageszeit zu wissen. Bis zu jener Nacht, als er bei einem Autounfall schwere Verletzungen erleidet. Seine Beine kann er im Anschluss gar nicht mehr benutzen, auch seine Hände sind kaum noch zu gebrauchen. Für John, der schon vorher nicht sonderlich viele Perspektiven hatte, ist damit klar: Sein Leben ist vorbei. Erst als er Donny (Jonah Hill) und dessen Gruppe Anonymer Alkoholiker kennenlernt, fasst er wieder neuen Lebensmut. Aber auch Annu (Rooney Mara) und seine neu entdeckte Liebe zum Comiczeichnen tragen dazu bei, dass er wieder mit mehr Optimismus in die Zukunft schaut.

Wenn das Leben von Künstlern filmisch festgehalten wird, dann normalerweise aus einem von zwei Gründen. Entweder handelt es sich um einen großen Namen, der so sehr für sich selbst spricht, dass die Zuschauer allein schon damit in die Kinos gelockt werden sollen, etwa bei Gauguin oder Auguste Rodin. Manchmal ist es aber auch das Leben besagter Künstler, das so ungewöhnlich ist, dass es dadurch zum Aushängeschild wird. Beispiel dafür ist Maudie über die Kanadierin Maud Lewis, die Behinderungen an Beinen und Füßen zum Trotz mit ihren naiven Malereien kleinere Erfolge feierte.

Das Schicksal hinter den Comics
Don’t worry, weglaufen geht nicht gehört sicherlich in die zweite Kategorie. Ganz ohne Qualitäten sind die Comics von John Callahan natürlich nicht. Der absurde, oft politisch völlig unkorrekte Humor des Amerikaners, manchmal ein wenig an Gary Larson erinnernd, ist sicherlich unterhaltsam, gerade auch in Kombination mit den grotesken Zeichnungen. Dass Regisseur und Drehbuchautor Gus Van Sant (Milk, The Sea of Trees) stärker an den Umständen interessiert ist, an dem Charakter und seinem Leben, das ist aber kaum zu übersehen.

Ganz auf die Comics von Callahan müssen wir zwar nicht verzichten. Immer mal wieder baut Van Sant diese ein, in Form sich selbst zeichnender Zwischensequenzen. Sie dienen aber wenn dann eher als Rahmen, damit der Filmemacher doch wieder auf das Leben zu sprechen kommt. Callahans Versuche, in dem Bereich Fuß zu fassen, sind kurz gehalten, ebenso die Zeit, als er sich wider aller Erwartungen einen Namen gemacht hat. Stattdessen konzentriert er sich auf die Alkoholsucht seines Protagonisten sowie auf dessen Versuche, davon wieder loszukommen.

Zwischen Abgrund und Höhenflug
Don’t worry, weglaufen geht nicht, das seine Weltpremiere auf dem Sundance Filmfestival 2018 feierte, ist daher weniger Künstlerporträt als vielmehr die Geschichte eines Trinkers. Genauer besteht das Drama aus zwei sehr unterschiedlichen Hälfte: Die eine ist befasst sich mit Callahans Sucht und seinem Absturz, der schon vor dem Autounfall begonnen hat. Erstaunlich bitter und hässlich ist diese, Van Sant mutet dem Publikum hier doch einiges dazu. Die andere Hälfte handelt davon, auch dem hoffnungslosesten Leben noch etwas abzuringen. Das geht zu Herzen, stimmt geradezu fröhlich, zumal der Film hier auch viel Humor miteinfließen lässt – gerade auch durch die durch sehr kuriose Gruppe Anonymer Alkoholiker, der auch Udo Kier und Beth Ditto angehören.

So richtig viel Profil erhalten die munteren Leidensgenossen nicht, sie dürfen nur selten mehr als komische Dekoration sein. Und auch Annu bekommt keine Gelegenheit, sich zu einer bedeutenden Figur zu entwickeln – Bedeutung hat die Physiotherapeutin nur als Freundin von Callahan. Dass sich vieles nicht so vertieft, wie es möglich, manchmal nötig wäre, liegt auch an der ungewöhnlichen Erzählstruktur von Don’t worry, weglaufen geht nicht. Van Sant verzichtet auf eine eindeutige Chronologie. Er beginnt mit einer späten Szene, kehrt danach zu einer frühen Szene zurück und springt anschließend gern mal zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Ohne das immer kenntlich zu machen. Zusammengehalten wird dieses Wirrwarr durch eine gewohnt starke Leistung von Joaquin Phoenix (Walk The Line, A Beautiful Day), der sich mit voller Inbrunst in eine nicht immer schmeichelhafte Rolle wirft. Ob er gerade vor Selbstmitleid zerfließt oder auch mal Humor zeigt, es macht Spaß ihm dabei zuzusehen so wie der Unterhaltungsfaktor des Biopics allgemein recht hoch ist.



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Wenn ein querschnittsgelähmter Trinker, der seine Hände kaum benutzen kann, seine Liebe zum Comiczeichnen entdeckt, dann ist das eine mindestens ungewöhnliche Geschichte. Das Biopic über John Callahan schwankt dabei zwischen bitterem Alkoholdrama und humorvollem Feel-Good-Movie, kümmert sich weniger um den Künstler. Das hat nicht immer den gewünschten Tiefgang, ist aber allein schon aufgrund eines voller Inbrunst auftretenden Joaquin Phoenix sehenswert.
8
von 10