© Viennale, Robert Newald

Sandra Wollner [Interview]

Everytime (Kinostart: 6. August 2026) erzählt von dem tragischen Tod von Jessie (Carla Hüttermann), die auf unglückliche Weise vom Dach gefallen ist. Der Film erzählt aber auch von den Hinterbliebenen, von der Mutter Ella (Birgit Minichmayr), der jüngeren Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) und ihrem Freund Lux (Tristán López), der im Moment des Todes dabei war, und wie sie versuchen, irgendwie mit dem Leben weiterzumachen, eine Zukunft zu finden, während die Vergangenheit sie überall hin zu verfolgen scheint. Selbst nach Teneriffa, wo sie einen Urlaub und eine Zeit nachholen, die nie stattgefunden hat und dabei nie geendet ist. Wir haben Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Wollner bei der Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München 2026 getroffen. Im Interview zu dem Drama spricht sie über Wege aus der Trauer, die Wahrnehmung von Zeit und Tische, die (manchmal) Tische sind.

Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Everytime verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Es gab nicht den einen Moment, der das ausgelöst hat. Ich hatte 2020 wieder angefangen zu schreiben. Dabei haben sich diese Figuren, die schon länger mit mir herumwandern, aufgedrängt und ich habe gemerkt, dass ich sie nicht abschütteln konnte. Die drei gehen nicht direkt auf Figuren aus meinem Leben zurück. Aber wie das so ist beim Schreiben: Da fließt ganz viel von den Menschen hinein, die du getroffen hast. Diesen Figuren wollte ich nachgehen und bin so bei diesem merkwürdigen Film gelandet.

Und wie bist du von diesen Figuren auf das Trauerthema gekommen?

Die Mutter, die ihr Kind verloren hat, hat mich schon eine Weile begleitet. Ich hatte schon ganz früh Bilder, wie die Mutter wieder mit dem toten Kind konfrontiert wird. Das war also von vornherein klar. Es war aber auch das Einzige, was klar war.

Der Tod des Kindes ist auch deshalb tragisch, weil er unter so unglücklichen und vermeidbaren Umständen geschieht. Denkst du, dass dies Auswirkungen auf die Trauer an sich hat?

Ich denke, das macht einen großen Unterschied. Als mein Vater gestorben ist, war das ein wohlverdienter Tod, wenn man das so sagen kann. Da war jemand gegangen, der ein langes, langes Leben hatte und bei dem der Tod vorhersehbar war. Das ist etwas anderes, als wenn jemand durch etwas so Furchtbares und Vermeidbares aus dem Leben gerissen wird. Deswegen war es mir auch wichtig, nicht diesen Moment danach zu zeigen. Dazu wäre ich glaube ich gar nicht in der Lage gewesen. Das hätte ich nicht darstellen können. Ich hätte das aber auch selbst nicht sehen wollen. Da wäre vermutlich eine lange Ohnmacht gewesen. Ein Schwarz, in dem man erst einmal nichts hören und nichts sehen kann. Mich hat die verblassende Trauer interessiert.

Trauernde Menschen zu zeigen, kann schnell voyeuristisch werden. Wie hast du das vermieden?

Das stimmt. Aber für mich war früh klar, dass das kein Thema für mich sein würde, weil ich eben keine Menschen in ihrer tiefen Trauer zeigen wollte. Bei mir sollte es um Menschen gehen, die trauern, aber gleichzeitig weiterleben müssen. Die Mutter in Everytime muss allein schon wegen ihrer jüngeren Tochter weitermachen. Sie muss alles am Laufen halten. Dadurch hat sich die Gefahr des Voyeurismus für mich gar nicht so ergeben, weil mich diese Momente nicht so interessiert haben.

Wobei dieses Weitermachen auch eine Gratwanderung ist. Wie mache ich weiter? Ab wann mache ich weiter? Ella hat zwischendurch das Gefühl, dass sie zu schnell weitermacht.

Es ist ein Irrglaube, an diesen fünf berühmten Trauerphasen festzuhalten. Es gibt sie schon. Sie werden aber nicht schön linear nacheinander abgearbeitet, damit du einen Haken darunter setzen kannst. Diese Phasen passieren gleichzeitig, sie passieren nebeneinander. Sie können sich auch komplett überlagern. Und sie fangen immer wieder von vorne an. Deswegen ist es auch ganz schwierig zu sagen: Ab dem Zeitpunkt mache ich wieder weiter. Hinzu kommt, dass niemand so selbstreflektierend ist. Wir können manchmal aus uns heraustreten und uns selbst analysieren. Aber eben nicht immer. Sonst wüssten wir immer, was wir tun müssten. Dieses Hadern von Ella ist auch ein Ausprobieren. Wie weit darf ich mich nach vorne lehnen? Da kann ein Lachen schnell in ein Weinen übergehen, weil das etwas Körperliches auslöst. Das ist aber auch die Szene, wo diese ganzen Emotionen am meisten verhandelt werden. Ich wollte keinen Tearjerker drehen, bei dem du mit den Figuren weinst. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mehr von solchen Szenen eingebaut.

Du hast gemeint, dass wir wüssten, was zu tun ist, wenn wir aus uns heraustreten könnten. Würde das dann auch bedeuten, dass wir tun würden, was richtig ist?

Das natürlich nicht. Wir wissen oft, was das Richtige wäre, und tun es trotzdem nicht, weil unser Gefühl der Analyse hinterherhinkt.

Ein weiteres Thema in deinem Film ist Zeit und wie wir diese wahrnehmen. Ganz allgemein: Was ist Zeit eigentlich? Wie würdest du sie definieren?

Richtig definieren kann ich sie auch nicht. Aber es stimmt schon, dass das Thema mich beschäftigt. Das hat es auch schon in meinen früheren Filmen und es kommt zu einer Verschränkung von etwas Vergangenem, etwas Gegenwärtigem und etwas Zukünftigem. Sie können ein kleiner Moment sein. Sie können aber auch gedehnt werden und eine Ewigkeit bedeuten. In Everytime versuche ich, das aus der Perspektive des verstorbenen Mädchens zu sehen, ohne das auszuformulieren und ganz klarzumachen. Es ist ein Gedanke für eine Szene, an dem ich mich reibe. Das ist etwas, das sich durch die Zeit zieht, die sich am Ende auflöst. Jessie sieht kurz vor ihrem Tod den Sonnenaufgang. Und das ist es, was sie mitnimmt, was das Letzte ist, an das sie sich erinnert. Es gibt eine Arbeit namens „Sun Piece“ von Yoko Ono. Diese besteht nur aus einem kurzen Text: „Watch the sun until it becomes square.“ Das ist wie eine Meditationsübung, bei der die innere Welt von einer äußeren Welt überlagert wird. Wir versuchen, die äußere Welt auszublenden oder sie zu formen. Wir tragen immer unsere inneren Welten mit uns herum und gleichen sie mit der äußeren ab. Im Idealfall könnten wir sie dann mit der eigentlichen Welt überlagern. Und ein bisschen ist es das, was in dem Film passiert.

Können wir diese äußere Welt überhaupt erkennen?

Ich hatte selbst einmal eine trippige Erfahrung. Ein Traum, der einfach nicht enden wollte. Mein ganzes Leben lang würde ich mich als Konstruktivistin bezeichnen, die sehr gerne darüber gesprochen hat, ob ein Tisch wirklich ein Tisch ist. Als ich am Ende des Traums wieder zu mir kam, war ich heilfroh, dass dieser Tisch einfach nur ein Tisch ist und für alle Beteiligten ein Tisch ist. Ich finde dieses Konzept einer inneren Idee wundervoll und zermartere mir gern den Kopf darüber. Aber in der Realität können wir uns doch meistens darauf einigen, dass ein Tisch ein Tisch ist.

Und wie kam es zu dem Setting? Warum Teneriffa?

Da bin ich einfach dieser Figur gefolgt und habe mich gefragt: Was wäre ein Ort, an den sie fahren würde? Zu dem sie vielleicht auch eine Beziehung hat? Da bin ich auf den Süden von Teneriffa gekommen, wo viele Deutsche hinfahren, vor allem mit ihren Familien. Dann habe ich mich aber in diesen Ort im Norden verliebt, ein kleiner Fischerort. Dort gibt es einen bizarren Leuchtturm und ein Apartmentgebäude, das in den 70ern gebaut wurde. Irgendwie schwingt da etwas sehr aus der Zeit Gefallenes mit. Ein Ort, der sich anfühlt wie eine alte Postkarte. Das schien mir das richtige Setting zu sein für die Geister, die ich da gerufen habe.

Letzte Frage: Gibt es nächste Projekte, über die du schon sprechen kannst?

Ich arbeite an einem prähistorischen Stoff, der vor 70.000 Jahren spielt und wo es um eine Gruppe von Kindern geht, weil die Erwachsenen alle verstorben sind. Es geht da auch ein bisschen um das Thema, wie die Geister in die Welt gekommen sind. Aber es ist noch sehr früh und ich bin in einer Phase, wo ich noch raus in die Welt gehe und mich inspirieren lasse. Deswegen kann ich noch nicht sagen, ob das wirklich der nächste Film sein wird.

Vielen Dank für das Interview!



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