
Leonie (Emma Suthe) und Marlene (Merle von Mach) sind beste Freundinnen, gerade 18 geworden und überzeugt, dass ihre Verbindung jeder Veränderung standhalten wird. Doch als Leonie sich in Naomi (Marie Tragousti) verliebt, verschiebt sich das fragile Gleichgewicht ihres Lebens. Die intensive erste Liebe bringt Glück und Nähe, wird jedoch zunehmend von Naomis Depressionen und selbstverletzendem Verhalten überschattet. Während Leonie versucht, Verantwortung für ihre Partnerin zu übernehmen, verliert sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre engste Freundschaft aus dem Blick. Nach dem Ende der Beziehung verlässt sie Berlin, beginnt in Brandenburg eine Ausbildung zur Gemüsegärtnerin und findet langsam zu einer neuen Form von Stabilität. Jahre später sucht sie den Kontakt zu Marlene wieder – und muss feststellen, dass die Zeit niemanden unverändert lässt.
Filmische Langzeitsudie
Mit Ninja Motherf*cking Destruction legt Lotta Schwerk ihr Langfilmdebüt vor. Und zwar eines, das schon aufgrund seiner Entstehung Aufmerksamkeit verdient. Über acht Jahre hinweg entstand der Film ohne klassische Filmförderung und fernab institutioneller Produktionsstrukturen. Stattdessen entwickelte Schwerk gemeinsam mit ihrem Ensemble eine filmische Langzeitstudie, in der die Figuren mit ihren Darstellerinnen tatsächlich älter werden. Dieser unabhängige, fast trotzig selbstbestimmte Produktionsansatz verleiht dem Film eine Authentizität, die sich kaum künstlich herstellen ließe.
Man spürt in nahezu jeder Szene, dass Schwerk ihren Figuren mit großer Zuneigung begegnet. Sie interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für Zwischentöne. Die Geschichte selbst bleibt dabei erstaunlich schlicht. Wer eine klassische Dramaturgie mit klar gesetzten Höhepunkten erwartet, dürfte sich stellenweise verloren fühlen. Stattdessen vertraut der Film darauf, dass Emotionen und Atmosphäre tragen – was häufig gelingt, gelegentlich aber auch in Beliebigkeit umzuschlagen droht.
Freundschaft vs. Liebe
Besonders stark ist Ninja Motherf*cking Destruction, wenn er Freundschaft und Liebe nicht gegeneinander ausspielt, sondern ihre komplizierten Überschneidungen zeigt. Leonies Wunsch, Naomi zu retten, entwickelt sich schleichend zu einer Überforderung, die der Film angenehm unaufgeregt erzählt. Psychische Erkrankungen werden weder dramatisiert noch romantisiert, sondern als belastender Bestandteil einer Beziehung gezeigt. Gleichzeitig gelingt es Schwerk, den Blick konsequent bei Leonie zu halten: Es geht nicht darum, Lösungen zu präsentieren, sondern das Gefühl einzufangen, langsam die Orientierung im eigenen Leben zu verlieren.
Auch visuell überzeugt der Film über weite Strecken. Die Kamera sucht immer wieder die Nähe zu Gesichtern und Körpern, ohne voyeuristisch zu wirken. Gerade darin zeigt sich Schwerks erklärtes Interesse an einem weiblichen und queeren Blick, der Intimität nicht mit Objektifizierung verwechselt. Berlin erscheint als flirrende Ansammlung aus Nachtlichtern und Wohnungen, später setzt Brandenburg mit seinen Feldern einen wohltuenden Kontrast. Diese Veränderung wirkt nicht symbolisch überhöht, sondern erstaunlich selbstverständlich.
Dass die Figuren über reale acht Jahre altern, ist weit mehr als ein cleverer Gimmick. Kleine Veränderungen in Mimik, Haltung oder Stimme erzählen oft mehr als Dialoge. Der Vergleich zu Richard Linklaters Boyhood liegt deshalb nahe, auch wenn Schwerk deutlich intimer und subjektiver arbeitet. Ihr Interesse gilt weniger dem gesellschaftlichen Panorama als den emotionalen Verschiebungen innerhalb eines kleinen Freundeskreises.
Starke Darstellerinnen
Großen Anteil daran haben die drei Hauptdarstellerinnen. Emma Suthe trägt den Film mit einer bemerkenswert natürlichen Präsenz, während Marie Tragousti Naomi zugleich anziehend und verletzlich erscheinen lässt. Merle von Mach wiederum verleiht Marlene genau jene stille Selbstverständlichkeit, deren Verlust erst im Verlauf des Films schmerzhaft spürbar wird. Unterstützt wird das Ensemble von einem stimmigen deutschsprachigen Pop-Soundtrack, der den Zeitgeist einfängt, ohne sich aufdringlich in den Vordergrund zu drängen.
Ganz frei von Schwächen ist der Film allerdings nicht. Manche Episoden wirken skizzenhaft, einige Entwicklungen hätten von etwas mehr erzählerischer Zuspitzung profitiert. Gerade im letzten Drittel verlässt sich Schwerk bisweilen zu sehr auf Stimmung und Wiederholung. Das passt zwar zur beobachtenden Form, kostet den Film aber auch erzählerische Spannung.
Dennoch bleibt Ninja Motherf*cking Destruction ein bemerkenswert persönliches Debüt. Nicht, weil es alles richtig macht, sondern weil es den Mut besitzt, sich gängigen Erzählmustern zu verweigern. Aus seiner Unabhängigkeit entwickelt der Film eine eigene Handschrift – roh, zärtlich und manchmal etwas unfokussiert, aber immer aufrichtig.
OT: „Ninja Motherf*cking Destruction“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Lotta Schwerk
Buch: Lotta Schwerk
Kamera: Fion Mutert
Besetzung: Emma Suthe, Merle von Mach, Marie Tragousti, Yildiz Tiryakioglu, Maximilian Mundt, Roderich Gramse
Filmfestival Max Ophüls Preis 2025
Achtung Berlin 2025
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