Kenji Tanigaki [Interview]

Mit The Furious liefert Regisseur Kenji Tanigaki eine kompromisslose Rückkehr zum klassischen Martial-Arts-Kino ab. Der japanische Filmemacher arbeitete über viele Jahre als Action Director und Stunt Coordinator an zahlreichen Hongkong- und internationalen Produktionen und war unter anderem an Filmen wie SPL: Kill Zone, Flash Point oder der Rurouni Kenshin-Reihe beteiligt. Dabei machte er sich vor allem durch physische Actionsequenzen, klare Choreografien und einen Stil einen Namen, der sich bewusst von hektischem Schnitt und übermäßigem CGI absetzt.

Auch The Furious setzt ganz auf Körperlichkeit, praktische Stunts und unterschiedliche Kampfstile seiner Darsteller. Mit Schauspielern und Martial-Arts-Künstlern wie Joe Taslim, Xie Miao und Yayan Ruhian verbindet der Film Einflüsse des klassischen Hongkong-Kinos mit moderner, internationaler Actionästhetik. Nach seiner Premiere beim Toronto International Film Festival sowie weiteren Festivalstationen in Sitges und Busan startet The Furious am 18. Juni 2026 auch in den deutschen Kinos.

The Furious fühlt sich sehr physisch und beinahe wie ein klassischer Old-School-Actionfilm an – gerade in einer Zeit, in der viele Actionfilme stark von CGI und hektischem Schnitt geprägt sind. Was war die ursprüngliche Idee hinter dem Projekt?

Ich habe vorher schon mit dem Produzenten gearbeitet, vielleicht drei Mal, und eines Tages rief er mich an und sagte: „Wir müssen den ultimativen Actionfilm machen.“ Er hatte das Gefühl, dass es in China heutzutage viele moderne Actionfilme, Wuxia-Filme oder Science-Fiction-Actionfilme gibt. Reine Martial-Arts-Filme hingegen sind viel seltener geworden. Deshalb dachte er, dass es noch Raum gibt, etwas in diese Richtung zu entwickeln.

Am Anfang war die Idee vor allem auf den chinesischen Markt ausgerichtet. Aber je mehr wir darüber gesprochen haben, desto mehr hatten wir das Gefühl, dass wir vielleicht auch international ein Publikum erreichen könnten. So hat alles angefangen.

Wir wussten außerdem, dass westliche Zuschauer oft geerdetere Action mit weniger CGI und weniger hektischem Schnitt bevorzugen. Das wurde ein wichtiger Teil unseres Ziels. Ich beschreibe es manchmal so: Viele Actionfilme sind wie ein großes Orchester, während unser Film eher wie Unplugged-Musik ist.

Außerdem mussten wir verstehen, wo unsere Stärken liegen. Wenn wir versuchen würden, mit riesigen Schießereien oder gigantischen Auto-Stunts mitzuhalten, wären wir wahrscheinlich nicht die Besten darin. Wir sind Hongkong-Filmemacher und dürfen unsere Wurzeln nicht vergessen. Deshalb wollten wir zurück zu den Grundlagen – nur der Körper, Arme und Beine und Menschen, die physisch gegeneinander kämpfen.

So hat alles begonnen.

Die Actionsequenzen fühlen sich je nach Figur sehr unterschiedlich an. Jeder Darsteller bringt eine ganz eigene körperliche Dynamik mit. Wie haben Sie die individuellen Kampfstile für die Besetzung entwickelt?

Zunächst einmal hatten wir großes Glück, so talentierte Schauspieler zu haben, die wirklich kämpfen können. Das ist der wichtigste Punkt. Ohne solche Darsteller wäre es unmöglich, Actionsequenzen dieser Art umzusetzen.

Jeder Schauspieler bringt außerdem einen ganz eigenen Kampfsport-Hintergrund mit. Joe Taslim war Mitglied der indonesischen Judo-Nationalmannschaft. Xie Miao kommt aus dem Wushu. Yayan Ruhian praktiziert Pencak Silat. Jee Ja Yanin hat ihren eigenen, vom Karate beeinflussten Stil. Brian Le bringt ebenfalls seinen ganz eigenen Hintergrund mit. Ihre Persönlichkeit und ihre körperliche Präsenz sind bereits sehr stark ausgeprägt. Deshalb wollten wir darauf aufbauen, statt alle in denselben Stil zu pressen.

Von Anfang an wussten wir, dass wir Xie Miao haben würden, aber wir brauchten den richtigen Gegenpart. Wir wollten niemanden, der ihm zu ähnlich ist. Deshalb dachte ich an Joe Taslim. Er ist körperlich völlig anders, und ihre Kampfstile ergänzen sich perfekt.

Wushu basiert stark auf Distanz und Bewegung, während Judo davon lebt, die Distanz zu schließen und den Gegner zu greifen. Allein dadurch entsteht bereits eine interessante Dynamik. Joe versucht zu greifen, während Xie Miao versucht, genau das zu vermeiden.

Auch ihre Persönlichkeiten ergänzen sich gut. Eine Figur ist stumm, während die andere sehr viel redet. Diese Kombination fand ich sehr spannend.

Also flog ich nach Indonesien, um Joe Taslim zu treffen. Zuerst wurden wir Freunde, und dann sagte er dem Film zu. Danach kontaktierte ich Yayan Ruhian und die anderen, und glücklicherweise wollten alle mitmachen.

Wir hatten wirklich großes Glück.

Als wir vor einigen Jahren mit Joe Taslim über The Swordsman gesprochen haben, meinte er, dass er Kampfszenen nicht einfach nur als Action betrachtet. Er sieht sie eher wie ein Theaterstück, bei dem jeder Kampf seine eigene Dramaturgie besitzt – eine Exposition, einen Höhepunkt und einen Abschluss. Haben Sie einen ähnlichen Ansatz bei Actionsequenzen?

Ja, absolut.

Ich finde, dass man Action niemals von Drama trennen sollte. Viele Leute sagen, Action sei Teil der Geschichte – und natürlich stimmt das. Für mich ist ein Actiondrama einfach Drama. Action sollte dramatisch sein, und Drama sollte gleichzeitig physisch sein.

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum viele Menschen versuchen, diese Dinge so strikt voneinander zu trennen. Für mich ist eine Actionszene einfach eine andere Form einer dramatischen Szene.

Schon bei meinen ersten Gesprächen mit Joe hatte ich das Gefühl, dass wir dieselbe Vorstellung davon haben. Und ich glaube, viele Actiondarsteller und Actionregisseure sehen das ähnlich.

Die Kühlhaus-Sequenz hat mich stark an Bruce Lees Kampfszene aus The Big Boss erinnert. War diese Referenz bewusst angelegt?

Ich war schon immer ein Fanboy des Hongkong-Actionkinos – und ehrlich gesagt bin ich das bis heute. Deshalb entstehen solche Referenzen ganz automatisch. Viele unserer Ideen sind von älteren Filmen beeinflusst.

Das Setting der Eisfabrik ist zum Beispiel definitiv von The Big Boss inspiriert. Wir haben in Bangkok gedreht und tatsächlich auch den echten Schauplatz besucht, der mit dem Film verbunden ist. Allerdings lag dieser sehr weit außerhalb der Stadt. Am Ende fanden wir einen anderen Ort, der als unsere eigene Version der Eisfabrik funktionieren konnte. Die Inspiration kam also eindeutig von The Big Boss.

Auch Yayan Ruhians roter Trainingsanzug ist von Bruce Lee inspiriert. Und selbst die finale Sequenz besitzt Einflüsse des Spaghetti-Western.

Was bei Gesprächen über Hongkong-Actionkino manchmal übersehen wird, ist der emotionale Kern vieler Filme. Auch The Furious erzählt letztlich die Geschichte eines Vaters, der verzweifelt nach seiner Tochter sucht. Wie wichtig war Ihnen diese emotionale Ebene?

Ich glaube, dass Menschen überall auf der Welt diese Art von Geschichte sofort emotional verstehen können.

Während des Schreibprozesses dachten wir auch an reale Probleme in Südostasien, besonders an Dinge, die in Ländern wie Kambodscha oder Laos passieren, etwa Menschenhandel. Ein Vater, der nach seiner Tochter sucht, ist eine sehr universelle Geschichte. Zuschauer verstehen die emotionalen Einsätze sofort. Sie spüren direkt, dass diese Menschen gefährlich sind und dass die Tochter gerettet werden muss.

Dadurch findet das Publikum sehr schnell Zugang zur Geschichte und zur Welt des Films.

Sie haben das bereits kurz angesprochen, aber einer der Protagonisten kommuniziert nicht über seine Stimme. Stattdessen nutzt er Gebärdensprache, Bewegung und körperlichen Ausdruck. Sehen Sie Action selbst – nicht nur Kämpfe, sondern Bewegung allgemein – als eine Form des Charakterausdrucks?

Ja, genau.

Ursprünglich war eigentlich geplant, dass die Tochter stumm ist und nicht der Vater. Während der Entwicklung merkten wir jedoch, dass es mehr Spannung und mehr emotionale Beteiligung erzeugt, wenn er selbst stumm ist.

Dadurch waren wir außerdem gezwungen, uns weniger auf Dialoge und stärker auf physisches Erzählen zu konzentrieren. In gewisser Weise erinnerte das fast an Stummfilme.

Sie arbeiten seit vielen Jahren als Action Director und Stunt Coordinator in verschiedenen Ländern – unter anderem auch in Deutschland. Hat es Ihre Sicht auf Actionszenen verändert, plötzlich als Hauptregisseur für ein Projekt verantwortlich zu sein?

Als Regisseur habe ich immer noch das Gefühl, ständig zu lernen. Ehrlich gesagt gibt es selbst als Action Director Momente, in denen ich mir das Material im Schneideraum ansehe und denke: „Warum habe ich das am Set so gemacht?“ Also lerne ich ständig dazu.

Als Regisseur sehe ich mich immer noch als Anfänger. Ich suche noch immer nach meinem eigenen Stil. Aber ich genieße beide Rollen sehr.

Außerdem hatte ich das Glück, mit vielen großartigen Regisseuren zusammengearbeitet zu haben. Allein dadurch, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, habe ich viel gelernt. Diese Erfahrungen kann ich heute für meine eigenen Drehs nutzen.

Wenn wir schon über den Prozess des Filmemachens sprechen: Welcher Teil des Filmemachens macht Ihnen – abgesehen von der Actionchoreografie – am meisten Spaß?

Ehrlich gesagt? Alles. Denn manchmal entstehen beim Filmemachen Momente, die sich fast wie Magie anfühlen.

Ich meine damit nicht, dass Filmemacher Magier sind. Aber es gibt Situationen, in denen plötzlich etwas zusammenkommt, mit dem man selbst nicht gerechnet hat. Die Vorproduktion macht Spaß. Locationscouting macht Spaß. Gleichzeitig lebt man während eines Films aber auch sehr lange mit Unsicherheit. Selbst am Set kann man eine Einstellung drehen, die sich zunächst großartig anfühlt, und später fragt man sich doch wieder, ob sie wirklich zur Geschichte passt. Und im Schneideraum verändert sich die Perspektive erneut.

Aber irgendwann wird der Film vollständig, und dieses Gefühl ist sehr befriedigend.

Für mich ist Filmemachen ein bisschen so, als würde man ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund aussuchen. Man geht in ein Geschäft und versucht, etwas zu finden, das die Person wirklich lieben wird. Es spielt keine Rolle, ob das Geschenk teuer oder billig ist. Wichtig ist nur, dass es etwas bedeutet.

Filmemachen ist allerdings viel schwieriger, weil man nicht einfach für einen Geburtstag am nächsten Tag einkauft, sondern vielleicht drei Jahre lang an diesem „Geschenk“ arbeitet. Tausende Menschen wirken daran mit. Und am Ende präsentiert man dieses Geschenk dem Publikum, ohne wirklich zu wissen, ob die Menschen es lieben werden oder nicht. Aber sobald der Film fertig ist, spürt man auch Erleichterung. Man muss nicht länger nervös sein. Das Geschenk existiert.

Ob die Menschen es mögen oder nicht, liegt dann nicht mehr vollständig in deiner Hand.

Vielen Dank für das Interview. Und um bei Ihrer Metapher zu bleiben: Das „Geschenk“, das Sie mit The Furious gemacht haben, hat mir wirklich sehr gefallen. Ich habe den Film bereits einigen Actionfans empfohlen und bin sicher, dass auch sie viel Freude daran haben werden.

Vielen Dank. Ich kenne Deutschland tatsächlich ein wenig, weil ich 1999 und 2000 in Berlin bei RTL gearbeitet habe. Dort habe ich viele Martial Artists und Filmemacher kennengelernt, die Actionkino wirklich lieben.

Deshalb hoffe ich sehr, dass auch das deutsche Publikum diesen Film genießen wird.



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